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Zu früh für Mrs. President

Es ist eigentlich nicht meine Art, negative Gefühle mit Shopping zu kompensieren. Doch am Tag nach der US-Präsidentschaftswahl habe ich mir eine Schultertasche, die ich schon lange im Auge hatte, gegönnt. Ich liebe das neue Stück – auch wenn ich nicht glücklich darüber bin, dass sich in meinem Kopf irgendwie der Ausdruck „Trump-Tasche“ festgesetzt hat. Jetzt werde ich durch sie ständig daran erinnert, wie unerfreulich der Wahlkampf verlaufen ist und mit welchem Ergebnis er geendet hat.

Die letzten 18 Monate lassen bei mir in mancherlei Hinsicht einen bitteren Geschmack zurück, auch wenn ich hier als „Resident“ selbst nicht wählen kann: die Schrillheit des politischen Diskurses, in dem Fakten und politische Inhalte zugunsten von unhaltbaren Behauptungen und Beschimpfungen in den Hintergrund traten; das Misstrauen und die Vorbehalte, die von Donald Trump gegen Menschen muslimischen Glaubens, Immigranten und andere Gruppen geschürt wurden; die tiefen Gräben, die sich überall im Land offenbart und vertieft haben, zwischen Stadt- und Landbevölkerung, Bürgern unterschiedlicher Hautfarbe, Herkunft, Religion, Generation und wirtschaftlicher Lage. Ein Aspekt, der mich als Frau besonders bedrückt: das Ausmaß an Sexismus, das zu Tage trat.

Da war zunächst Trumps eigenes, offenbar problematisches Verhältnis zum weiblichen Geschlecht: seine abwertenden und beleidigenden Kommentare über Politikerinnen, Journalistinnen und viele andere („hässlich“, „albern“, „neurotisch“, „Essmaschine“) sowie seine Prahlerei, als „Star“ könne er Frauen zwischen die Beine greifen und sie würden ihn einfach machen lassen. Die Bemerkungen waren schlimm genug – schlimmer noch die Tatsache, dass sie ihn bei so vielen Wählern nicht disqualifizierten. Auch bei manchen Frauen nicht: Man hörte immer wieder Kommentare wie „So reden Männer halt“ oder gar „Ich find das gut. Ich mag es, wenn Männer grabschen“. Im Trump-Lager gab es zugegebenermaßen auch viele, die sich von seinen frauenfeindlichen Anwandlungen distanzierten. Dennoch blieb als Fazit zurück, irgendwie sind seine Einstellungen gegenüber Frauen okay. Eine bedenkliche Botschaft, besonders für Mädchen und junge Frauen. In einer von der New York Times in Auftrag gegebenen Umfrage unter 14- bis 17-Jährigen sagte fast jede zweite, Trumps negative Bemerkungen hätten beeinflusst, wie sie über ihren eigenen Körper denke. „Obwohl ich weiß, dass die Dinge, die er über Frauen sagt, nicht stimmen“, so eine 17-jährige Jugendliche, „kann ich nicht anders, als mich missachtet zu fühlen und irgendwie entmutigt.“

Hillary Clinton bekam Sexismus zum Teil auf heftigste Weise zu spüren, nicht nur durch Trump selbst, der fand, sie sei „nasty“ (garstig, bösartig, widerlich) und ihr Aussehen würde sie für das Amt des Präsidenten disqualifizieren, sondern auch durch seine Unterstützer. Auf Trump-Veranstaltungen kauften sie Buttons, die Sprüche trugen wie „KFC Hillary Special: 2 fette Schenkel. 2 kleine Brüste. Linker Flügel“, und brüllten „Sperrt sie ein“. Aber es gab auch subtilere Ressentiments. Schon im Vorwahlkampf wurde kritisiert, sie sei nicht liebenswert genug und rede zu laut. Selbst in eher links orientierten Medien hörte man solche Wertungen. Ihr männlicher Kontrahent Bernie Sanders dagegen, der oft grantig rüberkommt und seine Reden gerne in Form von Schimpftiraden hält, musste sich meines Wissens so etwas nicht sagen lassen.

Vielleicht hätte man mit solchen Reaktionen rechnen müssen. Die sozialpsychologische Forschung zeigt, wie Peter Beinart in einem Artikel im Magazin The Atlantic anschaulich erläutert, dass Frauen, die Machtpositionen anstreben, bei beiden Geschlechtern Ängste auslösen können. Vor diesem Hintergrund sei es nicht erstaunlich, so der Journalist, dass die Urteile über weibliche Kandidaten oft schärfer ausfallen. Er zitiert eine Studie von 2010, die fand, dass sich die Einstellung der (männlichen und weiblichen) Teilnehmer über einen fiktiven Senator nicht änderte, wenn man ihnen sagte, der Politiker sei ehrgeizig. Ging es dagegen um eine Senatorin, löste die Beschreibung „ehrgeizig“ Gefühle wie Ärger, Empörung oder Verachtung aus. Beide Geschlechter betrachteten mächtige Frauen kritisch, so Beinart, aber Männer tendierten zusätzlich zu Aggressivität, insbesondere wenn ihre Männlichkeit bedroht werde oder sie sich einer Frau unterlegen fühlten. In einer italienischen Untersuchung verlangten männliche Kandidaten in einem Bewerbungsgespräch mehr Geld, wenn sie einer Personalmanagerin gegenübersaßen. Eine kanadische Studie zeigt, dass Frauen, die einen „Männerjob“ ausüben oder eine „maskuline Persönlichkeit“ haben, häufiger Opfer sexueller Übergriffe werden.

Hat Clinton die Wahl verloren, nur weil sie eine Frau ist? Das glaube ich nicht. Zweifellos kam sie mit einer Menge Ballast, etwa ihre Entscheidung, als Außenministerin einen privaten E-Mail-Server zu benutzen oder offene Fragen um die Clinton-Stiftung, und manche ihrer Pläne blieben vage und überzeugten nicht. Aber ihr Frausein war ein zusätzlicher Faktor, der ihr – und nicht ihren Kontrahenten – die Akzeptanz bei Wählern erschwerte. In ihrer Rede nach der Wahlschlappe sagte sie mit Blick auf ihr Ziel, erste Präsidentin der USA zu werden: „Wir haben die Glasdecke nicht zertrümmern können. Aber irgendwann wird es jemand tun, hoffentlich früher als später.“ Und in dieser Hinsicht stimme ich ihr voll und ganz zu.

One Response to "Zu früh für Mrs. President"

  • Herold, Jürgen
    14. Dez 2016 - 15:17 Reply

    Nun, wir kompensieren doch alle unseren Frust unsere manchmal Unausgeglichenheit, mit dem Kaufverhalten, oder Essen. Dafür muß nicht nur Trump herhalten. Er, der alles Negative durch sein Verhalten, in die Öffentlichkeit getragen hat. Was er öffentlich tut, machen viele hinter verschlossenen Türen. Vor Trump gab es schon sehr oft, besonders in diesen „Wolken“-Bereichen der Politik viele andere, die nicht nur Worte, sondern auch Taten folgen ließen (Berlusconi, Strauss Kahn). Trotzdem würde ich es nicht nur auf das Sexismusproblem reduzieren. Es gibt auch Frauen die das genau Gegenteil beweisen. Sollten sich dann die Männer auch reduziert sehen.
    Ich denke es gibt mehr, als die Reduzierung auf das Geschlecht. Ganz einfach Sympathie, oder eben nicht. Natürlich geschürt durch die Bilder und Texte in den Medien. Bilder sprechen eben oft mehr als tausend Worte.

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