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Vom Umdenken.  Zur Psychologie einer beliebten Floskel

Es vergeht kein Tag, an dem nicht in irgendeinem Leitartikel oder einem tremolierenden TV-Kommentar ein „Umdenken“ gefordert wird. Auch in Parlaments- und Sonntagsreden wird es immer wieder beschworen, auf Partei- und Kirchentagen sowie auf Aktionärsversammlungen. So ritualisiert ist die Umdenkphrase bereits, dass es eine stattliche Zahl von Websites, Zeitschriften, Initiativen gleichen Namens gibt. In der Forderung nach Umdenken artikuliert sich offenbar das vage zeitgeistige Unbehagen, dass „es so nicht weiter gehen kann“.

Wer zum Umdenken anhält, umgibt sich gerne mit der Aura des Mahners und Warners. Umdenkpropagandisten sind per definitionem Besserwisser, denn nur wer richtig liegt, kann andere daran hindern wollen, in die falsche Richtung weiterzudenken. Umdenken müssen natürlich immer die anderen: eine verblendete Mehrheit, denkfaule Konsumenten, ein verstocktes Wahlvolk, bornierte Politiker (der anderen Fraktion). Manche Umdenk-Appelle sind auch als Selbstermahnung getarnt – wir alle müssen umdenken, der Prediger eingeschlossen!

Im Kern geht es um den Versuch,  jemanden, dem man in einer wichtigen Frage falsches Denken unterstellt, zu überzeugen, zu überreden, zur Umkehr zu motivieren. Insofern ist die Umdenk-Rhetorik, auch wenn sie oft belehrend oder eifernd daherkommt, ein zivilisatorischer Fortschritt. Appelle zum Umdenken sind immer besser als Vorschläge, die wir nicht ablehnen können. Der Besserwisser versucht es immerhin mit der Kraft seiner Argumente, nicht mit Drohungen, Gewalt oder Manipulation.

Aber das Mahnen wie das Umdenken selbst ist mühsam, denn der Mensch ist konstitutionell ein Rechthaber, und ein sparsamer Denker dazu. Er neigt durch die Bank zu Selbsttäuschungen, Vorurteilen und Ideologien. Bevor er sich eines Besseren belehren lässt, leugnet oder verdrängt er erst einmal das Offensichtliche (etwa den Klimawandel) und verbiegt einfallsreich die Fakten.

Die Psychologie hat sich in mehreren Forschungsprogrammen des 20. Jahrhunderts mit dem Umdenken befasst – unter den Begriffen Einstellungswandel (attitude change) und Beeinflussung (Persuasion). Wie entstehen und wie verändern sich Meinungen? Sind das eher rationale oder eher emotional gesteuerte Prozesse? Und wie wirken sich Einstellungen auf das wirkliche Verhalten aus? Die Psychologen haben, unter anderem, herausgefunden, dass wir gerne ein geschlossenes Weltbild besitzen möchten und dafür innere Widersprüche glattbügeln. Oder wir vereinfachen unsere Meinungsbildung, indem wir uns an eine für glaubwürdige gehaltene Quelle/Person halten. Wer also Leute zum Umdenken bringen will, muss herausfinden, wie sie ihre „kognitiven Dissonanzen“ auflösen. Allerdings neigen wir auch zur „Abteilungsbildung“ im Denken: Dinge, die wirklich nicht zueinanderpassen (etwa: Merkel gut finden und zugleich für ökologischen Fortschritt sein) werden durch firewalls im Kopf voneinander getrennt gehalten. Aber je mehr Meinungen im Kopf herumschwirren, desto mehr Widersprüche tauchen auf, und desto eher suchen viele nach simplen Ordnungsmustern, um das Gebrumm im Kopf zu dämpfen.

Um die psychologische Einflussforschung ist es ziemlich still geworden. Allerdings hat die Praxis einiger Berufszweige sehr von ihr profitiert. Berufe, deren Daseinszweck nichts anderes ist als uns – in ihrem jeweiligen Geschäftsfeld – zum Umdenken zu bringen: Werbung, Public Relations, Marketing wollen uns zum Markenwechsel bewegen, Lobbyisten versorgen Politiker mit „Entscheidungshilfen“, Redenschreiber und Imageberater versuchen, uns zu Wechselwählern zu machen, Psychotherapeuten wollen selbstzerstörerische Denkmuster durch gesündere ersetzen.

Der Psychologe Robert Cialdini hat viele Jahrzehnte die Psychomechanik der Beeinflussung untersucht (siehe das Interview mit ihm in Heft 8/2015). Seinem Buch-Klassiker Influence. The psychology of persuasion hat er in der neusten Auflage ein Kapitel angefügt, in dem er eine explosionsartige Zunahme von Beeinflussungsversuchen in der digitalisierten Medienwelt von heute konstatiert. Etwas hilflos erscheinen seine Empfehlungen, wie wir uns diesem Meinungs- und Manipulationstornado entziehen könnten. Es beginne damit, so schreibt er, dass wir keine TV-Sitcoms mehr ansehen, in denen canned laughter (also Gelächter vom Band) unterlegt wird …

Werbung und Unterhaltungsindustrie haben sich ohnehin auf   subliminale und emotionale Beeinflussung spezialisiert. Längeres Nachdenken beim Empfänger ist eher unerwünscht, oberflächliches Meinen und Dafürhalten genügt. Neuerdings gibt es auch in der Politik den Trend, unterschwellig zu arbeiten und es gar nicht erst mit Appellen an die Vernunft zu versuchen. Gerade weil es in der öffentlichen Kakophonie von Meinungen immer schwerer erscheint, Gehör zu finden und Menschen zum Nachdenken und dann vielleicht zum Umdenken zu bewegen, greifen Politiker seit einiger Zeit zu einem neuen Werkzeugkasten voller Tricks, mit der Aufschrift Nudge. 

