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Vom Glanz und Elend der Intuition

Wer sagt, er habe aus dem Bauch heraus entschieden, kriegt Beifall. Es klingt sensibel, ehrlich und sympathisch. Aber es ist auch verdammt gefährlich.

Ich saß in einem Taxi, und der Fahrer raste über eine unübersichtliche Kreuzung. Die Ampel war schon mehrere Sekunden zuvor auf Rot gesprungen, dennoch drückte der Fahrer aufs Gas. Wir fuhren über Rot, und ich sah aus dem Augenwinkel, wie sich von rechts ein Auto näherte – ziemlich schnell, wie ich meinte. Es knallte uns in die Seite, der Wagen kippte durch den Aufprall auf die Fahrerseite, Fenster zersprangen und ich erinnere mich nur noch, wie ich mich panisch festhielt an allem, was sich um mich herum befand.

Ich muss in diesen Sekunden reagiert haben wie eine Eidechse, die sich an ihre Umgebung angepasst tot stellt, in der Hoffnung, der Feind werde sie schon nicht finden. Nach nur wenigen Minuten waren Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte vor Ort. Sie prüften zuerst, ob der Fahrer und ich ansprechbar waren, um dann die Türen aufzufräsen und uns herauszuhelfen. Mir war tatsächlich nichts passiert.

Wie waren die Rettungssanitäter nun vorgegangen? Wie entscheidet man, wenn man an einem Ort eintrifft, eine Situation vorfindet und dann innerhalb weniger Sekunden Entscheidungen über Erste und zweite Hilfe, über Leben und Tod, treffen muss? Sie entscheiden intuitiv, nach Faustregeln. Sie schließen Optionen aus, weniger ist mehr. Liegt ein Unfallopfer im Straßengraben und ruft: „Retten Sie mich, ich verblute!“, geht der gute Sanitäter zu ihm erst einmal nicht hin, weil er weiß: „Wer schreit, lebt.“ Intuition ist in erster Linie Wiedererkennung. Sie beruht auf Erfahrung. Je mehr wir erlebt haben, desto zielsicherer können wir entscheiden.

Wissen ohne Wissen

Ein Fußballschiedsrichter erklärte mir einmal, wie er ein Foul beim Kopfball innerhalb von Sekundenbruchteilen erkennt: Er achtet nicht etwa auf den Ball und seine Bewegungen, sondern auf die Augen der am Kopfball beteiligten Spieler. Gucken beide den Ball an, werden sie nicht foulen. Wendet einer den Blick vom Ball ab und schaut dem anderen Spieler in die Augen, wird er auch der sein, der foult. Der Psychologe Gerd Gigerenzer nennt das: die Blickfaustregel. Piloten lernen eine ähnliche Regel. Wenn sich ein Flugzeug nähert, und ein Crash zu befürchten ist, so soll der Pilot auf einen Kratzer in der Windschutzscheibe schauen und beobachten, ob sich das Flugzeug relativ zu diesem Kratzer bewegt. Wenn nicht, muss er die Maschine sofort nach unten ziehen.

Der Schiedsrichter beim Foul, der Feuerwehrmann, der ein Haus verlässt, unmittelbar bevor es einstürzt, der Rettungssanitäter am Unfallort – alle verfügen über ein „Wissen ohne Wissen“. Das ist eine Grundausstattung des menschlichen Lebens, es ist tastendes Ahnen, versuchendes Spüren, emotionales Experimentieren.

Das Schöne daran: Das kann jeder. Der Mensch ist erstaunlich lernfähig, er lernt schnell und verlässlich, insbesondere, wenn es um Gefahren und Angst geht. Das emotionale Lernzentrum ist wie Google – es weigert sich beharrlich zu vergessen. Eine einzige Erfahrung kann ausreichen, um eine langfristige Abneigung hervorzurufen. Das ist eine sehr nützliche Eigenschaft, die uns vor Fehlern bewahren kann – auf der einen Seite. Auf der anderen Seite gehen wir unseren Intuitionen leider allzu oft auf den Leim. Insbesondere dann, wenn wir es gar nicht bemerken.

Wir neigen dazu, das zu sehen, was wir sehen wollen. Wir neigen zur Zustimmung und nicht zur Ablehnung. Ablehnung sorgt für Stress im Kopf: Der kognitive Aufwand des Verneinens und Hinterfragens ist ungemein größer, als der zu bejahen. Je mehr Informationen wir haben, desto schlimmer wird es. Sobald sich in unserem Kopf eine kohärente Weltsicht herausgebildet hat, stehen wir im Verdacht, nur noch Beispiele zu berücksichtigen, die beweisen, dass wir recht haben, schreibt der Philosoph Nassim Nicholas Taleb. Darum gilt: Trauen Sie niemals Ihrem Partner, wenn er Ihnen im Hinblick auf Ihre Ticks und Macken sagt, sie seien schon immer da gewesen. Er hat nur vergessen, dass es einmal anders war. Psychologen sprechen vom Bestätigungsfehler.

Gespür für richtiges Handeln im richtigen Moment

Das zweite Problem ist der sogenannte Halo-Effekt. So konnten Psychologen zeigen, dass einige Vornamen als intelligenter wahrgenommen werden als andere. Das hat gravierende Folgen: Ein Maximilian muss in der Schule erst einmal beweisen, dass er doof ist. Bei einem Justin ist es umgekehrt. Selbst Lehrer fallen hier ihrer falschen Intuition zum Opfer: Eine Studie unter Grundschullehrern ergab, dass Justin, Marvin, Mandy, Angelina, Chantal und Kevin per se unter Bildungsferneverdacht standen. Zu dieser Entwicklung hat Justin Bieber einen großen Beitrag geleistet.

