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„What are the options?“

Wenn ich zu Starbucks in unserem Viertel hier in Chicago gehe, bin ich immer wieder fasziniert, welche Kreationen sich die Leute einfallen lassen. Während ich mir einen schlichten “small iced americano” bestelle, verlangt der Mann neben mir einen “venti skinny decaf hazelnut frappuccino, 2 pump sugar-free syrup, extra shot, light ice, no whip”. Die Frau hinter ihm trällert “a half-soy half-whole-milk grande caramel macchiato, extra-hot, extra-whip, sugar-free, please”. Der Konzern aus Seattle hat die Idee des individualisierten Coffee-Drinks in die ganze Welt getragen, doch niemand, so scheint mir, hat sich das Konzept so sehr zu Eigen gemacht wie die heimischen Kunden.

Amerikaner lieben es, Wahlmöglichkeiten zu haben – nicht nur beim Kaffee, sondern in praktisch allen Lebensbereichen. „What are the options?“ ist eine ständig gebrauchte Frage. Im Supermarkt füllen Variationen von Frühstücksflocken, Zahnpasta und Sodas jeweils mehrere Gänge. Je nach Kabelanbieter kann man zwischen Hunderten von Fernsehsendern hin und her springen. Gläubige haben die Wahl zwischen Dutzenden von Kongregationen. Egal ob Krankenversicherungspläne, die Größe des Bettes im Hotelzimmer, eine Schule für die Kinder – fast immer und überall kann man sich zwischen vielen Optionen entscheiden.

Wie lässt sich dieses tiefe Verlangen nach „choice“, nach Wahlmöglichkeiten erklären? Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist Wahl gleichbedeutend mit Freiheit und Autonomie, schreibt Journalistin und Kulturexpertin Amy Choi in einem Artikel auf www.ideas.ted.com: „Meine amerikanischen Mitbürger und ich glauben, dass Wahlmöglichkeiten uns erlauben, uns von anderen abzusetzen, zu beweisen, dass wir frei sind. In den USA ist die vorrangige Vorstellung, dass alles, was man aufgrund von Tradition und sozialen Erwartungen tut, unauthentisch ist. Denn das wahre Selbst zeigt sich in den Optionen, für die wir uns entscheiden.“ Die Wurzeln dieser Auffassung gehen bis in die Zeiten der Gründungsväter zurück, die die Ideen persönlicher und religiöser Autonomie (Aufklärung) und ökonomischer Freiheit (Adam Smiths „unsichtbare Hand“) wie niemand sonst verbanden, erklärt Sheena Iyengar, Professorin an der Columbia Universität, in ihrem Buch The Art of Choosing. So sind die USA heute das individualistischste Land der Welt. In einem Ranking des niederländischen Sozialpsychologen Geert Hofstede erreicht es mit 91 von 100 Punkten die Topposition (zum Vergleich: Deutschland kommt auf 67, die Schweiz auf 68 und Österreich auf 55 Punkte).

Meine Erfahrung mit „choice“? Es kommt darauf an. In vielen Situationen finde ich es angenehm, ja befreiend, viele Wahlmöglichkeiten zu haben und Sachen so machen zu können, wie es meinen Bedürfnissen entspricht. Ein banales Beispiel: In einem amerikanischen Restaurant ist es völlig selbstverständlich, dass man ein Gericht, das auf der Karte steht, ganz nach den eigenen Wünschen abwandeln kann („Statt French Dressing lieber Vinaigrette, keine Schinkenwürfel, dafür extra Kapern und den Lachs nicht pochiert, sondern gegrillt, bitte“). In Deutschland musste ich mir schon schnippische Bemerkungen vom Kellner gefallen lassen, nur weil ich darum bat, die Kartoffeln durch Reis zu ersetzen.

Auf der anderen Seite kann die Flut an Entscheidungen, die man ständig treffen muss, auch furchtbar anstrengend und frustrierend sein. Nach einem Besuch im Container-Store, einem riesigen Spezialladen, der alle denkbaren Arten von Behältern in einer unüberschaubaren Zahl von Variationen führt, sinke ich jedes Mal völlig erschöpft auf die Couch und hadere mit mir („Sind das wirklich die besten Vorratsdosen? Hätte ich nicht besser die eckigen/ die gläsernen/ die roten kaufen sollen?“). Und mir im Deli ein Sandwich zu holen, empfinde ich jedes Mal als Stress, denn man muss dem Verkäufer rund ein Dutzend präziser Anweisungen geben: von Brotsorte und Röstungsgrad bis hin zur Frage, ob man die Stulle am Stück oder durchgeschnitten möchte. In einer deutschen Bäckerei ein belegtes Brötchen zu kaufen ist entspannter. Zahlreiche psychologische Studien bestätigen, dass zu viele Wahlmöglichkeiten Menschen kognitiv überfordern und Stress, Ängste und Zweifel hervorrufen. Es kann sogar dazu führen, dass man blockiert und gar keine Entscheidung mehr trifft.

