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Weinstein ist überall

 

Die Welt ist erschrocken über die Übergriffe des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein. Und viele fragen sich irritiert: Wie konnte es so weit kommen? Ist Sexismus nicht mit dem Abschied von Rainer Brüderle ein für allemal abgeschafft worden? Leider nicht. Die Weinsteins sind verbreiteter, als wir glauben. Auch dort, wo wir gar nicht mit ihnen rechnen.

Neulich fuhr ich im Zug von Münster nach Bremen. Der letzte freie Platz im Bistro ist neben einem Mann, er wird sich später als Boris vorstellen. Ich schätze ihn auf Anfang 50, schwarze Haare, von einigen grauen Strähnen durchsetzt. Das erste, was ich von Boris höre, ist ein Monolog über Witze: Die Witze eines Mannes verbesserten sich in der Gegenwart einer Frau. Die Frau müsse so intelligent sein, dass sie die Witze des Mannes verstehe, dürfe aber niemals bessere machen. Damit schieße sie sich ins Aus. Lustige Frauen seien nicht attraktiv. Lustig seien die Männer. Ich erinnere mich an einen alten Gag, in dem es hieß, dass Frauen Männer wollten, mit denen sie lachen können, während Männer Frauen suchten, die über sie lachen.

In den folgenden Minuten holt Boris zum Rundumschlag aus: Die Frau wolle den Beschützer. Das sei immer so gewesen und werde ewig so bleiben. Sie wolle den starken Mann, der die Möglichkeit zur Gewalt habe, ohne sie deshalb gleich anwenden zu müssen. Aber eine gewisse Angst sei gut für den Nachwuchs, man wisse das aus der Biologie. Denn wann vermehrten sich Wildschweine am besten? Wenn eine Sau der Gruppe abgeschossen werde. Dann begatteten sich die anderen auf der Stelle, um die Nachkommen sicherzustellen. Das sei so, ein Gesetz der Natur.

Ich erwidere, der Mensch stamme ja nicht vom Wildschwein ab, da gebe es ja wohl Unterschiede. Kurz liegt mir auf der Zunge, dass ich Wildschweine insgesamt für bedeutend intelligenter halte als ihn. Aber ich schlucke den Satz herunter, dafür interessiert mich das vulgäre Verbalgeprotze viel zu sehr. Ich fühle mich wie ein Gaffer bei einem Autounfall auf der Gegenseite der Autobahn: Es ist furchtbar, aber du kannst nicht aufhören, hinzuschauen.

Frauen, fuhr der Kenner fort, seien mit 16 Jahren ausgereift, in jeder Hinsicht, während Männer in diesem Alter erst zu reifen begännen. Insofern sei es das Beste für eine Frau, im Alter zwischen 16 und 21 Jahren drei Kinder zu bekommen und dann, falls sie die entsprechenden Fähigkeiten habe, eine Karriere zu starten. Es mache, so der Geschlechtsgenosse, keinen Sinn, eine Enddreißigerin zu schwängern: Wer will schon aus einem Wasserglas trinken, in das zuvor 30 andere hineingespuckt hätten?

Eine Eierdatenbank mit Personalausweis, das sei die Frau. Darum seien auch Abtreibungen ohne Zustimmung des Mannes abzulehnen: Der Slogan „Mein Bauch gehört mir“, stimme zwar, das gelte aber nicht für die Frucht der Frau, die gehöre dem Kollektiv, der Gesellschaft, letztlich der Menschheit.

Nun habe ich keine Informationen darüber, ob Boris eine Frau hat oder nicht, ob er schon einmal übergriffig wurde oder nicht. Aber in seinen Worten spiegelt sich das, was in Hollywood in diesen Tagen vom Geschwätz zur brutalen Tat geworden ist.

Zynisch formuliert: Alles nicht besonders überraschend, warum sollen Frauen auf er oft zitierten Besetzungscouch besser behandelt werden als vor der Kamera? Unterzieht man bei den Oscars die neun nominierten Filme in der Kategorie „Bester Film“ dem Bechdel-Test, sieht es düster aus. Der Test prüft Filme anhand von drei Fragen: Kommen mindestens zwei Frauen vor, die prominent sind? Reden die beiden miteinander? Und handelt der Dialog von etwas anderem als von Männern? Vier der im letzten Jahr nominierten Filme bestehen den Test nicht, zwei kommen nur durch, wenn man kleine Mädchen im Vorschulalter als Frauen durchgehen lässt. Das geht auch nur in einer Welt, in der sich die SPD noch immer Volkspartei nennen darf.

Nur Hidden Figures, der Film über drei schwarze Mathematikerinnen bei der NASA, besteht den Test – ebenso wie damals Pretty Woman mit Julia Roberts und sogar 50 Shades of Grey kommt locker durch. Wenn schon der künstlerische Bodensatz in den Himmel gelobt werden muss, sehen wir, wie tief der Abgrund ist.

