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Unsere kleine Stadt soll schöner werden

Der Wahlsieg von Donald Trump ist der Beginn einer erzkonservativen Zeitenwende. Seine Wähler wollen zurück in die 1950er-Jahre. Wer hat dafür gesorgt, dass ein sexistischer Rassist am Anfang einer globalen Revolution stehen könnte? Möglicherweise ja wir, die Bionade Bourgeoisie, die es schon immer besser wusste.

„Er hatte den großen Vorzug, eine Vereinfachung der Gefühle zu bewirken, das keinen Augenblick zweifelnde Nein, den klaren und tödlichen Hass. Die Jahre des Kampfes gegen ihn waren eine moralisch gute Zeit.“[1]

Diese Worte schrieb Thomas Mann über Adolf Hitler. Um es gleich zu sagen: Trump ist nicht Hitler! Aber was nicht ist, kann ja noch werden. In der Vereinfachung und der Überbetonung der Gefühle jedenfalls hat er GröFazige Züge. Er hat die Wahlen gewonnen, indem er Gefühle als Fakten verkaufte und Fakten mit Gefühlen leugnete.

Und das alles im Jahr 2016. In zahllosen Besinnungsaufsätzen fragten sich Kulturspalten-Vollschreiber: Wie war das möglich? Ein Rückfall in Sexismen und Rassismen, im genderifizierten 21. Jahrhundert? Wir müssen die Frage anders herum stellen: Warum ist genau jetzt der perfekte Moment für einen neuen Backlash? Jede Revolution ist eine Antwort auf ein Unbehagen, das die letzten Revolutionäre und ihre Ahnen hervorgerufen haben. Wir können also, was passiert, nur verstehen, indem wir einen Blick zurück werfen auf die Jahre 1968ff., die unser Denken und Fühlen bis heute prägen: Die Stunde Null des Aufbruchs in eine neue Zeit, die Geburt des neuen Menschen, goldene Jahre mit Pille und ohne AIDS, die Trennung von Sex und Fortpflanzung. „Mein Bauch gehört mir!“ – und der Rest erst recht.

Am Anfang stand die Befreiung des Arbeiters, der aber, zur großen Enttäuschung der Teilzeit-Opel-Bandsteher wie Joschka Fischer nicht Befreiung, sondern Feierabend wollte, wie der Kabarettist Matthias Beltz einmal bemerkte. Es musste einen anderen Ausweg geben, um den Arbeiter zu befreien, ob er wollte oder nicht. Es war der linksradikale italienische Aktivist und Soziologe Sergio Bologna, der den Begriff des „neuen Selbständigen“ entwickelte, das „Gegenmodell zum Massenarbeiter“[2]. Arbeit und Freizeit, Wohn- und Arbeitsraum verschwimmen beim Selbständigen, er arbeitet, um zu leben, erstens selbst und zweitens ständig. Der bedingungslose Glaube an die eigenen schöpferischen Möglichkeiten ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Zivilreligion geworden. Seine Speerspitze bildet der Berliner Start up-Gründer und Latte Macchiato-Trinker, der mit dem iMac die Cafés okkupiert hat und doch häufig ein eher prekäres Dasein fristet. Die Idee „Befreiung durch Selbständigkeit“ war wie gemacht für die FDP und die Apologeten der freien Marktwirtschaft, schließlich wird der Selbständige nicht mehr ausgebeutet, das tut er schon selbst und hält das für Freiheit. Die Revolution frisst nicht ihre Kinder, das erledigt der Markt allein.

Der Kristallisationspunkt dieses Lebens ist das Silicon Valley, dieser erklärte Gegner von Donald Trump. Die Philosophie hier ist die Disruption, es geht um die permanente schöpferische Zerstörung unter Einsatz der ganzen Person. Jeder bekommt eine Chance, kann reich werden oder untergehen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe. Hauptsache, er ist bereit, sein Leben in den Dienst seines Jobs zu stellen. Die Welt als Benutzeroberfläche, der Mensch als Betriebssystem, allzeit bereit zum Update.

Aus diesem Geist entstand die moderne Therapiekultur: Wer selbstverantwortlich arbeitet, muss sich auch selbstverantwortlich Hilfe suchen, an sich arbeiten. Der Therapeut ist ein säkularisierter Beichtvater für Stadtneurotiker, Erlösung bringt kein Vaterunser, sondern nur der bedingungslose Glaube an die eigenen Ressourcen. Die Lösung aller Probleme liegt in Dir, Du musst nur den Schlüssel finden. Wenn´s gut läuft, leuchtet der Therapeut die richtigen Ecken aus. Die moderne Therapie verspricht Selbstbestimmung, Autonomie durch Einsicht. So wie beim Freelancer Arbeit und Freizeit zusammenfallen, verschwimmen hier die Grenzen zwischen Selbstbestimmung und Selbstbeschuldigung. „Indem sie behauptet, dass wir stets willige, aber blinde Komplizen unseres Schicksals sind, macht die Therapie das Selbst in gewisser Weise für seine Niederlagen mitverantwortlich“[3], schreibt die Soziologin Eva Illouz. Das therapeutische Narrativ wirkte zurück in die Unternehmenskultur: Es gibt keine Ansagen mehr, sondern Kommunikation. Die männliche Kultur von Sieg und Niederlage wurde abgelöst von Andi Möllers philosophischem Diktum „Ich hab vom Feeling her ein gutes Gefühl.“ Hierarchien – noch flacher als die Smartphones.

