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Verdunkelungsgefahr

Oder: Was der Bulle hinter sich lässt

Die Illusion, dass die Informationsgesellschaft auch eine weltweite Wissensgesellschaft wird, ist zerstoben. Vor allem die Erfindung des Internets weckte die Hoffnung, alles Wissen dieser Welt könne nun von jedem jederzeit angeklickt werden – und die Multiplikation des Wissens führe zu einer neuen Phase der Aufklärung, der Rationalität und Bildung. Aber wir erleben gerade, so scheint es zumindest, den Beginn eines Zeitalters, in dem es eher darum geht, pausenlos Selbst-Botschaften, haltlose Behauptungen oder tief empfundene Meinungen auszustoßen.

Immer mehr Menschen bewegen sich informationstechnisch längst in einer nahezu faktenfreien Blase. Sie rezipieren nur noch das, was (zu) ihnen passt, was ihr Interesse, ihrer Wut, ihre Ängste noch weiter verstärkt. Das derzeit oft bemühte Bild für diesen Stil der Informationsaufnahme und -verarbeitung ist das der „Echokammer“. Das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Bestätigung ist offenbar mächtiger als das nach Wissen und Verstehen. So greift einerseits eine Art Selbstverblödung um sich. Andererseits machen regelrechte Kaskaden von Lügen und Gerüchten aus dem Zeitalter der Information auch eines der Desinformation und des Obskurantismus.

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit heute auf eine sich schnell ausbreitende, „gehobenere“ Gattung der Nicht-Wahrheit lenken. Für diese hat 2005 der Philosophieprofessor Harry Frankfurt den Begriff bullshit reserviert. (Das Buch On bullshit liegt auch auf deutsch vor: Bullshit, Suhrkamp 2006). Bullshit ist definiert als eine Äußerung oder Behauptung ohne Beachtung des Wahrheitsgehaltes. BS unterscheidet sich von der dreisten Lüge dadurch, dass ein Lügner immerhin einen Bezug zur Wahrheit hat – die er bewusst verdrehen oder verdecken will (Beispiel: Putins Propaganda-Aktion im „Fall Lisa“). Dem bullshitter kommt es dagegen auf Beachtung an, das „Material“ ist ihm fast egal – es können Halbwahrheiten, Gerüchte, abgestandene Vorurteile sein. Was zählt, ist lediglich das Erregungspotenzial, denn er will die Empfänger in erster Linie beeindrucken oder agitieren (etwa Björn „1000 Jahre Deutschland“ Hoeckes Ausführungen über rassisch bedingte Fortpflanzungstendenzen).

Warum bullshit funktioniert

Deshalb verwendet der bullshitter gerne eine prätentiöse, pseudo-tiefsinnige und pseudo-wissenschaftliche Sprache, in der es von vagen Begrifflichkeiten, Tautologien und Neologismen nur so wimmelt (wer jetzt an Heidegger denkt – bitte dranbleiben!). Theodor W. Adorno hat 1963 in seiner Studie über den Jargon der Eigentlichkeit gezeigt, wie dieses Sprachmuster imponieren, verwischen oder überrumpeln will. Und dass es dafür eine Empfänglichkeit gibt, die man im Allgemeinen unterschätzt. Ein kleiner, feiner Forschungszweig der Sozialpsychologie untersucht neuerdings, wie und warum bullshit heute funktioniert.

So hat eine Gruppe um den kanadischen Psychologen Gordon Pennycook mithilfe eines bullshit-Generators sinnfreie, aphorismusartige Sätze gebildet („Ein verborgener Sinn transformiert abstrakte Schönheit“) und sie mit sinnhaltigen Sätzen („Steter Tropfen höhlt den Stein“) bunt gemischt. Modell für den Pseudo-Tiefsinn waren die Tweets des New Age-Gurus und Erfolgsautors Deepak Chopra („Attention und Intention bilden die Mechanik der Manifestation“). Hunderte von Versuchspersonen sollten nun jeweils zehn Sätze nach ihrer „Tiefe“ bewerten. Daneben absolvierten alle Teilnehmer auch Tests, in denen ihr kritisches Denkvermögen (logisches Schlussfolgern, analytisches Denken usw.) erfasst wurde. Außerdem prüfte man ihre Neigung zu intuitiven Entscheidungen und zu magischem Denken sowie ihre religiöse Überzeugungen (etwa Glaube an ewiges Leben, Heilung durch Gebete, Engel usw.).

