Go to Top

Was kann das Ritual?

Ist eine Flasche halb voll oder halb leer – ich weiß, man kann das sehen wie man will, aber nach meinem Erleben sind wir nicht gerade auf dem gastfreundlichsten Planeten des Universums gelandet. Es gibt Philosophen, die ihn die Hölle nennen. Tatsächlich ist das Motto „Fressen und Gefressenwerden“, das sich auch in den Feinheiten unseres menschlichen Umgangs fortsetzt, nicht gerade ein freundliches.

Was tun? heißt eine programmatische Schrift von Lenin. Natürlich wusste er, was zu tun war. Hundert Jahre nach der Installation des Kommunismus in Russland kann man sagen, er wusste es auch nicht.

Was tun? Wo Rat holen in der Bedrängnis?  Wo, wie, was, wenn uns das Wasser bis zum Hals steht? Steht’s in der Psychologie Heute? Welches ist die richtige Therapie?

Psychologie in Ehren, sie tut viel Gutes, die Arztkunst ist ein Segen, die Religionen und Ersatzreligionen, mit oder ohne Gott, bieten etwas Halt und Trost – gut und recht.

Aber nach meinem Verständnis trägt ganz am Ende unseres eigenen und fremden Latein, wenn sogar Suizid als das kleinere Übel zur Option wird, nur noch eines: das Ritual.

Das wird jeder bestätigen, der einmal eine schwere Depression durchlebt hat, etwas vom Schlimmsten, das „eigenes Verschulden“ oder das Schicksal uns bescheren kann. Auch in der Psychose hält uns allein noch das Ritual vor dem Schlimmsten gegen sich selber oder schlimmer noch gegen andere zurück. Nicht umsonst ist der Verwirrte fast nur noch mit irgendwelchen Ritualen beschäftigt. Wer einmal als Therapeut oder Patient in einer Psychiatrischen Klinik zugange war, wird auch das bestätigen.

Was sind Rituale, was können Rituale?

Die Weltreligionen bieten ihre bekannten, ungefähr gleichen Rituale an, wie die Taufe, die Firmung, die Eheschließung, die Bestattung und so weiter. Weil die menschlichen Stationen der Reifung und das beängstigende Ausgesetztsein auf dem Planeten Erde an jedem Ort nach der gleichen Bewältigung ruft. Nach Ritualen eben. Ein Ritual stand am Anfang der Menschwerdung des Affen. Einer legte zum ersten Mal einen Ast über einen Toten, einmal schaute der aufrecht gehende Affe nicht nur in den Sternenhimmel, sondern tupfte mit dem Rußfinger Sternbilder an die Höhlenwand. Ötzi, die Eisleiche, war tätowiert. Man fand eine Flöte aus Tierknochen, die zwischen 30.000 und 40.000 Jahre alt sein soll! Flötentöne aus einer Höhle – die Bären nebenan werden sich gewundert haben.

Das Ritual ist älter – nicht älter als Religion –, aber älter als die Religionen, die sich eines Tages die Anmaßung herausnahmen, Ritual und Religion zu verwalten. Auch Tiere kennen Rituale, wenn auch unbewusst. Einige Tierarten stehen offenbar gerade an der Schwelle des bewussten Rituals (Raben, Schimpansen, Delfine). Mit dem bewussten Ritual hat Kultur begonnen, die diesen Namen verdient. Die heutige Kunstszene hat sich meilenweit davon entfernt und pflegt bloß noch „Ritual pour Ritual“. Von der vornehmen Aufgabe der Kunst, uns die Augen zu öffnen, ist nur noch ein kümmerliches Missverständnis übrig geblieben. Ein Versagen mehr unserer narzisstischen Zeit.