Außerdem: Frauen, die Sexszenen spielen, kriegen häufiger einen Oscar als Männer, die blank ziehen. Auch hier sind Frauenfiguren in Filmen meistens jünger als die männlichen, seltener bei der Arbeit zu sehen und häufiger beim Kochen. Also Schlampe oder Mutti! Oder wie Donald Trump seufzen würde: „Gottseidank mal ein realistisches Frauenbild!“

Ein Blick in die Geschichte zeigt: Die großen Rückschritte wurden immer auf dem weiblichen Körper ausgetragen. Alle totalitären Herrscher begannen die Ausweitung ihrer Machtzone mit Vorschriften gegenüber Frauen: Indem sie entweder weniger Kinder (China) oder mehr und nur gesunde (Hitler) bekommen sollten oder indem ihnen die Möglichkeit des Schwangerschaftsabbruchs genommen wird, indem die entsprechenden Vereine finanziell ausgetrocknet werden sollen (Trump). Die Frau wird über ihren Körper, über die Entscheidung, sich fortzupflanzen oder nicht, kontrolliert. Man denke nur an das ganze Thema Verhütung, Pille, Abtreibung. Geburtenplanung bedeutet, so die Verfechter des neuen Biologismus, das Aussterben des Menschen, also muss Abtreibung verboten werden, weil nur so den „dauerwerfenden Migrantinnen“ mit eigenem Genmaterial etwas entgegengeworfen werden kann.

94 Prozent der Opfer von angezeigten Vergewaltigungen sind weiblich. Die Dunkelziffer soll massiv höher sein, als es die offiziellen Statistiken zeigen. 2016 wurden in Deutschland 7000 Vergewaltigungen angezeigt. Experten gehen davon aus, dass das nicht einmal jede fünfte ist. Der Rest schweigt und lässt die Qualen über sich ergehen. Jede dritte Frau in Europa hat als Erwachsene körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt, ist also getreten, begrapscht, genötigt oder zum Sex gezwungen worden.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die üblichen Verdächtigen nach dem Allheilmittel rufen: Gesetzesverschärfungen. Aber gilt nicht hier: Gesetze müssen angewendet, nicht verschärft werden? Wäre nicht viel wichtiger der Mut der Frauen, statt Schweigegeld zu zahlen, ihr Schweigen früher zu brechen? Und jeder Mann, der irgendwas von wegen „aber sie hat ja auch ein bisschen selber schuld“ kriegt eins in die Fresse.

Es entbehrt nicht einer tragischen Ironie, dass nun ausgerechnet hier, im gut heillos überregulierten Tugendtreibhaus USA ein Bastard wie Henry Weinstein sein Unwesen treiben konnte. Wie unzureichend Verschärfungen im Bereich der Erotik und des Sex sind, lässt sich in Kalifornien live beobachten: „JA heißt JA!“ heißt es dort an den Universitäten. Nur ein ausdrückliches Ja aller Beteiligten zum Akt gibt ihm die Legitimation, ein freiwilliger zu sein und kein sexueller Übergriff. Die neueste Erfindung an der Front der Hyperkorrektheit ist ein Einverständnisbewusstseinskit, das in den USA für läppische zwei Dollar zu erwerben ist. Enthalten sind: ein Kondom, ein Stift, ein paar Atemfrei-Pfefferminz-Bonbons und ein einfacher Vertrag, der bestätigt, dass beide Parteien dem gemeinsamen Sex freiwillig zustimmen. An staatlich finanzierten US-Colleges sind Studenten mittlerweile verpflichtet, sich vor dem Akt eine Einverständniserklärung einzuholen, sonst droht Strafe.

Erschrocken stellen sich dem aufmerksamen Beobachter weitere Fragen: Werden die gewünschten Stellungen zuvor schriftlich festgehalten oder sind alle pauschal abgedeckt? Und falls nicht: Muss das Vorspiel aus formalen Gründen unterbrochen werden, wenn sie ihm einen bläst, er dem aber zuvor nicht explizit zugestimmt hat, es aber hammergeil findet? Gibt es für Analsex, Fesselspiele, Fisting und was sonst noch so existiert an Spielarten des Sexes, einen Extra-Fetischbogen? Liegt dieser als Anlage bei oder muss er erst downgeloadet werden? Und was, wenn die Handschellen dann schon anliegen? Also die des Partners, nicht die der Polizei! Wer unterschreibt dann und wie? Der devote Part kann nicht mehr und der dominante darf nicht, weil er Macht hat? Oder sollte man vielleicht eher übergehen zu farbenfrohen Bändchen-Lösungen wie am Buffet im Robinson Club? Grün – all inklusive, rosa – nur Blümchensex und weiß – nur angucken?

One Response to "Weinstein ist überall"

  • Chris
    29. Okt 2017 - 22:02 Reply

    „Und jeder Mann, der irgendwas von wegen „aber sie hat ja auch ein bisschen selber schuld“ kriegt eins in die Fresse.“ – Achso, Herr Schroder …

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