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Wegen Trump nach Kanada?

Ein Satz, den ich hier in den USA momentan oft und immer öfter höre: „Wenn Donald Trump die Präsidentschaftswahl gewinnt, ziehe ich nach Kanada!“ Es sind nicht nur Prominente wie Whoopi Goldberg, Rosie O’Donnell und Cher, die ankündigen, im Falle eines Falles ins nördliche Nachbarland zu ziehen. Als am Super Tuesday im März immer klarer wurde, dass der Immobilienmilliardär als strahlender (und prahlender) Sieger des Vorwahlkampf-Großtages hervorgehen würde, schnellte bei Google die Suchanfrage „move to Canada“ um 350 Prozent in die Höhe. Und in einer kürzlich veröffentlichten Umfrage der News-Webseite Vox versicherte ein Viertel der Befragten, es sei einigermaßen oder sehr wahrscheinlich, dass sie das Land verlassen, falls Trump ins Weiße Haus einzieht. Auch ich habe schon manches Mal gedacht: Warum nicht zur Not von Chicago nach Toronto umsiedeln?

Solche Gedankenspiele sind verständlich. Trump macht mit seinen abstrusen Ideen, wüsten Beleidigungen und viel Unwissen selbst vielen Republikanern Angst. Realistisch sind die Kanada-Träumereien aber nicht. In einem Beitrag für die Washington Post erläutert der Psychologieprofessor Adam Alter von der New York University, warum die wenigsten Leute Kisten und Koffer packen werden, falls Trump tatsächlich im November gewinnt. So sei die – leere – Drohung, aus politischen Gründen auszuwandern, kein neues Phänomen. Als beispielsweise George W. Bush 2004 in Umfragen seinen Gegner John Kerry von der demokratischen Partei deutlich hinter sich ließ, stieg die Zahl der Einwanderungsanträge bei den kanadischen Behörden um das Dreifache an. Ein paar besonders Frustrierte mögen nach der Wahl tatsächlich ausgewandert sein. Doch die meisten Immigranten in spe nahmen ihren Antrag offenbar zurück. Jedenfalls zogen 2005 nicht mehr US-Amerikaner nach Kanada als sonst.

Wie sähe der Alltag unter Präsident Trump aus?

Warum drohen so viele Wähler, die Präsidentschaft eines Gegenkandidaten im Ausland auszusitzen, und warum ziehen so wenige den Plan dann tatsächlich durch? „Weil Menschen“, so Wissenschaftler Alter, „die Qual überschätzen, die sie erleben werden, wenn ein gefürchtetes Ereignis tatsächlich eintritt.“ In der Psychologie sei dieses Phänomen lange bekannt. Alter verweist auf fast 40 Jahre alte Studien von Philip Brickman und Kollegen, die Glücksgefühle von Menschen verglichen, die bei Unfällen schwere Lähmungen davongetragen, größere Summen im Lotto gewonnen oder aber nichts Dramatisches erlebt hatten. „Die Unterschiede zwischen den drei Gruppen“, betont Alter, „waren erstaunlich gering.“ Andere Studien belegen den Überschätzungseffekt im politischen Bereich. So erwarteten 2008 die Sympathisanten von John McCain, dass sie bei einem Sieg von Barack Obama deutlich unglücklicher sein würden, als sie es dann nach der Wahl tatsächlich waren. Das gleiche war im Jahr 2000 bei den Anhängern von Al Gore zu beobachten, als Bush gewann.

Eine Präsidentschaft Trumps wird also selbst Getreue der demokratischen Partei nicht in so tiefe Verzweiflung stürzen, wie sie jetzt glauben mögen? Im Prinzip ja. Dieser Effekt, erläutert Alter, geht vornehmlich auf zwei Eigenarten der menschlichen Psyche zurück. Erstens übersehen wir leicht, dass unser Leben überwiegend aus alltäglichen Abläufen – aufstehen, essen, arbeiten, schlafen – besteht und dass diese einen größeren Effekt auf das tägliche Wohlbefinden als etwa Wahlresultate haben: „Auch wenn Trump gewinnt, wird das Leben von Demokraten durch die gleichen prosaischen Geschehnisse bestimmt wie vor der Wahl.“ Zweitens überschätzen wir, wie lange Enttäuschungen und andere innere Qualen anhalten. So sind wir mit einer Art psychologischen Immunsystems ausgestattet, das bei gravierenden emotionalen Verletzungen anspringt und sie zum Abheilen bringt. Je heftiger der Schmerz, desto stärker die Immunreaktion.

Was an Trumps Kandidatur gut ist

Die Ausführungen des Psychologen haben mich zum Grübeln gebracht. Auf der einen Seite beruhigt mich die Erkenntnis, dass meine Zufriedenheit im Allgemeinen nicht sehr vom Ausgang einer einzelnen Wahl abhängig ist. Auf der anderen Seite frage ich mich: Könnte eine gewisse Überschätzung der eigenen emotionalen Pein nicht auch hilfreich sein? Wer erwartet, nach dem Sieg eines Kandidaten wie Trump in ein depressives Loch zu stürzen, engagiert sich vielleicht politisch mehr. Denn anstatt mit dem Auswandern zu liebäugeln, gibt es ja auch noch andere Möglichkeiten: selbst zur Wahl zu gehen und andere zum Wählen zu motivieren. Angesichts einer durchschnittlichen Wahlbeteiligung von rund 55 Prozent in den letzten zehn Präsidentschaftswahlen wäre das zur Abwechslung mal eine positive Folge von Trumps Kandidatur.

One Response to "Wegen Trump nach Kanada?"

  • Sabine Mertens
    12. Mai 2016 - 13:04 Reply

    „…anstatt mit dem Auswandern zu liebäugeln, gibt es ja auch noch andere Möglichkeiten: selbst zur Wahl zu gehen und andere zum Wählen zu motivieren…“
    Das ist der entscheidende Punkt: zeitnah konkrete Handlungsmöglichkeiten zu finden, anstatt kampflos einem Gegner das Feld zu überlassen. Hoffentlich kommen viele Menschen auf den Trichter, bevor sich alle wieder hinlegen, weil sie feststellen, dass es mit Trump genauso prosaisch weitergeht wie vorher 🙂
    #resilienz #resonanzbild #SelbstFührung

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