Aber Religionen und Postkultur hin oder her, wir halten von früh bis spät kleinere oder größere, bewusste und unbewusste Rituale ab, der Übergang von Gewohnheit zum Ritual ist fließend. Auch gewisse psychologische Schulen bieten Rituale an, ob explizit oder unbenannt. Ob nicht die Rituale einer Therapiestunde oder Gruppensitzung den Hauptbeitrag zur Genesung des Hilfesuchenden beitragen, egal, was und aus welcher Schule verbal hin und her geht? Jemand hört zweimal die Woche zu, da ist das bequeme Sofa, Opa Freuds Zigarren duften gut, die vielen Ikonen und der Nippes aus aller Welt auf seinem Pult. Er muss gar nichts sagen, nur da sein, ich darf mich im Rahmen dieses wöchentlichen Rituals entspannen und reden oder auch nicht, es tut einfach gut.

Ich tippe auf das Ritual als Haupteffekt der Heilung, jedenfalls psychosomatischer Leiden. Darum fällt der Placeboeffekt so erstaunlich hoch aus. Die Schulmedizin bestreitet es auch gar nicht. Insbesondere bei den Psychopharmaka, was ja vielsagend ist. Bei vielen dieser „mother‘s little helpers“ weiß man gar nicht, warum sie eigentlich wirken, wenn sie denn überhaupt wirken.

Bewusste und unbewusste Rituale leiten uns durch den Tag, das jedenfalls ist sicher – besser jedoch, wir sind uns unserer Rituale bewusst und ein psychologisches Angebot habe diese Bewusstwerdung im Programm.

Weil das Ritual leider auch einen schlechten Ruf haben kann. Zu Recht. Der Nationalsozialismus hat die Macht des Rituals zu furchtbaren Exzessen der Unmenschlichkeit missbraucht. Das nie zu akzeptierende Ritual der Hinrichtung gehört auch in diese Richtung. Der sogenannte „Islamische Staat“ mit seinen Enthauptungen und Kreuzigungen (!) führt es medienwirksam einmal mehr vor. (Die Rolle der Medien vor dem Karren der Hasspriester der Machttrunkenheit fern von der Kernbotschaft des Islam, wäre ein anderes lohnendes Thema.)

Und eben, besser Rituale seien uns bewusst und der Umgang mit Ritualen sei uns von verantwortungsvollen Erwachsenen nahegebracht worden. Die Gewaltexzesse Jugendlicher sind das Resultat dessen, was Alexander Mitscherlich als „Haus ohne Hüter“ bezeichnete. Wenn Erwachsene bei Initiationen Jugendlicher nicht auf den Rängen sitzen und das Schlimmste verhindern, führen sie sie selber durch und kühlen ihr Mütchen an wehrlosen Asylanten wie in der rechtsextremen Szene, oder fallen dubiosen Mullahs in die Hände, die ihnen Sprengstoffgürtel umhängen und mit der Vision von 72 Jungfrauen in den Tod schicken. Ich wundere mich daher gar nicht, dass der Islamische Staat so viele schlecht erzogene Jugendliche aus dem Westen anzieht, die Krieg mit einem Computerspiel verwechseln. Hierin versagt „der Westen“ zweifellos, die Konkurrenz- und Konsummentalität der letzten Jahrzehnte hat ihre unzweifelhaften Spuren hinterlassen.

Was ich hier meine: Das Ritual ist das Absetzen vom baren Vegetieren, und es wäre eine vornehme Rolle der Psychologie, uns Rituale bewusst zu machen. Die vornehme Rolle einer Religionsgemeinschaft wäre es weiterführend, uns zeitgemäße Rituale anzubieten. Leider passen die meisten Rituale der heute bekannten alten Religionen nicht mehr in unsere Zeit. Die Religionen haben, selbstverschuldet sich um sich selbst drehend, den Anschluss verpasst. Ihre Schläuche sind löchrig geworden und mit nichts mehr zu flicken (In der Schweiz will sich nur noch jedes dritte Paar in einer Kirche trauen lassen.) Und wer meint, der neu erwachte Furor des Islam, der jüngsten der Weltreligionen, habe mit lebendiger innerer Dynamik zu tun, verwechselt Gesinnungspflicht und Indoktrination Jugendlicher mit Religion. Der Katholizismus römischer Art steht ihm in wenig nach, der zum Beispiel unabdingbar fordert, Siebenjährige seien zur Beichte zu schicken.