Wenig erstaunlich, dass sich die Ergebnisse so zusammenfassen lassen: Je gläubiger, intuitiver und unkritischer Menschen im Allgemeinen sind, desto eher halten sie bullshit für Tiefsinn. Je skeptischer und analytischer sie denken, desto eher lehnen sie die bullshit-Sätze ab. Die Neigung, sich auf Unsinn einzulassen, ist unterschiedlich verteilt. Aber, und das ist das verstörende Ergebnis dieser Experimente: Auch die kritischsten Skeptiker fielen auf einige Produkte des bullshit-Generators rein. Niemand scheint völlig dagegen gefeit zu sein, sich durch prätentiösen Nonsens beeindrucken zu lassen. Wir alle sind hin und wieder Gimpel oder Simpel. Und halten etwas für tiefsinnig, nur weil wir es nicht auf Anhieb verstehen.

Mit Skepsis tun wir uns schwer

Die Anfälligkeit für bullshit ist offenbar in uns angelegt. Manchmal wollen oder müssen wir einfach etwas glauben – und nicht hinterfragen. Manchmal ist uns eine Quelle, die wir schätzen, wichtiger als der Inhalt einer Botschaft. Der Philosoph und Vorkämpfer der Aufklärung, Baruch Spinoza, meinte sogar, dass Menschen erst etwas glauben müssen, um es wirklich zu verstehen. Und die heutige Sozialpsychologie geht von einem response bias aus, das uns allen zu eigen ist: Wir erwarten nicht von vornherein, dass uns jemand belügen oder verscheißern will. Es existiert also eine deutliche Asymmetrie zwischen Glaubenwollen und Skepsis.

Erst in einem zweiten Schritt (und häufig auch nie) setzt kritischeres Denken ein – wir stoßen auf Widersprüche, zweifeln an der Redlichkeit der Quelle, fangen an, Fragen zu stellen, uns besser zu informieren. Manchmal bleibt der Wille zu glauben aber stärker als alle Gegenbeweise. Ein bedrückendes Beispiel ist die Kampagne gegen das Impfen, das angeblich zu Autismus oder anderen Störungen führt. Sie ist das Resultat von wissenschaftlich verbrämtem bullshit, dessen Urheber zwar schon mehrfach widerrufen hat – ohne die Gläubigen von ihrem Wahn abzubringen.

Um es noch einmal zu betonen: Auch Bildung und Wissen schützen nicht unbedingt vor der Anfälligkeit für bullshit. Im akademischen Milieu sind die wichtigsten Motive fürs Bullshitten oft besonders ausgeprägt: Imponiergehabe und Wichtigtuerei. Das hat der Physiker Alan Sokal 1996 in einem bullshit-Experiment belegt: Er schrieb einen völlig absurd-sinnfreien Text darüber, dass die Schwerkraft auch nur ein „soziales Konstrukt“ sei. Sein Artikel strotzte vor modischem postmodernen Jargon und quantenphysikalischen Begriffen – und gefiel den Herausgebern und Lesern der kulturwissenschaftlichen Fachzeitschrift Social Text. Niemand bemerkte den Quatsch, bis Sokal in seinem Buch Eleganter Unsinn alles offenlegte und eine intensive bullshit-Diskussion anstieß. Nicht besonders nachhaltig: Vor Kurzem hat der Soziologe Peter Dreier eine ähnliche Nummer abgezogen: Er reichte für einen Fachkongress der International Society for Social Studies (mit dem schon sehr bullshit-verdächtigen Titel On the Absence of Absences) die Kurzfassung eines Vortrages ein, der als reiner bullshit angelegt war: pseudo-soziologisches Geschwafel, garniert mit frei erfundenen Heideger(sic!)-Zitaten. Er wurde eingeladen, man freue sich sehr auf seinen spannenden Vortrag.

