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Wer heilt, hat deshalb noch lange nicht recht

Neulich sah ich in einer Fernsehreportage einen Mediziner, der Handauflegen bei unfruchtbaren Frauen als erfolgreiche Methode beschrieb, weil in einer nicht behandelten Kontrollgruppe weniger Kinder geboren worden waren. Dann wurde eine glückliche Mutter gezeigt. Weder die Mutter noch die angebliche Heilmethode haben mich verstimmt, wohl aber die Behauptung, es handle sich sicher nicht um einen Placeboeffekt.

Ein Arzt, der die Wirksamkeit eines neuen Mittels beweisen will, erwirbt sich wissenschaftliche Glaubwürdigkeit dadurch, dass er diesen Placeboeffekt durch den doppelten Blindversuch ausschließt. Weder Arzt noch Patient wissen, ob sie eine wirksame Substanz oder einen nach pharmakologischem Wissen unwirksamen Stoff, beispielsweise Milchzucker, erhalten. Aber wie soll der doppelte Blindversuch angesichts einer psychotherapeutischen Intervention aussehen? Eine Schauspielerin engagieren, die ähnlich eindrucksvoll die Hände auflegt, aber nicht an ihre Heilkraft glaubt? Weder Patientinnen noch Forscher wissen lassen, wer die Therapeutin und wer die Schauspielerin ist, und dann die Ergebnisse vergleichen?

Ein Arzt, der von einem Mittel überzeugt ist, gibt dem Leidenden mehr als einen chemischen Stoff. Indem die doppelt blinde Versuchsanordnung Arzt und Patienten systematisch der Unsicherheit des Experiments ausliefert, produziert sie eine ungünstige seelische Situation. In den Augen der naturwissenschaftlichen Medizin ist der Placeboeffekt billig zu haben und aus dem Handwerkskasten der Stümper. Was fehlt, ist das Wissen über gute und weniger gute, hochwirksame und gering wirksame, vor allem aber hilfreiche und schädliche Placeboeffekte.

Auf Kongressen schleudern medizinische Ordinarien, von der Überzeugung ihres Publikums getragen, ihre Bannflüche beispielsweise gegen die Homöopathie. Solche Rituale vertiefen Gegensätze und haben mit Wissenschaft nichts zu tun; es handelt sich um Dogmatik mit einem wirtschaftlichen Hintergrund.
In der Folge zeigt sich, dass (nicht viel anders als in anderen Hochkirchen auch) das Fußvolk gegen Recht- und Machthaber entscheidet. Obwohl während des Studiums strikt naturwissenschaftlich sozialisiert, wenden sich zahlreiche Ärzte nach ihren Examina den Lehren der Homöopathie und der Naturheilkunde zu.

Bei Kopfschmerzen helfen nach Untersuchungen von Arthur Jores in 60 Prozent der Fälle Placebos. Schlaflosigkeit läßt sich nach einem Versuch von Günter Clauser in 49 Prozent durch weiße Tabletten, in 69 Prozent durch einen bitteren, roten Trunk und in 81 Prozent durch farbenprächtige Gelatinekapseln beheben.

Der Arzt, der mit absichtlichen Suggestionen arbeitet, entspricht allenfalls der farblosen Tablette. Man stellt sich auf ihn ein und weiß, wie man mit ihm dran ist. Viel stärker überzeugt, wer an seine Sache glaubt und bestreitet, dass er (auch) an die Einbildungskraft seiner Klienten appelliert. Vermutlich hat die Psychoanalyse nicht weniger suggestive Komponenten als die Hypnose. Aber da sie im günstigen Fall einen Analytiker hervorbringt, der an seine Deutungen glaubt und sich während seiner Lehranalyse auch selbst diesen Deutungen unterworfen hat, entfaltet sie Wirkungen, die womöglich gründlicher sind als die der Hypnose.

Homöopathen wollen ganz entschieden nichts von einer suggestiven Seite ihrer Arbeit wissen. Es geht um das korrekte Simile, die genaue Anamnese, die Hochpotenz. Und vielleicht ist gerade diese energische Absage an alle Suggestion so überzeugend.

Weniger bekannt, aber ungeheuer wichtig ist der negative Effekt von Placebos. Wenn Menschen fürchten, dass ihnen ein Mittel oder ein Eingriff schaden könnte, dann kann dieses im Bereich der Placebo-Wirkungen – also jener magischen Breite zwischen 50 und 80 Prozent – tatsächlich schaden. Bekanntlich werden mindestens 30 Prozent der verordneten Medikamente nicht eingenommen, beispielsweise weil die Patienten den Beipackzettel mit den vielen Warnhinweisen gelesen haben. Ärzte, die bei der Betrachtung eines Röntgenbildes bedenklich den Kopf schütteln, die sich vor verängstigten Patienten erst mit katastrophischen Möglichkeiten in die Brust werfen und nachher entwarnen, richten durch solche „Nocebos“ großen Schaden an.

Heilsame Mittel verwandeln sich in Gifte, sobald der Patient sie nicht gut findet. Die Päpste der Schulmedizin denken dann schon einmal eher daran, ein leukämiekrankes Kind mit der Polizei zur Chemotherapie zu schaffen, als sich zu fragen, warum ihre Medikamente einen schlechten Ruf haben. Gute Mittel mit schlechtem Ruf mag es in der Veterinärmedizin geben; in der Humanmedizin gibt es sie nicht.

3 Responses to "Wer heilt, hat deshalb noch lange nicht recht"

  • Brigitta Pasch
    27. Nov 2014 - 13:04 Reply

    Wer heilt hat recht!
    Es sollte eines Arztes oberste Pflicht sein, die Selbstheilungskräfte des Körpers zu mobilisieren. Denn dies ist die einzige Art des Heilens.
    Brigitta Pasch

    • Lutz Martin
      1. Dez 2014 - 4:41 Reply

      Wer BEHAUPTET, zu heilen, hat gefälligst NACHZUWEISEN, daß er es tatsächlich tut, denn jeder wissenschaftlich auch nur rudimentär gebildete Mensch weiß, daß die zeitliche Nähe zwischen irgendeiner Maßnahme und irgendeinem als „Heilung“ bezeichneten Phänomen ABSOLUT NICHTS über irgendwelche Kausalitäten aussagt. Es GIBT keine Alternative zu möglichst großen und methodisch sauberen Studien! Und die Selbstheilungskräfte des Körpers kann man auch stärken, OHNE den Patienten zu belügen.

  • Hermann Büsken
    26. Mrz 2016 - 14:37 Reply

    Ich weis nicht, womit ich heile. Es könnte Reiki oder die Selbstheilungskräfte sein. Auf jeden Fall habe ich durch Handauflegen meine Krampfadern innerhalb von zwei Minuten verschwinden lassen. Ich wuste, das mir das keiner glauben würde, und habe am nächsten Tag meiner Hausärztin das Ergebnis gezeigt.

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