Bewusst und wach kann kein Mensch einem anderen Schaden antun. Der wirklich Bewusste begreift jede Schandtat am andern als eine Schandtat gegen sich selbst. Es gibt daher Religionen – leider außerhalb der großen Machtreligionen – die auf jegliche Gebote und Moral verzichten. Der Zen-Buddhismus mit seinen Ritualen ist zu anstrengend für Menschen, die im Mainstream Trost und Halt suchen.

Ja, wer weiß es nicht: Bewusst werden, und eben auch seiner täglichen Rituale bewusst zu werden, ist anstrengend.

Ob sich die Psychologen unser nicht etwas mehr erbarmen könnten?

 

2 Responses to "Was kann das Ritual?"

  • Clara Fiedler
    28. Sep 2015 - 1:23 Reply

    Für mich passt Bewusstwerdung und Ritual bzw. Gewohntheit schon überhaupt nicht zusammen. Aber möglicherweise liegt das an der Begriffsdefinition. Etwas, was regelmäßig wiederholt wird, schaltet meiner Ansicht nach das Gehirn aus, wenn man nicht aufpasst. Wenn man etwas jeden Tag macht – zum Beispiel ein Musikinstrument spielen, nützt es nichts, dieselbe Übung immer wieder zu wiederholen. Es nützt dann etwas, wenn man durch die Wiederholung immer bewusster wird, nämlich mal sich darauf konzentriert, wie das Körpergefühl ist, dann wieder auf den Klang, dann auf verschiedene Körperregionen und so weiter. Aber jeden Tag um Punkt 5 Uhr mit dem Hund rausgehen, mit dem Hund immer dieselbe Strecke laufen und dann um 5.30 Uhr wieder zurückkommen? Nützt nichts, wenn man sich nicht vorher dafür entscheidet, bewusst zu werden.
    Rituale sind furchtbar, wenn man sie braucht, um bestimmte Emotionen hervorzuholen und wieder durchzukauen. Beispiel: Nein, ich will mich nicht jedes Weihnachten gleich besinnlich fühlen. Kann ich gar nicht, weil zwischendrin ein Jahr vergangen ist, in dem ich viel gelernt habe, was mich verändert hat.
    Bewusstsein bedeutet, Veränderung, Prozess und Dynamik wahrzunehmen. Und Rituale sind dabei die höhere Schule. Sorry, aber diesen Artikel kann ich nicht unterschreiben.

    Clara
    PhantomsLair.net

  • Olga
    3. Apr 2017 - 17:38 Reply

    Aber genau die Erinnerung an das Vollziehen eines Rituals führt insbesondere am Anfang zu einem stärkeren Bewusstwerdungsprozess. Und zwar, indem ich mir immer selbst ins Gedächtnis rufe, was ich aktuell zu tun gewillt bin. Das fängt bereits mit dem Zähneputzen als Kind an. Das Zügeln eigener Impulse zur Ausführung einer sich selbst auferlegten Pflicht, führt zur Erfüllung eigener Verbindlichkeiten sich selbst gegenüber und damit zu einem anschließenden Gefühl der Befriedigung. Spätestens mit diesem Gefühl wird einem nach langer Zeit der Sinn der Erfüllung dieser Verbindlichkeit bewusst. Und zwar auf eine positive Weise. Das passive Unterlassen dieser möglichen Verbindlichkeit führte hingegen zu einem negativ besetzten Gefühl und damit zu einem Ritual, das einem schadet, denn nützt. Also kommt es doch auf das Ritual an und zwar immer. Nur nicht immer führt man es bewusst durch. Also ist der Bewusstheitsgrad der Ausweg aus seiner Handlungsunfähigkeit und seinem Verderben. Ein Zugang zu sich selbst und zum Nächsten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.