6 Responses to "Verdunkelungsgefahr"

  • Dr. Elmar Basse
    17. Mrz 2016 - 19:39 Reply

    Hallo, der Hinweis auf Spinozas Satz, dass Menschen erst etwas glauben müssten, um es wirklich zu verstehen, ist interessant, aber noch nicht hinreichend. Um etwas zu verstehen, müssen wir es auch verstehen wollen, d.h., wir müssen – zumindest früher oder später – eine positive Zuwendung zu der These gewinnen. Wenn mich ein Gedanke nicht anspricht, wenn er mich nicht interessiert, werde ich mir auch in der Regel gar nicht die Mühe machen, mich genauer mit ihm auseinanderzusetzen und zu prüfen, wie gehaltvoll er in Wirklichkeit ist. Schon Freud hat darauf hingewiesen, dass die Menschen wohl kaum die christliche Lehre angenommen hätten, wenn sie nicht Jesus geliebt hätten. Will sagen: Denken und Fühlen sind eng miteinander verbunden. Menschen lassen sich nicht einfach von Argumenten überzeugen, wenn sie im Konflikt mit ihren Glaubenssätzen stehen, an die sie wiederum emotional gebunden sind. Das kann man auch in jeder Diskussionsrunde sehen: Menschen neigen dazu, ihre einmal eingenommenen Standpunkte zu verteidigen. Diese können ins Bröckeln geraten, wenn eindeutige Fakten auftauchen, aber selbst dann erweisen sich Glaubenssätze als erstaunlich resistent.

    Viele Grüße
    Elmar Basse

  • duckorgrouse
    25. Mrz 2016 - 12:57 Reply

    Für mich ist ärgerlich, dass es einen Markt für „Unsinn“ gibt und das mit dieser Klientel nicht sinnvoll zu diskutieren ist. Entweder wird zensiert oder das Niveau spottet jeder Beschreibung – total verschwendete Zeit. Aber eine Antwort steckt in diesem Artikel: „Sie rezipieren nur noch das, was (zu) ihnen passt, was ihr Interesse, ihrer Wut, ihre Ängste noch weiter verstärkt“. Vermutlich ist das der Preis für die Möglichkeiten der sozialen Medien?

  • Joseph Kuhn
    25. Mrz 2016 - 13:09 Reply

    Schöner Beitrag. Der Glaube an Unsinn hat viele Kinder. „Bullshit“ ist bei Harry Frankfurt als Rede verstanden, der die Wahrheit egal ist. Das kennt man aus politischen Talk Shows, in denen manchmal jedes Argument recht ist, um für einen Moment Recht zu bekommen. Bei Impfgegnern ist das anders. Sie glauben, dass sie die Wahrheit kennen und die Anderen lügen. Hier hat man es eher mit einem Phänomen wie „Denialismus“ zu tun, einem strategischen Leugnen unliebsamer Evidenz (siehe dazu z.B. Diethelm/McKees Aufsatz „Denialism: what is it and how should scientists respond?“: http://eurpub.oxfordjournals.org/content/19/1/2).

    Dass wir uns im Alltagsleben mit Skepsis schwer tun und nicht als Popperianer handeln, ist im Grunde übrigens sinnvoll. Wenn wir immer alles hinterfragen würden, würde der Alltag nicht mehr funktionieren. Darauf vertrauen zu können, dass man nicht ständig hinters Licht geführt wird, ermöglichst erst unsere Gewohnheiten, d.h. wir brauchen im Alltag eine erwartungskonforme Umwelt. Der confirmation bias ist so gesehen eine bewährte Überlebenstechnik.

  • Klaus
    25. Mrz 2016 - 19:15 Reply

    Da hab ich aufgehört weiterzulesen:
    „die er bewusst verdrehen oder verdecken will (Beispiel: Putins Propaganda-Aktion im „Fall Lisa“).“

  • Angela Wenning
    24. Apr 2016 - 17:29 Reply

    War sehr angenehm zu lesen für mich, da der Inhalt kein bullshit ist! Wünsche großes Leseinteresse für diesen Blog, damit die zunehmende Verblödung… ach , vollendet den Satz selbst!…

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