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Wie ein Gefängnis in Chicago versucht, eine gute psychiatrische Klinik zu werden

Im Coffeeshop setzt sich ein mittelalter Mann an den Tisch neben mir. Abgesehen von seinem löchrigen Pullover und den ungekämmten Haaren unterscheidet ihn nichts von den anderen Gästen. Doch dann fängt er eine Unterhaltung mit einem nicht vorhandenen Gegenüber an. Er spricht angeregt und hält dann inne, um seinem Gesprächspartner, den niemand außer ihm sehen und hören kann, zu lauschen; nach einem herzhaften Lachen fährt er mit seinen Ausführungen fort.

Selbst nach 11 Jahren in den USA habe ich mich nicht daran gewöhnt, wie häufig man im Alltag Menschen begegnet, die offenbar unter Halluzinationen oder anderen Symptomen psychischer Krankheiten leiden: auf der Straße, im Bus oder eben im Café. Das psychiatrische System des Landes funktioniert nicht, beklagen Experten. Familien haben Schwierigkeiten, einen Betreuungsplatz für erkrankte Angehörige zu finden. Rund die Hälfte von Menschen, die unter Schizophrenie oder einer bipolaren Störung leiden, sind nicht in Behandlung, wie Studien zeigen.

Die Wurzeln der Misere gehen weit zurück. Wie vielerorts in Europa wurde auch in den USA in den 1960er Jahren die „Deinstitutionalisierung“ forciert, eine Verlagerung der Versorgung von psychiatrischen Kliniken in Gemeinde-basierte Einrichtungen. Viele US-Bundesstaaten setzten aber nur eine Seite der Gleichung umfassend um: Während sie die Zahl der Klinikbetten drastisch reduzierten, zeigten sie sich beim Aufbau von Alternativen weniger engagiert. Seit Beginn der großen Rezession 2008 ist über weite Teile des Landes eine neue Welle von Kürzungen bei psychiatrischen Angeboten geschwappt.

Es ist eine desolate Situation mit weitreichenden Konsequenzen: Oft führt der Weg von Menschen mit schweren psychischen Leiden über kurz oder lang in die Obdachlosigkeit – wo sie leicht in Konflikt mit der Polizei geraten und dann in Untersuchungshaft landen. Es wird geschätzt, schreibt das Magazin The Atlantic, dass 25 bis 40 Prozent aller Amerikaner mit psychiatrischen Krankheiten mindestens einmal im Leben Zeit hinter Gittern verbringen. Viele werden immer wieder neu eingeliefert oder müssen nur bleiben, weil sie die Kaution nicht aufbringen können. Meist werden ihnen so genannte Überlebensdelikte zur Last gelegt, also Diebstahl von Lebensmitteln und anderen benötigten Gütern oder Einbruch, um einen Schlafplatz zu finden.

Angesichts leerer Kassen in vielen Bundesstaaten und des ohnehin im Chaos versinkenden Gesundheitssystems scheint es zweifelhaft, dass sich die strukturellen Probleme bald lösen lassen. Wie momentan oft in den USA sind es eher Einzelpersonen, die hoffnungsfroh stimmen. So wie Cook County Sheriff Tom Dart, der als Chef der Strafverfolgungsbehörden für das Gefängnis des Bezirks (zu dem auch Chicago gehört) zuständig ist. Jeder Dritte, der dort einsitzenden 9000 Menschen, so wird geschätzt, leidet unter irgendeiner Form von psychischer Erkrankung. Damit ist das Gefängnis, das überwiegend Untersuchungsgefangene beherbergt, de facto die größte psychiatrische Klinik der USA.

Jahrelang, so schreibt Dart in einem Report, habe er in seiner Arbeit die Folgen der beschämenden und teuren Kriminalisierung psychischer Störungen aus erster Hand erfahren – bis er beschloss, so könne es nicht weitergehen. „Wenn man mich in die Situation bringt, der größte psychiatrische Gesundheitsversorger des Landes zu sein, “ so nahm er sich vor, „dann werden wir die besten in diesem Bereich sein.“

Getreu diesem Motto hat der 55-jährige ehemalige Staatsanwalt in den letzten Jahren weitreichende Reformen durchgeführt, die sicherstellen sollen, dass Betroffene weniger wie Inhaftierte und mehr wie Patienten behandelt werden. So absolviert jeder der rund 3500 Vollzugsbeamten nun ein fortgeschrittenes Kriseninterventionstraining, um sich im Umgang mit psychisch Kranken zu üben. Zahlreiche Wärterpositionen wurden ganz in Jobs für Ärzte, Therapeuten oder Sozialhelfer umdefiniert. Die Veränderungen reichen bis zur Führungsebene. In einem sehr ungewöhnlichen Schritt stellte Dart 2015 als oberste Gefängnisleiterin eine promovierte Psychologin ein. Es ist der Versuch, mehr Menschlichkeit in die Zellentrakte zu bringen. Wie eine Ärztin im Krankenhaus macht sie regelmäßige Visiten, bei denen sie mit möglichst vielen Insassen spricht; deren Familien können die Anstaltschefin auf einer auf der Webseite veröffentlichten Telefonnummer persönlich erreichen.

In einem speziellen Zentrum werden psychisch Kranke zudem systematisch auf ihre Entlassung vorbereitet. Dies soll verhindern, dass sie „draußen“ in ein psychisches und soziales Loch fallen und gleich wieder festgenommen werden. Teilnehmer machen Gruppentherapie, frischen schulisches und berufliches Wissen auf und erhalten Unterstützung bei der Suche nach Unterkunft, Behandlung und Arbeitsplatz.

Unumstritten ist Dart nicht, von manchen Mitarbeitern wird er „Sheriff Goofy“ (spinnert) genannt. Es gab Konflikte mit Wachleuten, die das Gefühl hatten, er sei zu nachgiebig mit Inhaftierten und fiele ihnen in den Rücken. Doch bei vielen Experten gilt Darts Ansatz als Modell für Gefängnisse im ganzen Land. Ein optimaler Ort für psychisch Kranke ist das Cook County Jail sicher nicht. Doch solange es keine ausreichende psychiatrische Versorgung gibt, ist es immer noch besser, meine ich, dass Leute wie Dart versuchen, aus Gefängnissen gute psychiatrische Kliniken zu machen.

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