Die Lösung kann also nicht darin bestehen, die Intuition zu verteufeln oder auf den Sockel zu heben. Am Ende geht es um die Vereinigung der scheinbaren Widersprüche. Die Menschen, die wir achten und respektieren, zeichnen sich nicht durch Angst und Misstrauen aus, sondern durch Risikointelligenz. Was sie alle eint, ist ein Talent, Kopf- und Bauchentscheidungen zu vereinen. Das richtige Gespür für das richtige Handeln im richtigen Moment. Eine gute Mischung aus Strategie, Taktik und Kalkül mit einem Sinn fürs Spielerische. Praktisch heißt das: Erst nachdenken und abwägen, dann den Bauch befragen.

Psychologen haben in Experimenten mit Patienten herausgefunden, dass ein sich steigernder, am Ende stärkerer Schmerz intuitiv schlimmer nachwirkt als ein längerer gleichbleibender Schmerz. Für das Schmerzempfinden ist nicht die Dauer des Schmerzes entscheidend, sondern die Frage, wie heftig er im qualvollsten Moment ist und wie stark am Ende der Behandlung, schreibt der Psychologe Daniel Kahneman. Man nennt das die Höhepunkt-Schluss-Regel. Wenn Höhepunkt und Schluss zusammenkommen bei Untersuchungen, ist das die Hölle. Beim Sex und in Blog-Texten ist es der Traum. Darum mache ich jetzt hier Schluss.

Zum Weiterlesen:

Gerd Gigerenzer: Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition, München 2007
Nassim Nicholas Taleb: Der Schwarze Schwan, München 2010
Daniel Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken, München 2011
Udo Rudolph, Robert Böhm, Michaeler Lunger: Zur sozialen Wahrnehmung von Vornamen, Chemnitz 2013 (PDF

3 Responses to "Vom Glanz und Elend der Intuition"

  • Wolfgang
    22. Dez 2015 - 23:08 Reply

    Intuition, in der Tat ein zweischneidiges Schwert.
    Je mehr Erfahrung jemand hat, umso besser ist seine Intuition. Nach Johnson und Raab 2003 ist die erste Option, die einem in den Sinn kommt, in der Regel auch die Beste. Andererseits sollte man sich umso weniger auf den ersten Impuls verlassen, je länger man nachdenkt und weitere Optionen generiert.
    Und je komplexer eine Entscheidung, desto mehr sollte man seinem Unbewussten vertrauen.
    Zweischneidiges Schwert deswegen, weil es Fälle gibt, wo es gut gegangen ist aber auch welche, wo es schiefgegangen ist …

  • Katharina Wanha
    23. Dez 2015 - 2:01 Reply

    Ein spannendes Thema! 🙂
    Ich glaube der Knackpunkt ist, dass wir nach wie vor nicht genau sagen können was Intuition exakt ist. Die Studie unter den Grundschullehrern zum Beispiel macht für mich eher die unbewußt gespeicherten Vorurteile sichtbar.
    Ist Intuition nicht auch mehr als das „Bauchgefühl“? Doch was ist sie dann?
    Ist es „nur“ das Wissen welches wir im Laufe unseres Lebens anhäufen und auf das wir im entscheidenden Augenblick zurück greifen? Sind es, wie Gigerenzer u.a. schreibt, einfache Faustregeln, die sich unser Gehirn zunutze macht? Was aber ist dann mit dem kollektiven Unbewußten, das C.G. Jung als Teil unserer Psyche bezeichnet der nicht auf persönlicher Erfahrung beruht- also nie persönlich erworben wurde – und doch bei jedem Menschen vorhanden ist. Wenn wir uns dieses koll. Unbewußte bewußt machen können, dann beruht die Intuition nicht nur auf persönlich erworbenem Wissen.

    Wer noch mehr darüber erfahren möchte dem empfehle ich auch die 13-teilige Serie „Auf den Spuren der Intuition“ auf DVD. Quantenphysiker und Träger des Alternativen Nobelpreises – der auf der DVD auch zu Wort kommt – sagt: „Intuition – die hat jeder Mensch, aber er weiß nicht, woher sie kommt.“

    „Der Verstand spielt auf dem Weg der Entdeckung nur eine untergeordnete Rolle. Es findet ein Sprung im Bewusstsein statt, nennen Sie es Intuition oder was Sie wollen, und die Lösung kommt zu Ihnen und Sie wissen nicht wie und warum.“ Albert Einstein

    Liebe Grüße
    Katharina Wanha

  • Prof. Dr. Kira Klenke
    8. Feb 2017 - 18:56 Reply

    1) Neu war für mich in diesem Blogbeitrag, dasss einige Vornamen als intelligenter wahrgenommen werden, das ist interessant. Gibt es auch bestimmte Vornamen. die als intuiver wahrgenommen werden?
    2) Ich habe Mathematik studiert und werde immer wieder gefragt, wieso ausgerechnet mich als Naturwissenschaftlerin das Thema Intuition so fasziniert. Ich denke (und das ist auch meine Erfahrung), dass keine neue Erfindung (keine neue mathematische Formel beispielsweise) NUR mit dem rationalen Verstand oder NUR mit Intution gefunden wurde. Dabei ist immer das Zusammenspiel wichtig: Zusammenhänge zunächst eingehend bedenken und dann (in Momenten der Entspannung meistens) fügt die Intuition die Puzzle-Teile richtig bzw. ganz neu zusammen.
    3) Ich war 24 Jahre Professorin und finde, dass Intutionstraining dringend in (Hoch-)Schulen angeboten werden sollte.

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