Interessanterweise gibt es allerdings auch Bereiche, in denen Amerikaner auf „choice“ verzichten und sich ganz von Tradition und sozialen Erwartungen leiten lassen. Einer ist der Speiseplan an Thanksgiving. An diesem Feiertag steht praktisch bei der gesamten Nation das gleiche auf dem Tisch: eine riesige gebackene Pute mit Cranberry-Sauce und danach Pumpkin Pie. Ein anderer ist der Autokauf, wie mein Mann und ich neulich feststellten, als wir uns einen neuen Wagen anschaffen mussten: Man bestellt sich nicht wie in Deutschland genau die Ausführung, die man sich wünscht, sondern wählt aus dem Bestand aus, den der Händler gerade auf Lager hat. Aber vielleicht sagt unsere Verwunderung darüber mehr über die deutsche Autoverliebtheit aus als über amerikanische Kultur.

4 Responses to "„What are the options?“"

  • Meister Eder
    11. Aug 2015 - 11:35 Reply

    Ich lese Frau Schäfers Blog immer sehr gern – auch weil ich selbst 3 Jahre in Boston gelebt habe und mit vielen Amerikanern befreundet bin. Stimmt: einerseits gibt es bei Starbucks unendliche Wahlmöglichkeiten – andereseits gibt es scheinbar nur 1 Modell von Lichtschaltern und Steckdosen im „individualistischsten Land der Welt“ 😉

  • Alexander
    12. Aug 2015 - 17:51 Reply

    Interessante Gedanken, die man, glaube ich, auf viele Lebensbereiche übertragen kann. Was die Wahlfreiheit angeht, würde ich aus persönlicher Erfahrung sagen: Je mehr Wahl, desto weniger Freiheit. Denn Freiheit heißt ja nicht nur, viele Wahlmöglichkeiten zu haben, sondern sich ganz konkret zu entscheiden. Und das fällt bei 2 Gerichten auf der Speisekarte leicht und bei 200 halt schwer. Oder bei 2 Frauen, Berufen etc. leicht und bei 200 schwer. Unter der Wahlfreiheit leidet also so gesehen die (konkrete) Entscheidungsfreiheit; und zudem auch die Freiheit der Entschiedenheit – dazu also zu stehen, wozu man sich entschieden hat. D.h. je mehr Wahl ich gehabt habe, desto größer ist möglicherweise die Gefahr, dass ich die getroffene Entscheidung bereue.

  • Peter
    4. Sep 2015 - 2:46 Reply

    Da ich mich nur für eine Sache entscheiden kann, steigt mit der Anzahl der Wahlmöglichkeiten auch die Anzahl der Dinge, gegen die ich mich entscheide, wodurch die Entscheidung schwerer fällt. Das ist bekannt.
    Problematisch finde ich, dass lediglich Konsumgüter angesprochen werden und vermeidliche Individualität als Lifestyle nur noch als Kaufargument von klugen Marketingexperten angeführt wird und eine Gesellschaft statt zum Individualismus (der gewisse Wertvorstellungen und daraus resultierende Prinzipien voraussetzt) nur zu Konsum und der Überlegung: „Was haben die anderen nicht“ erzieht.
    Die Freiheit, sich gegen eine Sache zu entscheiden wird die Fülle an Möglichkeiten und geschicktes Marketing quasi eliminiert.

  • Clara Fiedler
    28. Sep 2015 - 0:55 Reply

    Naja, aber haben wir wirklich eine Wahl? Ich meine, nutzen die Leute diese Wahlmöglichkeiten auch aus, oder nehmen sie beim Starbucks immer dasselbe, obwohl sie die riesen-auswahl haben?
    Macht uns die Auswahl experimentierfreudiger, oder fühlt es sich deshalb noch sicherer an, „to stick to what we know“?
    Keine Ahnung…aber eine große Auswahl reizt mich oft zumindest dazu, „wiederzukommen“, um was anderes auszuprobieren.

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