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Urlaub, nein danke?

 

Es ist Sommerzeit in Chicago. Die Schulen sind zu und die Sonne sendet einladende Strahlen. Man denkt an faule Tage am Strand, gemächliches Erkunden fremder Städte und Kulturen, Fahrrad- oder Wandertouren, auf denen man mal so richtig in die Natur eintauchen kann. Doch viele Amerikaner nehmen diese Einladung nicht oder nur halbherzig an. Eine Nachbarin in unserem Haus erzählt, sie fahre mit ihrer fünfjährigen Tochter für zwei Wochen an die Ostküste, „aber ich werde mir natürlich einen Berg Arbeit mitnehmen“. Ein befreundetes Ehepaar macht sich zu einem Powertrip nach Europa auf: Ungarn, Polen und Deutschland in zehn Tagen. Ein anderes Paar gönnt sich grundsätzlich nur verlängerte Wochenenden.

Den Leuten hier ist bewusst, dass sich die amerikanische Vorstellung von Urlaub deutlich von den Gepflogenheiten in vielen anderen Industrieländern unterscheidet. Manche mögen auf die verweichlichten Europäer herabschauen, die sich jedes Jahr viele Wochen Auszeit gönnen. 2014 zeigte der Fahrzeughersteller Cadillac einen Fernsehspot, in dem sich ein vor Energie und Selbstbewusstsein strotzender Manager über andere Nationen lustig macht, die den ganzen August frei nehmen und auch sonst reichlich Muße für Spaziergänge und Cafébesuche finden, während Amerikaner ehrgeizig und hart arbeitend ihre Ziele verfolgen. Doch das scheint keineswegs die vorherrschende Meinung zu sein. Das amerikanische Urlaubsmodell sehen viele als durchaus problematisch an.

Insbesondere die Medien befassen sich mit dem Phänomen der No-Vacation Nation. In einer Titelgeschichte fragt das Time Magazine kürzlich: „Wer hat die Sommerferien umgebracht?“ Die Zahlen, die die Zeitschrift präsentiert, sind in der Tat frappierend: Es ist nicht nur so, dass Amerikaner im Schnitt über deutlich weniger Urlaubtage verfügen können als beispielsweise deutsche Arbeitnehmer. Sie lösen ihre relativ bescheidenen Ansprüche oft nicht ein. So nahm ein durchschnittlicher Arbeitnehmer im letzten Jahr 16 Tage Urlaub – und ließ damit 4,9 Tage ungenutzt. (Zudem sind freie Tage oft nicht wirklich frei: So gaben in einer Befragung von 2013 sechs von zehn Arbeitnehmern an, dass sie planen, im Urlaub zu arbeiten.)

Auf rund ein Viertel seiner Ferienzeit einfach verzichten? Für die meisten Deutschen ist das wahrscheinlich schwer vorstellbar. Dabei erkennen nach einer aktuellen Umfrage 96 Prozent amerikanischer Arbeitnehmer an, dass es wichtig ist, sich Auszeiten zu gönnen. Was verbirgt sich dann hinter ihrer Zurückhaltung? Eine letztjährige Umfrage des amerikanischen Reiseverbandes brachte unter anderem folgende Gründe zu Tage: „nach der Rückkehr würde ein riesiger Berg Arbeit warten“ (40 Prozent der Befragten); „es gibt niemanden, der die Arbeit während der Abwesenheit übernehmen kann“ (35 Prozent); „ich kann mir keinen Urlaub leisten“ (33 Prozent), „ich will volles Engagement für die Firma zeigen“ (28 Prozent), „ich will nicht, dass die anderen denken, ich sei austauschbar“ (22 Prozent), „ich kann mir den nicht genommenen Urlaub auszahlen lassen“ (21 Prozent) „man würde dennoch erwarten, dass ich auf arbeitsrelevante Angelegenheiten und Emails reagiere“ (20 Prozent). Es scheint also eine Mischung aus finanziellen Erwägungen, Angst, Arbeitsüberlastung und Verpflichtungsgefühl zu sein. Immerhin 17 Prozent sagen, sie arbeiten einfach lieber als frei zu haben.

