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Unter Beobachtung

„Das alles ist Deutschland … deutsch, deutsch, deutsch“, singen Die Prinzen. Zum stampfenden Rhythmus kurvt ein rotes VW-Käfer-Cabrio durch ein surreales Postkarten-Deutschland. Darin sitzt ein knuffiger kleiner Mann mit Fliege. Es ist der Australier Christopher Clark, Professor für Neuere Geschichte in Cambridge, Autor des vieldiskutierten Buches Die Schlafwandler. In ihm, so wird Clark von einigen Rezensenten vorgeworfen, relativiere Clark die deutsche Schuld am Ersten Weltkrieg. Nun führt er durch eine TV-Serie namens Deutschland-Saga (wird ausgestrahlt im ZDF in sechs Folgen, die letzte Sendung läuft am Sonntag, den 22. März 2015).

Deutschland-Saga “: Eine Reise durch das Land der finsteren Sagen und grausamen Märchen, der Legenden und Halbwahrheiten, der Widersprüche und unbestimmten Grenzen. Ein seltsames Gebilde jedenfalls, das uns Reiseführer Clark unterhaltsam und witzig präsentiert. Er spricht hervorragend deutsch, manchmal singt er sogar Volksweisen, die CSU kann zufrieden sein. Und als liberaler Australier sieht er uns sicher anders als etwa ein nationalkatholischer Pole oder ein linker Grieche. In großen zeitlichen Bögen dröselt Clark auf, was als deutsche Leitmotivik gilt: die Germanen, der Deutsche und sein Wald, die grimmschen Märchen, der Rhein, der Fußball, das Bier … Für TV-Verhältnisse macht er das sogar mit einem gewissen analytischen Tiefgang. Und doch, und doch! Darf man, wenn es um deutsche Geschichte und Komplexe geht, so leichtfüßig von Klischee zu Mythos zu Marotte hüpfen? Oder ist genau dieses Bedenken schon wieder  deutsch? Darf man Spaß an der eigenen verworrenen Geschichte und an der eigenen, mit fremden Augen betrachtet enorm schrulligen, Mentalität haben?

Jedes Volk lebt mit einem Bündel von Stereotypen, also Vorurteilen, die es über sich selbst hat – und die andere ihm zuschreiben. Manchen dieser Zuschreibungen will man gerne entsprechen („tüchtig“, „musikalisch“), andere stören uns wie ein schlechtsitzendes Kleidungstück („humorlos“, „stur“). Gibt es in der globalisierten Welt überhaupt noch typische Nationaleigenschaften? Und wie stimmt unser Selbstbild mit dem Bild überein, das andere von uns haben? Die psychologische Theorie der Selbstwahrnehmung geht von einer shared reality aus: Wir beobachten, wie andere auf uns reagieren – und schließen daraus, wie wir sind. Wer wissen will, wie er bei anderen ankommt, als Einzelner, aber auch als Gruppe oder Nation, sollte sich ab und zu mit den Augen anderer betrachten, „vor allem dann, wenn unsere eigenen inneren Hinweise schwach, zweideutig oder unverständlich sind“, wie der Sozialpsychologe Daryl Bem schreibt.

Aber für uns Deutsche ist die Beachtung der Fremdperspektive zur Obsession geworden. Wie verunsicherte, von Identitätskrisen geschüttelte Teenager wollen wir ständig wissen – jedenfalls mehr als jede andere Nation – wie die anderen uns finden. Aber die Annahme, unter besonderer Beobachtung zu stehen, macht befangen, lässt einen verkrampfen. Das Fremdschämen ist nicht ohne Grund eine deutsche Spezialdisziplin, zu der wir glauben, reichlich Anlass zu haben. Ein Beispiel: Die ellenlangen Analysen zur verblichenen Fernsehshow Wetten, dass? im deutschen Feuilleton hatten alle ein Hauptmotiv: Wie peinlich es doch sei, ein so schlechtes Unterhaltungsprogramm mit so uncharmanten Moderatoren zu haben, und wie peinlich, dass so etwas immer noch ein Millionenpublikum findet! Die „Was-müssen-die-nur-von-uns- denken!“-Furcht ist gerade unter Intellektuellen verbreitet.

