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Warum es manchmal vorteilhaft ist, ein Fremdsprachler zu sein

Im vergangenen Jahr habe ich mir einen langgehegten Traum erfüllt und hier in Chicago eine zwölfmonatige Ausbildung zur Yogalehrerin begonnen. Neben der Frage, wie ich neben meinem Beruf als Journalistin das intensive Programm bewältigen würde, trieb mich eine Sorge um: Wird es ein Nachteil sein, dass ich keine Muttersprachlerin bin? Mein Englisch ist zwar ziemlich fließend, doch wie jemand, der die Sprache von klein auf gelernt hat, parliere ich nicht.

Mittlerweile habe ich die Ausbildung abgeschlossen; und ich kann sagen, meine Bedenken haben sich als weitgehend unbegründet herausgestellt. Zwar habe ich bei den Diskussionen in der Klasse nicht immer alle Feinheiten mitbekommen, und das Lesen der Fachliteratur hat bei mir manchmal etwas länger gedauert. Aber dass Englisch nicht meine erste Sprache ist, hat sich in anderer Hinsicht als überraschender Vorteil herausgestellt. Ich spreche langsamer und denke genauer über die richtige Wortwahl nach. Der positive Effekt: Meine Lehrer, Klassenkameraden und ersten Schüler lobten, wie verständlich, klar und präzise meine Yoga-Anleitungen sind.

Schnell denken, langsam sprechen

Meine Erfahrung scheint keine Ausnahme zu sein, wenn man aktuellen Artikeln in der internationalen Presse glaubt. Immer mehr Menschen in aller Welt benutzen täglich eine Sprache, die sie nicht von ihren Eltern gelernt haben. Dazu gehören Migranten und Leute, die wegen Beruf oder Studium eine Weile im Ausland leben, aber auch die vielen Berufstätigen, die am heimischen Arbeitsplatz in der Businesssprache Englisch kommunizieren.

Die Vorteile, in der eigenen Sprache zu arbeiten, sind offensichtlich, schrieb ein Journalist des Wirtschaftsmagazins Economist kürzlich in seiner Sprachkolumne. So hätten es Muttersprachler leichter, eloquent und differenziert zu argumentieren, da sie nicht ständig über die richtige Satzkonstruktion oder die adäquate Vokabel nachdenken müssten. Sie könnten auch eher versuchen, eine konträre Sichtweise durch einen Wortschwall hinwegzuwischen oder die Stimmung durch Humor aufzulockern. Aber ein Nicht-Muttersprachler zu sein, habe ebenfalls Vorteile: „Sie sind subtiler – aber keineswegs trivial.“

Man könne beispielsweise ohne Gesichtsverlust nachfragen, heißt es im Economist, und um eine Klärung bitten – und gewinne so Zeit, seine eigenen Argumente zu sortieren. Langsam zu sprechen erlaube einem Fremdsprachler zudem, die genau richtigen Worte zu wählen, etwas das viele Leute nicht tun, wenn sie aufgeregt, begeistert oder gerührt sind. „Es hat eine Menge für sich, schneller zu denken, als man sprechen kann. Besser als anders herum.“ In der Financial Times berichten Leser über ähnliche Erfahrungen. „In einer Diskussion kann ich so tun, als würde ich etwas nicht verstehen – und den Gesprächspartner zwingen, es anders zu formulieren, um ihn ein bisschen aus dem Tritt zu bringen“, schreibt ein Franzose, der im Finanzsektor in London arbeitet.

Ausgebremste Intuition

Vorteile von Fremdsprachlern gibt es auch über die direkte Kommunikation hinaus. So berichtet ein in Frankreich lebender amerikanischer Professor: Jemand, der aus einem anderen Sprach- und Kulturkreis komme, könne leichter nachteilige Denkgewohnheiten und Blockaden von einheimischen Kollegen erkennen – und eine Besprechung über diese Grenzen hinaus führen.

Interessant sind auch Studien, die zeigen, dass vermeintliche Sprachnachteile von Fremdsprachlern bei Entscheidungen von Nutzen sein können. In einem Experiment boten Wissenschaftler der Universität Chicago amerikanischen Studenten, die Spanisch in der Schule gelernt hatten, eine Münzwurf-Wette mit 15 Runden an. In jeder Runde konnten sie einen Dollar setzen. Je nachdem, ob sie Kopf und Zahl richtig vorhersagten, bekamen sie 1,50 Dollar zusätzlich oder verloren ihren Einsatz; der erwartete Gewinn lag also bei 1,25 Dollar. Lehnten sie die Wette ab, gingen sie mit nur einem Dollar nach Hause.

Die Studenten, die das Spiel in ihrer Muttersprache Englisch absolvierten, nahmen die für sie vorteilhafte Wette nur in 54 Prozent aller gespielten Runden an. Bei jenen dagegen, die in der Fremdsprache Spanisch spielten, lag der Anteil bei 71 Prozent. Eine Fremdsprache, so die Erklärung der Forscher, wirkt wie ein Distanzierungsmechanismus, der einen vom direkten intuitiven Denken in einen bedachtsameren, überlegteren Modus schalten lässt. Dies ist insbesondere bei emotionalen Entscheidungen relevant, etwa wenn es um den möglichen Verlust von Kapital geht (Sparen, Investieren). Auch moralische Entscheidungen, etwa die Frage, ob man einen Menschen sterben lässt, um fünf andere zu retten, fallen weniger emotional aus, so zeigen andere Studien, wenn man mit ihnen in einer Fremdsprache konfrontiert wird.

Damit keine Missverständnisse entstehen: Mein Argument ist nicht, dass man in einer zweiten oder dritten Sprache, die man täglich braucht, bewusst auf Anfängerniveau verharren sollte. Ich selbst versuche, mein Englisch ständig zu verbessern und neue Wörter und Ausdrücke zu lernen. Aber es ist nun mal so, dass ich niemals wie eine Muttersprachlerin sprechen werde. Und da wirkt es entspannend, sich die Vorteile der eigenen Grenzen vor Augen zu führen. So habe ich lange unermüdlich versucht, meine Aussprache ganz zu amerikanisieren. Nachdem mir Yoga-Schüler sagten, mein leichter deutscher Akzent sei „charming“, gehe ich das heute viel lockerer an.

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