Man kann finden, dass die Urlaubskultur in Europa manchmal seltsame Blüten treibt. Wenn sich deutsche Freunde bitterlich beklagen, dass der ganze Sommer verdorben sei, weil sie nicht dreieinhalb Wochen Urlaub am Stück in einem ganz bestimmten Zeitfenster nehmen könnten, erscheint mir das übertrieben. Mit einer solchen Anspruchshaltung ist in der heutigen Arbeitswelt die eigene Unzufriedenheit regelrecht programmiert. Aber insgesamt, finde ich, ist das deutsche Urlaubsmodell dem amerikanischen klar überlegen (und das, obwohl es mich selbst nach zwei freien Wochen meist unwiderstehlich zurück an den Schreibtisch zieht). Man arbeitet einfach produktiver, wenn man sich regelmäßig ausreichende Pausen gönnt. Und wie viel bekommt man wirklich mit, wenn man ein paar Tage im Schweinsgalopp durch andere Länder reist?

Doch eines muss man Amerikanern lassen. Ist ein Problem erkannt, finden sie oft verblüffende Lösungen. So versuchen zumindest manche Firmen ihre Mitarbeiter mit allen Kräften zum Erholen zu bewegen. FullContact, ein kleines Internet-Unternehmen in Denver, zahlt jedem Angestellten 7500 Dollar, wenn er alle Ferientage nimmt und in der Auszeit jeglichen Email- und Telefonkontakt zur Firma kappt. Auch die in Virginia ansässige Investmentfirma Motley Fool setzt auf Geldanreiz und Kontaktsperre. Sie wählt monatlich zehn Angestellte per Losverfahren aus, die zwei Wochen Extraurlaub plus 1000 Dollar Zuschuss erhalten – sofern sie die Ferien sofort antreten und sich währenddessen nicht in der Firma melden.

3 Responses to "Urlaub, nein danke?"

  • Stefan Boltz
    8. Jul 2015 - 12:20 Reply

    Ich kann das Geschriebene aus Gesprächen mit Freunden in den USA nur bestätigen. Allerdings stellt sich mir die Frage, ob unser Modell wirklich noch so anders ist. Einer Umfrage der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (für die ich arbeite) zufolge nimmt zum Beispiel ein Sechstel der Beschäftigten zumindest gelegentlich Urlaub, um Arbeit zu erledigen, für die im Arbeitsalltag keine Zeit bleibt. Und einer Umfrage von Bitkom zufolge arbeiten viele Menschen auch während privater Treffen noch berufliche Angelegenheiten mit dem Smartphone ab. Amerikanische Verhältnisse mögen das noch nicht sein, aber hier scheint etwas in Bewegung gekommen zu sein.
    Hier die Links dazu:
    http://www.dguv.de/de/mediencenter/pm/Pressearchiv/2015/quartal_2/details_q2_107648.jsp
    https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Smartphones-unterstützen-flexibles-Arbeiten.html

  • Romy Werner
    9. Jul 2015 - 18:54 Reply

    Wenn wir unsere Zeit nicht in Arbeit und Urlaub einteilen,
    hätten wir das Problem gar nicht. Im konstanten Urlaub kann man sich mit seinen eigenen Gedanken befinden. Was nützt einem der schönste Strand, wenn man mit seinen Gedanken auf Arbeit ist? Wie sich Menschen erholen ist hier die Kernfrage, denn wieviele Menschen fühlen sich wirklich erholt? Und wenn ja, für wie lange?

  • Evelyn Deist
    21. Jul 2015 - 13:54 Reply

    Welch ausgefuchste Public-Relation-Maßnahme! So profiliert sich das erwähnte Internet-Unternehmen gleichermaßen als beliebter und fürsorglicher Arbeitgeber. Sicher wird es keinem
    seiner MitarbeiterInnen die 7500 Dollar zahlen müssen, denn wer will sich schon öffentlich als „urlaubsreifen“ und damit womöglich „arbeitsmüden“ Nestbeschmutzer feiern lassen?

    Unternehmen, die sich einerseits immer höhere Ziele stecken (welche auch mittels vieler unbezahlter Überstunden oft kaum noch zu erreichen sind) und andererseits damit brüsten, die Burn-Out-Quote reduzieren zu wollen (indem sie ihre Mitarbeiter z.B. zu firmeninternen „Work-Life-Balance-Seminaren“ schicken) fahren eine gefährliche „Double-Bind-Strategie“. Wir sollten nicht vergessen, dass Arbeit immer noch ein Teil des Lebens ist und nicht umgekehrt. Es geht nicht darum, das Leben mit der Arbeit auszubalancieren. Geht es nicht vielmehr darum, einfach ein gesundes, ausgewogenes Leben zu führen? Falls ja, dann ist und bleibt die Arbeit hierbei immer nur Mittel zum Zweck.

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