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Werdet endlich verrückt!

Nach Jahrzehnten offener Grenzen träumen wir wieder von Heimat und Identität. Eigenes statt Fremdes, Sicherheit statt Freiheit, Landlust statt Stadtfrust. Zugleich feiern wir mit Roger Willemsen und Helmut Schmidt Verstorbene, die Grenzen spielend überwunden haben. Wie passt das zusammen?

„Wir sind jetzt allein. Wenn es etwas gibt, das uns alle in diesen Wochen – ob wir einander kennen oder nicht – verbunden hat: dann ist das dieses Gefühl: alleingelassen und untröstlich zu sein. Jede Nennung seines Namens, jedes Foto, das ihn zeigt, löst noch einmal diesen Impuls aus: Du fehlst, du wirst fehlen, immer neu und anders fehlen. Wie sollen wir jetzt denken, kommentieren, Zeitgenossen sein, wenn Du kein Zeitgenosse mehr bist? Jetzt werden viele solcher Tage kommen.“ [1]

Mit diesen Worten begann Roger Willemsen im Dezember 2013 seine Trauerrede für seinen Freund und Kollegen Dieter Hildebrandt. Heute wirken diese Worte, als habe er, bewusst unbewusst auch über sich gesprochen. Das Programm über die Weltgeschichte der Lüge, das die beiden einige Jahre zusammen zeigten, führte uns für ein paar späte Abendstunden im Café der Bonner Oper zusammen. Mich, den Jungkomiker, der hier mehr Fan als Kollege war, und die beiden Meister.

Willemsen war, wie er nun beschrieben wird: herzlich, fröhlich, schnell, mit so vielen Gedanken gleichzeitig, für die andere mehrere Leben bräuchten. Im Laufe des Abends kam das Gespräch auf Robert Musil, jenen österreichischen Autor, den ich seit meinen Jugendjahren verehrte und über den Willemsen seine Dissertation geschrieben hatte. Die Unruhe des After-Show-Drinkings verhinderte ein tieferes Gespräch, und wir verabredeten uns erneut: Wann immer ich nun in Hamburg war, mailte ich oder rief an, aber dieser Mann war unterwegs. Gefühlt immer auf Reisen. Das verabredete Gespräch hat es nie mehr gegeben.

Von der Lust an der Grenzüberschreitung

Damit ist das Einmalige an Willemsen vielleicht schon beschrieben, ein Mann, der in so vielen Welten zu Hause war, dass es schon fast eine Provokation war: zwischen Kabarett und Musil, zwischen Jazz und Afghanistan, zwischen Literatur und Fernsehen. Nirgends fremd, aber auch nirgends auf diese oberflächliche Art zu Hause, die nicht ankommen, sondern sich gemein machen will. Einer, der mit großer Leichtigkeit Grenzen überschritten hat, indem er sie einfach ignoriert hat. Ohne die überlegene Arroganz des Intellektuellen, aber auch ohne die Anbiederung dessen, der seine Intelligenz andauernd mit falscher Bescheidenheit verbergen will und darin in der gespielten Uneitelkeit erst recht eitel wirkt.

Roger Willemsen wirkte oft genau wie jener Möglichkeitsmensch, den Robert Musil in seinem Mann ohne Eigenschaften vor Augen hatte: „Solche Menschen leben, wie man sagt, in einem feineren Gespinst, von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven; Kindern, die diesen Hang haben, treibt man ihn nachdrücklich aus und nennt solche Menschen vor ihnen Phantasten, Träumer, Schwächlinge und Besserwisser oder Krittler.“ [2]

Wenn man all die oft bewegenden Nachrufe der vergangenen Tage gelesen hat, bleibt das komische Gefühl, dass hier ein Mensch als Ausnahme gefeiert wird für etwas, was eigentlich selbstverständlich sein sollte als Widerstand gegen die Zumutung der Einengung: die Lust an der Grenzüberschreitung. Was lernen wir also über uns im Spiegelbild unserer Begeisterung?

Willemsen, genau wie Helmut Schmidt, erscheinen zunächst als vom Aussterben bedrohte Intelligenzen: Sie wirkten als Autoritäten, die beeindruckten, weil sie ehrlich zu sein schienen, weder instrumentalisiert, noch korrumpiert von dunklen Mächten, Mitteln oder Zwecken, nichts außer sich selbst und der eigenen Weltverständniserweiterung verpflichtet. Man durfte teilhaben, wie sich jemand selbst an die Hand zu nehmen schien, um sich und damit uns, die Welt ein Stück näherzubringen.

Grenzkontrollen des gesunden Menschenverstandes

Wir hingegen führen ein Leben im Modus der Hysteriebereitschaft. Wir kennen schwarz und weiß und sehen ständig rot, aber die Grautöne, die Zwischenräume, in denen vielleicht mehr von der Wirklichkeit wohnt als in den Extremen, entzieht sich unserem Radar. Wir leben im Modus von Freund und Feind, Richtig oder Falsch, linksversifftem Gutmensch oder Nazi. Die Mauer in unseren Köpfen haben wir ersetzt durch Grenzkontrollen des gesunden Menschenverstands mit Schießbefehl auf alles, was sich in Richtung einer anderen Meinung bewegt.

So hat unsere Begeisterung etwas Paradoxes: Wir huldigen mit Willemsen und Helmut Schmidt Menschen, die sich den meisten Konventionen entzogen haben. Willemsen hatte kein Handy und kein Auto, nicht einmal einen Führerschein, Helmut Schmidt rauchte Sandra Maischberger Sendestunden weg. Wir lieben sie für eine Freiheit, die wir uns selbst verbieten: Schmidt stand auch für Toleranz, Individualität und wehrhafte Intelligenz. Genauer gesagt: Rauchen, saufen, Schach spielen! Und die Welt infrage stellen. Und statt genau das zu tun, fragten wir uns nach den Terroranschlägen von Paris beklommen, ob wir noch feiern durften, statt es einfach zu tun.

