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Viele Grüße!

Aahh, eine weitere Weihnachtskartensaison geschafft, wird jetzt sicher mancher in deutschen Landen denken. Mal abgesehen von ein paar Geburtstagsgrüßen ist jetzt wieder für ein Jahr Ruhe. In den USA dagegen haben Karten immer Saison. In jedem Supermarkt, Warenhaus und Drugstore findet man Gang neben Gang an greeting cards, oft Hunderte verschiedene Arten und Variationen. Allein die Geburtstagssektion lässt Staunen. Für jede mögliche Beziehung gibt es spezielle Produkte: für die Mutter von der Tochter, für die Tochter von der Mutter, für die Nichte vom Onkel, für die Großmutter von den Enkeln, für einen platonischen männlichen Freund, für eine Kollegin und so weiter … Doch das ist nur der Anfang: religiöse Feste, Jahreszeitenwechsel, Halloween, Valentinstag, erster Schultag, letzter Arbeitstag, bestandenes Examen, Scheidung, Umzug, Genesung, Unfall, Dankeschön, Entschuldigung, erstes Baby, zweites Baby, dritter Ehemann, Tod des Familienhundes – die Gründe und Gelegenheiten, sich ein paar Zeilen zu schicken, scheinen keine Grenzen zu kennen.

Natürlich stecken dahinter auch kommerzielle Kräfte. Die Kartenfirmen lassen sich immer wieder andere Designs und Anlässe einfallen. Allein Hallmark, die gut 100 Jahre alte Branchenikone, bringt nach eigenen Angaben jedes Jahr rund 10.000 neue und umgestaltete Karten heraus. Die überbordende Fantasie der Firma nahm das satirische Magazin The Onion 2007 zum Anlass, Hallmark in einem herrlichen Artikel auf die Schippe zu nehmen. Wissenschaftler des unternehmenseigenen Forschungsinstituts, hieß es darin, hätten drei ganz neue menschliche Emotionen entdeckt (darunter „seprudity“, Anerkennung für das Engagement eines Kollegen, dessen Jobfunktion man nicht wirklich versteht); entsprechende Grußkarten seien bereits in Arbeit.

Doch Kommerz allein, scheint mir, kann die Kartenschwemme nicht erklären. Dazu sind viele meiner hiesigen Mitbürger mit zu viel Begeisterung und Ernsthaftigkeit dabei. In der Tat sieht der amerikanische Soziologe Francesco Duina (University of British Columbia, Kanada) dahinter einen viel tiefer gehenden Grund. In den USA, erläutert er in einem vor ein paar Monaten veröffentlichten Buch, beschäftigt man sich mehr als in anderen Ländern mit Lebensübergängen. In Europa beispielsweise scheine ein viel geringeres Bedürfnis zu bestehen, den Lebensverlauf explizit zu diskutieren oder öffentlich zu reflektieren. Ganz anders US-Amerikaner: „Auf der Liste unserer kollektiven Anliegen stehen [Übergange] ganz vorne: Sie sind ein ständiges Thema unter Freunden, Familienmitgliedern und Kollegen. Wir sorgen uns über sie, nehmen sie sehr wichtig und unterziehen sie Betrachtungen und Analysen.“ Die amerikanische Kultur sehe nicht nur mehr Situationen als wichtige Lebensstufen an, sondern interpretiere diese auch auf besondere Weise: Einerseits werde die Möglichkeit für Neubeginn, individuelle Verbesserung und Weiterentwicklung betont; andererseits hebe man die Verbundenheit mit anderen, Kontinuität und die Unvermeidlichkeit von Wandel hervor.

Selbst negative Ereignisse, schreibt Duina, werden so interpretiert. „Für mich sind mit Dir einige der schönsten Erinnerungen verbunden, die ich habe, und das wird immer so bleiben“ heißt es in einer Karte für Menschen, die an einer tödlichen Krankheit leiden. „Dein Vater ist nicht mehr derselbe und für ihn zu sorgen ist herausfordernd. Deshalb will ich Dir sagen: Du bist nicht allein. Wann immer Du eine Schulter brauchst, werde ich da sein“, kann man Angehörige von Alzheimer-Patienten wissen lassen. Und für Leute, die gerade entlassen wurden, findet sich ein ganzes Spektrum an mitfühlenden, witzigen oder aufmunternden Zeilen („Betrachte es nicht als Jobverlust. Betrachte es als Pause zwischen zwei blöden Chefs.“ „Es tut mir leid, dass Du Deinen Job verloren hast. Gott wird Dich durch die schwere Zeit führen.“ „Wenn sich eine Tür schließt, geht eine andere auf. Was hinter der nächsten Tür auf Dich wartet, wird ganz sicher besser als das Vergangene sein.“)

Mich persönlich spricht das Design und die Sprüche amerikanischer Karten oft wenig an: zu kitschig, zu sentimental, zu religiös. Doch die Haltung dahinter gefällt mir: Veränderungen im Leben thematisieren, auch wenn sie klein sind, Wandel als etwas Unvermeidliches und grundsätzlich Positives sehen, auch wenn es im Moment nicht so scheint. Warum nicht dem Patenkind zum nächsthöheren Judogürtel gratulieren? Oder eine aufmunternde Karte schicken, wenn die beste Freundin den Traumjob nicht bekommen hat? Warum nicht dem Kollegen, der gerade durch eine Scheidung geht, ein paar Zeilen senden? Oder die Enkelin zum ersten Blog beglückwünschen? Übergänge geben dem Leben Struktur, betont Duina: „Etwas geht zu Ende und etwas Neues eröffnet sich uns. Und eine scheinbar harmlose, aber in Wahrheit herausfordernde und oft beängstigende Frage stellt sich: Was kommt jetzt? Wir spüren die Weite vor uns. Wir fühlen die Zeit vergehen, den Puls des Lebens. Diese Momente zählen zu den wichtigsten im Leben.“ Das ist, meine ich, durchaus die ein oder andere Karte wert.

 

3 Responses to "Viele Grüße!"

  • geeald brandt
    30. Dez 2014 - 22:23 Reply

    Meine – zugegeben ehee laienhaft klingende – Erklärung für das ameeikansche Grußkartenphänomen war bis jetzt:
    1. Haben die US-Amerikaner schon lange echte Emotionen durch Rituale und Symbole ersetzt. (siehe Fahneneid, Hymnesingen bei jeder Gelegenheit, oberflächliche sprachliche Formeln im Alltag, Luftballons beim Krankenbesuch etc. Pp)
    2. Ist es viel bequemer eine fertig formulierte Karte zu kaufen als sich selbst anzustrengen.
    3. Haben inzwischen nicht wenige Amerikaner Probleme mit der Orthografie.

    Sicher ist an der obigen Interpretation auch etwas dran, aber solche Diskussionen über Zäsuren sind oft ebenfalls sehr oberflächlich bzw gehen kaum über Standardratschläge hinaus.

  • Martina
    30. Dez 2014 - 22:39 Reply

    Ich schließe mich der Meinung der Autorin an. Dankeschön!

  • birgit
    31. Dez 2014 - 9:11 Reply

    Lieber vorgefertigte Karten mit Texten, als betretendes schweigen, ablenken vom belastenden Thema oder sich garnicht mehr melden.

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