Hier wird das Umdenken gleich durch Umlenken ersetzt: to nudge heißt schubsen, und seit neustem erwirbt auch die deutsche Regierung, Kenntnisse in dieser Steuerungstechnik (siehe auch dazu Heft 8/2015). Wie kriege ich Menschen dazu, sich gesünder zu ernähren, sich im Verkehr einen Tick vernünftiger zu verhalten, Bildungschancen zu nutzen, etwas für andere zu tun? (Der Organspendeausweis ist ein Paradebeispiel für Nudge-Techniken). Wenn wir Glück haben, sind oder bleiben die Schubser „libertäre Paternalisten“ – wohlmeinende Manipulateure, die nur unser Bestes wollen.

Unser Bestes aber, und das sollten wir nicht zur Disposition stellen, ist die Möglichkeit, sich eine eigene qualifizierte Meinung zu bilden. Das bloße Meinen ist wohlfeil. Der Extremfall wäre der Bürger, der am Ende zu allem eine Meinung und von nichts eine Ahnung hat. Es kommt darauf an, den Informationsreichtum unserer Mediengesellschaft zu nutzen, um eine informierte Haltung zu all dem zu gewinnen, was uns betrifft. Und wir müssten bereit sein, komplexe Probleme verstehen zu wollen, mit anderen fair über  wichtige Fragen zu streiten, um einen Konsens oder auch Kompromisse zu finden. Das ist der Kern der Demokratie. Alles andere  – schnelles Meinen „aus dem Bauch heraus“ und Manipulation  – läuft auf Selbstentmündigung und Entpolitisierung hinaus.

Angeblich leben wir in einer postideologischen Epoche, in dem das Lavieren und Taktieren und, wenn nötig, schnelles Umdenken als vernünftig gelten. Angela Merkel ist bei einer Mehrheit der Deutschen auch deshalb beliebt, weil sie vermeintlich so un-ideologisch und pragmatisch regiert. Der sofortige Atomausstieg nach Fukushima ist ein Muster für diesen Stil, den man,  je nach Ausgangsmeinung, für einsichtig oder prinzipienlos, opportunistisch oder vernünftig halten kann. Merkel könnte sich immerhin auf den großen Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes berufen. Als man ihm während der großen Depression in den 1930er Jahren vorwarf, seine Einstellung zur Geldpolitik plötzlich geändert zu haben, sagte er: „When the facts change, I change my mind. What do you do, Sir?“ (Wenn sich die Tatsachen ändern, ändere ich meine Meinung – was machen Sie, mein Herr?).

Mind change, Umdenken also, entspringt oft dem klaren Blick auf die Fakten, oder, wie die marxistischen Philosophen sagen: einer „unverstellten Welterkenntnis“. Ob Merkel nach Fukushima nun aus Einsicht oder aus Taktik (auch die Stimmung des Wahlvolkes ist eine Tatsache) umgedacht hat, ist letztlich egal: das vernünftige Ergebnis zählt. Allerdings benutzte unsere Kanzlerin bei einigen anderen Entscheidungen auch das unheimliche Wort „alternativlos“. Dieses Wort ist ideologisch, denn es steht im Grunde für ein ein Denkverbot. Das Wesen des Denkens ist es gerade, sich Alternativen vorstellen zu können.

„Umdenken“ mag heute in der Tat eine geläufige Forderung, eine Floskel sein. Aber sie steht trotzdem für das, was uns als Menschen auszeichnet: die eigene Perspektive probehalber verlassen können; eine zeitlang annehmen,  dass etwas auch anders sein könnte; bereit sein, sich aus dem Dickicht der Meinungen in die Welt der Fakten zu bewegen. Versuch und Irrtum sind dabei erlaubt, denn zum Glück gibt es ja immer Leute, die uns zum Umdenken anhalten. Und was das Irren betrifft, meinte J.M. Keynes: „Manchmal liegt man einfach falsch. Wichtig ist, dass man schnell genug drauf aufmerksam gemacht wird.“

7 Responses to "Vom Umdenken.  Zur Psychologie einer beliebten Floskel"

  • Cristina
    5. Mai 2015 - 13:27 Reply

    Umdenken = Andersdenken = neue Denkwege in Anspruch nehmen. Ich glaube, dass Umdenken sehr wichtig ist in unserer heutigen Zeit…..nicht nur für jeden persönlich, um für sich selbst Alternativen zu finden, sondern auch gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich gesehen. Der Umdenkprozess an sich setzt Potenziale und Fähigkeiten frei, die uns aberzogen bzw. irgendwann blockiert wurden.
    Umdenkprozesse sind nicht nur Basis für freie Entfaltung sondern auch Basis für grundlegende Veränderungen. Veränderungen im Menschen, Veränderungen in der Gesellschaft, Veränderungen in der Welt – das ist es, was wir brauchen.