Und wie glücklich und dankbar sind wir, wenn „das Ausland“ uns zur Abwechslung mal gut findet. Wir freuen uns, dass ernsthafte Versuche gemacht werden zu ergründen, wie die Deutschen „ticken“, vor allem im angelsächsischen Sprachraum. Die haben endlich gemerkt, dass wir einige wichtige Dinge besser hinkriegen als andere. In der Wirtschaft, im  Fußball. Sogar unsere Weihnachtsmärkte haben die adoptiert! Zu diesen Versuchen zählt auch die Ausstellung im Britischen Museum Germany: Memories of a Nation, deren Kurator Neil MacGregor den Engländern erklären will, dass Deutschland mehr ist als 12 Jahre Nazizeit. Deutschland, so jubeln die chronisch Selbstunsicheren, liegt im Trend – sie verweisen auf diese OECD-Umfragen, nach denen wir zu den beliebtesten Ländern weltweit zählten, und darauf, dass wir sogar das zweitbeliebteste Einwanderungsland seien.

Zurück zu Clarks Deutschland-Serie: Verfestigt sie Vorurteile? Begründet sie neue? Soll die Saga ein Exportartikel werden, ist es Imagepflege, oder geht es vor allem um Selbstvergewisserung? Wie wirkmächtig sind solche Stereotypen in einer globalisierten Welt noch? Vielleicht stärker, als wir denken – die wachsenden Bedenken vieler europäischer Nachbarn gegen eine deutsche Hegemonie zeigen das deutlich.

Clark spricht von Deutschland als einem „interessanten Land“. Das klingt ein bisschen so, wie wenn ein Psychotherapeut von einem „interessanten Fall“ spricht. Oder wir einen säuerlichen Wein „interessant“ finden, um den Gastgeber nicht zu kränken. Hat Clark wirklich alle Tiefen der deutschen Psyche ausgeleuchtet? Brauchen wir, braucht die Welt solche Deutschstunden? Die Erfahrung lehrt: Deutschland ist nicht nur Hamlet (wie die Romantiker glauben wollten), sondern es war immer auch Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Die deutsche kollektive Psyche ist nichts Stabiles. Wir sind die Borderliner unter den Völkern und können uns schnell ändern. Genießen wir also die stillen Tage im Klischee, genießen wir das momentane Wohlwollen der anderen. Denn schon gerät das Image vom mühsam zivilisierten, endlich weltoffenen Deutschland wieder ins Wanken – Pegida sei Dank.

 

3 Responses to "Unter Beobachtung"

  • Reinhild Berger
    9. Jan 2015 - 10:49 Reply

    Der Blog ist eine gute Idee! Ich freue mich, auch weiterhin an Ihren Gedanken teilhaben zu können.
    Ja, ich glaube schon, dass die Deutschen Deutschstunden brauchen. Lernen schadet nie und Blickwinkel anderer können das eigene Denken erweitern.

  • Jasmin Schümann
    9. Jan 2015 - 14:13 Reply

    Zunächst: schön, dass es diesen Blog jetzt gibt, werde gleich abonnieren!
    Zum Thema: ich finde auf jeden Fall wichtig, dass wir als Deutsche uns auf den Weg zur Identitätsfindung machen. Und dazu gehört immer das Reflektieren der Vergangenheit, das Ausloten von Mustern, die wir durch unsere Vorgängergenerationen mitbekommen haben, aber vor allem auch immer die Frage nach dem Ziel: wer will ich sein, wo will ich hin? Und diese Frage scheint in Deutschland ja unter den Eindrücken der derzeitigen Bewegungen aktueller denn je zu sein.

  • Christiane Frenster-Nakayama
    21. Jan 2015 - 0:49 Reply

    Wie schön, dass es diesen Blog gibt! Die Lese-Junkies Ihres PH-Editorials sind also nicht ganz auf den kalten Entzug gesetzt!
    Zur Deutschland-Saga: Ich neige dazu, jede Entspannung im Deutschlandbild – egal, ob Deutschland von innen oder von außen betrachtet wird – ganz pragmatisch gesehen friedensförderlich zu finden. Wer entspannt ist, prügelt und polemisiert nicht. Mir scheint, nationale Befangenheit und Verkrampfung sind gerade die Ursuppe, in der radikale Ansichten von den Rändern her hochkochen. Ich unterrichte seit 25 Jahren Deutsch als Fremdsprache und erlebe die zunehmende Entspannung in der internationalen Deutschland-Wahrnehmung und ihre Folgen hautnah mit. Ich denke, dieses Wohlwollen von außen und alles, was dazu beiträgt, bietet aus der Innenperspektive dem chronisch „von Identitätskrisen geschüttelten Teenager“ Deutschland ein Reifungsklima und seinen Bürgern die Chance auf eine langfristig entkrampftere Wahrnehmung des eigenen Landes. Eine leichtfüßig daherkommende Deutschland-Saga von einem liberalen Australier: Warum denn nicht?

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