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Vom Himmel hoch und heilig

“Hoch und heilig” schwören wir gerne, wenn wir etwas bekräftigen wollen. Nun nehmen auf den Jahreswechsel hin zumindest gute Vorsätze geradezu inflationär zu. Und obwohl wir wissen, wie schlecht es um die Erfüllung guter Vorsätze steht, tun wir es jedes Jahr wieder: Im neuen Jahr rauche ich weniger! Ganz bestimmt! Aber da unser Unbewusstes kein NEIN versteht, was wenig bekannt scheint, darf sich die Zigarettenindustrie freuen – dieser Raucher bleibt uns erhalten! Warum?

Ja, ich wundere mich, das Feld der Psychologie einmal mehr pauschal genommen, wie wenig dem Umstand Rechnung getragen wird, dass der „Riese Unbewusst“ in unserem Gehirn, der immerhin neuzig Prozent unserer Entscheide fällt – kein NEIN versteht. Zumindest die Werbestrategen sollten doch wissen, dass jede Negation in ihren Texten genau das Gegenteil bewirkt. Wissen sie es nicht, oder spielen sie mit dem Kalkül, dass es damit seine Richtigkeit haben soll?

„SO NICHT!“ schrie es einst von allen Plakatwänden, als es vor Jahren darum ging, einen Kandidaten auf das Bundeskanzleramt hin in den Wahlkampf zu führen. NICHT SO, wie der damals amtierende Kanzler, das war zu verstehen. Abgesehen davon, dass dieser Slogan geradezu nach dem: WIE DANN! rief und die Antwort auf das Kleingedruckte verwies, wunderte es mich in keiner Weise, dass dieser Kandidat den Wahlkampf im hohen Bogen verlor. Kann man so dumm sein, oder will man so dumm sein?

Negationen müssen nicht einmal verbal ausgedrückt werden. Jeder, der einmal in den Strudel einer psychischen Abwärtsspirale geriet, kann doch bestätigen, dass schon Befürchtungen genügen, um sie wie von Geisterhand bestätigend vorgeführt zu bekommen, Self fulfilling prophecy genannt. Als mir meine allwissende Seele, mein Navi, im Form einer happigen Depression wohlweislich einen Boxen Stopp verpasste, gab mir ein Freund gut meinend ein gewichtiges Buch in die Hand, in dem der Direktor einer psychiatrischen Klinik beschrieb, wie er selber auf die Depressionsabteilung ebendieser seiner Klinik geriet, als er von einem Tag auf den andern in eine schwere Krise gestürzt war. Er beschrieb über mehrere hundert Seiten jede Station seines tiefer Fallens detailliert mit dem ganzen Wissen seines Fachs – mit dem Effekt, dass es sich in mir verankerte, genau diese Stationen durchlaufen zu müssen, sei doch eine Depression genau so, wie es dieser Fachmann beschrieb. Und so kam es auch. Seither rate ich jedem Autor dieses Themas ab, einem Depressiven ein Buch über Depressionen in die Hand zu geben, so lange dieser noch von ihrer Dynamik geschüttelt wird. Um aus einer Depression herauszukommen braucht es Demut, nicht Wissen, und die steht in keinem Buch.

Hinterher, wohlverstanden, wenn es darum geht, zu begreifen, was einen da ergriffen hatte, wenn also Hoffnung und Wille zurückkehren, nachdem die „Nachreifung“ bestanden ist, können solche Bücher hilfreich sein. Zum Beispiel um darin nachzulesen, dass es anderen genauso erging, also Depression etwas Unpersönliches hat, vielmehr ein Parcours ist, der für alle die gleichen Hindernisse bereithält, um an ihnen zu wachsen.

Am fatalsten aber sehe ich den negativen Effekt, leichtsinnig von Gläubigen herbeigeführt und insbesondere von der Institution Katholische Kirche systematisch bewirtschaftet, in dem für unbedenklich gehaltenen Feld des Betens. „Lieber Gott mach, dass dies oder jenes NICHT geschieht, lass diesen oder jenen Kelch an mir vorübergehen“, wird einen früher oder später zwingen, genau diese Kelche auszutrinken. Das musste auch Jesus erfahren. Auch sein Kelch, den er nach eigenem Zitat liebend gerne hätte an sich vorbeigehen sehen, musste ausgetrunken werden, schon am folgenden Tag. Aber hatte er es nicht mit allen Mitteln – ob bewusst oder unbewusst, was tut‘s – provoziert, dass es so kam, wie es kommen musste?

Subtiler noch, und weil Weihnachten doch den einen oder andern wieder mal in eine Kirchenbank führt und sei es des Orgelkonzertes wegen – wer sich umschaut, vornehmlich in älteren katholischen Kirchen oder Domen, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, er sei im Schloss Marquis de Sades gelandet. Von Evangelium („Frohe Botschaft“) an Weihnachten zwar etwas mehr, aber unter dem Jahr keine Spur. Von den Wänden röchelts, vom Kreuz blutet‘s, die Marien seufzen, und selbst an Weihnachten darf es nicht anders beginnen als mit: „Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa“, damit von Anfang an klar ist, wie man alles Weitere zu verstehen hat. Diese Negation, die nicht zufällig mit dem Beginn der Machtkirche im vierten Jahrhundert Einzug hielt, weil Schuldige, welcher Popanz weiss es nicht, besser lenkbar sind, ist das wirklich Lähmende und über den Rückweg des Beichtstuhls das Vergiftende auf beiden Seiten des Blechgitterchens. Von der Erbschuld gar nicht gesprochen, die schon Siebenjährige zur Beichte befiehlt, damit sie früh genug lernen, was schuldig Sein heisst.

Nein, man unterschätze die Präzision und die Unerbittlichkeit des ansonsten neutralen Riesen in uns nicht! Er kann tatsächlich Berge versetzen. Ob es dann besser ist, dass sie da stehen, wo sie dann stehen, ist eine andere Frage. Eher nicht. Fokussierte Hoffnung, Glaube genannt, kann Wunder vollbringen, nicht nur an Weihnachten. Man soll sich nur nicht wundern, dass Wunder selten Glück bringen. Es fehlt der Verdienst. Zumindest zur Nachhaltigkeit.

Und so werden wir an Neujahr wieder Mirakeln und aus dem Blei lesen, die Karten legen und Vorsätze fassen. Das ist auch gut und lustig so.

Aber sollte es einer tatsächlich ernst meinen mit dem Aufhören zu Rauchen, bedenke er doch kurz, wie er sein gut gemeintes Mantra zum neuen Jahr in Worte fasst.

 

 

 

One Response to "Vom Himmel hoch und heilig"

  • webpsychiater
    29. Dez 2014 - 18:20 Reply

    Gute Vorsätze werden wirksamer, wenn sie visualisiert und möglichst konkret vor dem Inneren Auge erkennbar sind. Gedanken sind schön und gut, sie verpuffen halt nur so schnell…

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