    • Joana Poloschek
      6. Mai 2015 - 22:08 Reply

      Liebe Christina, lieber Heiko Ernst,

      ich stimme euch/Ihnen vollkommen zu. Umdenken, sprich „die eigene Perspektive probehalber verlassen können; eine zeitlang annehmen, dass etwas auch anders sein könnte; bereit sein, sich aus dem Dickicht der Meinungen in die Welt der Fakten zu bewegen“ ist eine der wichtigsten Entscheidungen, die unser Miteinander weiterbringt. Versuch und Irrtum müssen sogar erlaubt sein, denn das Leben besteht für uns alle aus ausprobieren, sich vertüdeln, neu anfangen und nach so und so vielen Versuchen endlich eine günstige Lösung für sich zu finden.

      Was allerdings die entscheidende Vorarbeit beim Umdenken ist, und dieser Akt wird im Großen und Ganzen unterschätzt, ist die Fähigkeit, sich überhaupt beim Denken zu erwischen. Erst wenn wir wissen und erfahren haben, dass wir unsere Gedanken bewusst lenken können, können wir auch umdenken. Sonst bleibt es beim Nachdenken (nämlich „nach“ im Sinne von „dem anderen hinterherdenken“)

      Eckhart Tolle lässt grüßen 😉

      • Anja
        10. Jun 2015 - 14:46 Reply

        Guter Punkt! .. lese auch gerade Eckhart Tolle. 😀

  • Katja
    5. Mai 2015 - 18:16 Reply

    Ich hätte gar nichts gegen ein inflationäres Umdenken, wenn es überhaupt mal ein allgemeines DENKEN gäbe. Wie der Artikel so schön postuliert: Menschen sind „sparsame Denker“ und das kann man – nein, weg vom Allgemeinen und hin zum Eigentlichen- kann ich täglich in meinem Umfeld beobachten, im Internet und in Zeitungen lesen, im Fernsehen sehen und hören. Das Lied von Farin Urlaub, der besingt, wie seien von Idioten und Schwachmaten umgeben, die nicht denken, sondern raten und trotzdem recht haben, enthält mehr als ein Fünkchen Wahrheit. Also, liebe Leser, Hörer, Wähler, Lebende wenn euch wieder die Bitte zum Umdenken begegnet, vergesst das „um“ und denkt einfach mal.

  • Treutlein
    5. Mai 2015 - 23:03 Reply

    Lieber Heiko,
    kann ich Dich für eine Fortbildungsveranstaltung für Juniorbotschafter für Dopingprävention vom 27. – 29.9. in Heidelberg zu diesem Thema gewinnen (Olympiastützpunkt)? Unser Ansatz ist: Problembewusstsein wecken, diskutieren und reflektieren lernen, entscheiden, Verantwortung übernehmen – ohne den jungen Leuten eine Meinung aufs Auge zu drücken.
    Herzliche Grüße
    Gerhard Treutlein

  • Gert Stickl
    13. Mai 2015 - 10:01 Reply

    UM-denken erfodert zunächt doch einmal als Grundvorraussetzung das DEKEN an sich. Idealerweise ein unmalipuliertes und unmanipulatives Denken der Umgebung, damit sich jemand ein eigenes Bild machen bzw. eine eigene Meinung zu etwas bilden kann, daraus eigene Erfahrungen und Werte entwickeln, die dann genauso unmanipulativ weiter gegeben werden können.
    Also wäre nicht ein „einfaches“ und pauschalisierendes UM-Denken gefordert ( wobei es ja darauf ankommt von welchem Standpunkt /Staus UM-gedacht werden soll ), sondern es sollte zu aller erst einmal ein sogennanntes „freies“ Denken gefordert und gefördert werden.
    Lasst uns auch VOR- und MIT-denken, damit in UM-denken entstehen kann.
    Herziche Grüße
    Gert Stickl

  • Christiane Richter
    19. Mai 2015 - 23:36 Reply

    Lieber Heiko,

    Umdenken ist ein wesentlicher Prozess zur Horizonterweiterung. Doch nichts ist so schwer wie von lieb gewonnenen Einstellungen abzulassen. Aus meiner Erfahrung ist es hilfreich Menschen zunächst zu einem Perspektivwechsel zu ermuntern, so dass sie im wahrsten Sinne des Wortes erfahren können, wie sich eine andere Einstellung bzw. Ansicht anfühlen kann. Das Denken alleine nützt leider nichts. Es gehört ein großer Teil an Emotionen dazu.

    Das was wir erleben, können wir auch besser verstehen. Das beste Buch, der beste Film ersetzt nicht die gemachte Erfahrung.

    Beste Grüße

    Christiane Richter

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