Prominente sind Orientierungspunkte in einer hyperkomplexen Welt. Sie sind Projektionsflächen unserer eigenen Wünsche, Sehnsüchte, Träume. Auf der einen Seite Willemsens fröhlich-ansteckender Intellektualismus, der vor Fremdwort-Kaskaden im Fernsehen (der Albtraum eines jeden Redakteurs!) ebenso wenig zurückschreckte wie vor den Tieren in den Wäldern Borneos. Auf der anderen Seite die ironische Überlegenheit des Langenhorner Weltbürgers Helmut Schmidt. Beide trafen sich in einer Heiterkeit, einer Freude an der Komplexität unserer scheinbar so verstörenden Welt. Sie wirkten, als seien sie im aktiven Widerstand gegen Überlastung, Erschöpfung und Ermüdung, den Kennzeichen unserer Gegenwart, wie der Psychologe Stephan Grünewald diagnostiziert. Er und seine Kollegen führen jedes Jahr 7000 Tiefeninterviews, um die Gefühlsregungen des Landes besser zu verstehen. Deutschland sieht er in erster Linie als ein von Globalisierung, Digitalisierung und Maximierung ermattetes Land. Das Diktat der Effizienz wirkt beängstigend und lähmend. Es herrscht keine Stimmung der Befreiung, sondern eine der Angst.

In einem YouTube-Interview [3] wurde Roger Willemsen gefragt, warum er reise, und sagte: „Wahrscheinlich, um irgendwo das innere Ausland zu finden. Ich lösche mich aus, ich verschwinde. Ich bin nur noch die Membran, durch die das Fremde eindringt.“

In Zeiten von mehr als einer Million neuen Fremden ist das vielleicht ein schöner Gedanke gegen all die Paranoiker und Angsterzeuger der Gegenwart. Vielleicht gelingt uns ja wenigstens punktuell der Schritt über die Verstorbenen-Verehrung hinaus, und wir schaffen es, nur für Momente den Roger in uns rauszulassen und ohne Angst verrückt zu sein.

Literatur

[1] R.Willemsen, Trauerrede für Dieter Hildebrandt, in: Willemsen/Wilke (Hrsg.): Der leidenschaftliche Zeitgenosse. Zum Werk von Roger Willemsen, Frankfurt a.M., 2015

[2] R. Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Reinbek, 1998, S.16

 

7 Responses to "Werdet endlich verrückt!"

  • Marita
    17. Feb 2016 - 0:31 Reply

    Lieber Florian Schroeder,
    ich kenne und schätze Sie von Live-Auftritten und TV-Beiträgen.

    Roger Willemsens viel zu früher Tod hat mich tief getroffen, lässt mich gedanklich nicht los. Blitzgescheite und zugleich warmherzig-empathische Menschen wie er sind ja leider eher selten; daher fühle ich mich tatsächlich sehr allein gelassen und empfinde seinen Weggang als immens großen Verlust – eine Art Vakkuum …

    Ihr wunderbarer Beitrag spricht mir aus Herz und Seele. Aufrichtigen, herzlichen Dank!

    Nun stelle ich mir vor, Roger Willemsen, Dieter Hildebrandt und Helmut Schmidt führen im Himmel herrlich geistreiche Gespräche über „Gott und die Welt“; da wird keine Langeweile aufkommen! Auf Erden gibt es zum Glück Seelenverwandte wie Sie und Konstantin Wecker, die uns Interessierte mit Witz, Verstand und Einfühlungsvermögen aufrütteln und begeistern. Das ist tröstlich.

    • Irene Dänzer-Vanotti
      17. Feb 2016 - 16:06 Reply

      ´Vielen Dank,
      Ihr Kommentar und der Text sprechen mir auch aus dem Herzen.
      jetzt muss Konstantin Wecker lange durchhalten, sonst
      sind wir ganz verwaist!!

      Viele Grüße Irene Dänzer-Vanotti

  • Ulrike Opora
    17. Feb 2016 - 19:01 Reply

    Roger Willemsen hat gefragt, erlebt und geschrieben für UNS – als WIR , durch sein „hohes Verständnis im Umgang mit Ideen und Gedanken hat er die Wirklichkeit durchlässig gemacht“ für uns. Ja, dass wird uns fehlen – aber wir haben viel gelernt und sind nun Begeistert- DANKE Roger!

  • Ute Rieg
    17. Feb 2016 - 19:29 Reply

    Lieber Florian Schroeter,
    ein außergewöhnlicher, gescheiter Beitrag.
    Sie sprechen mir aus dem Herzen.
    Willemsen, Hildebrandt und Schmidt hätten ihren Gefallen daran (man weiß ja nie….)

    Gruß
    Ute Rieg, Maintal

  • Marion Jacob
    17. Feb 2016 - 19:59 Reply

    Wohl wahr, dass es sich bei Roger Willemsen, Helmut Schmidt und Dieter Hildebrandt um ganz besondere Persönlichkeiten handelt, die unserer Gesellschaft gut getan haben und fehlen werden.

    Sie waren Vorbilder im Hinblick auf Authentizität, Direktheit, Offenheit, Mut.

    Aber Vorbilder zeigen nur den Weg und befreien nicht von der eigenen Verantwortung.

    Jeder ist selbst verantwortlich das zu vertreten und zu sein wofür er selbst stehen will – ungeachtet aller allgemeinen Angepasstheit.

    Kommen wir ins Tun – das wird alle drei erfreuen!

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