Das führte zu dem, was wir heute Political Correctness nennen. Angetreten als dringend gebotene Anerkennung von Minderheiten, als sprachliches Sensibilisierungs-Instrument zum Zweck universeller Gleichheit. Heute ist daraus ein selbstgerechtes Programm geworden, das nur noch auf Unterschiede abhebt. Eine Abschiebepraxis für vormoderne Zeitgenossen, mit dem sich der links-liberale Mainstream sein eigenes Grab schaufeln könnte und die Trumpschen Geister erst herauf beschwor. Versteckt hinter politisch korrekten Veggie Days und politisch korrekter Sprache, treten wir auf wie kleine Diktatoren, Neo-Gartenzwerge mit erhobenem Zeigefinger und Verachtung für die zurückgebliebenen Fleischfresser.

Es sind dabei weniger die vollkommen angemessenen Sprachregulierungen, die viele Reaktionäre so sehr auf die Palme bringen, als vielmehr der Gestus der moralischen Überlegenheit allen anderen gegenüber, die als Vollidioten, Rassisten oder wenigstens heteronormativ umherirrende Bretter vor dem Kopf in die unterste Schublade verbannt werden. Und da unten warten verlässlich die Horrorclowns Trump, Petry und LePen, um den so Vertriebenen Asyl zu bieten.

Alle Bereiche, emotionale und digitale Marktwirtschaft, begegnen sich, wenn sich Mann und Frau im Netz kennenlernen: Wenn die Algorithmen wollen, ist Gewinner, wer entweder gut aussieht und darum nach rechts gewischt wird (Tinder) oder orthografisch mit beiden Beinen auf dem Boden steht und die korrekten Worte findet (ElitePartner). Gene und Geist, das ist es. Sieht es bei beidem eher düster aus, muss man sich weiter auf schlechten Partys nachts um drei die Beine in den Bauch stehen und hoffen, dass es dunkel genug für Sex und zu spät für zu viele Worte ist.

So wird verstehbar, warum ein Großteil der Trump-Wähler die 1950er-Jahre glorifiziert. Der politisch korrekte Mainstream hat in seinem bedingungslosen Willen zur Inklusion neue Ausgeschlossene hervorgebracht, die mitten unter uns sind und für die wir selbst blind zu sein scheinen: Der Druck der eingeforderten Hyperkompetenz des Einzelnen, sein Leben ohne fremde Hilfe auf die Reihe zu kriegen, scheint eine wesentliche tiefenpsychologische Ursache zu sein für die infantile Sehnsucht nach der guten alten Zeit. Überlastet vom Terror des Möglichen, der permanenten Gegenwart des Vorübergehenden zurück in eine Phase, in der Gewissheiten noch Gewissheiten waren und keine Versprechen, die am Ende nicht eingelöst wurden. Zurück zu Petticoats und Frauen, die man noch „by the pussy grabben“ durfte, weil sie eh nichts zu sagen hatten, zurück zu Thornton Wilder: Unsere kleine Stadt soll schöner werden – bitte ohne die LesbianGayTransFlüchtlinge, die im Ikea-Katalog verhätschelt werden.

Wahrscheinlich werden wir, die Bewohner des hyperkorrekten Elfenbeinturms, die alles wussten und doch nichts verhindert haben, am Ende, wenn der Spuk vorbei ist, sagen: Es war eine moralisch gute Zeit. Vielmehr ist von uns auch nicht zu erwarten.

[1] Thomas Mann: Die Entstehung des Doktor Faustus, in: Gesammelte Werke in 13 Bänden, Bd. XI, S.145ff

[2] Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst, Frankfurt am Main, 2007, S.57

[3] Eva Illouz: Warum Liebe weh tut. Frankfurt am Main, 2012, S.271

3 Responses to "Unsere kleine Stadt soll schöner werden"

  • Ernst Heinz
    15. Dez 2016 - 17:38 Reply

    Wieder ein Versuch, den abgrundtiefen moralischen Sumpf des veröffentlichten Zeitgeistes zu retten. da fällt den Leuten nichts anderes ein, weil ihnen echte Argumente fehlen, als andere als dumm, abgehängt oder gar rechts zu bezeichnen. Das Leben eines Menschen ist nun einmal mehr wert als der Bauch einer Frau, die gedankenlos ungeschützten Sex hat usw. Wir wissen nicht, was der demokratisch gewählte Herr Trump tun wird, wahrscheinlich wird auch Vieles mir nicht gefallen, Ausgerechnet die wollen sich als Demokraten bezeichnen, die die Wahl durch die Mehrheit nicht anerkennen wollen, weil sie frech für sich beanspruchen demokratisch ist nur ihre Ideologie, die sie zu allem Übel auch noch political crrectness nennen. Ich weiß nicht, was an der Ermordung ungeborener Menschen korrekt ist.

  • Christiane F-N
    3. Dez 2017 - 2:52 Reply

    Aaaaah, danke, doch ein Kommentar zu einem Thema, dass an deutschen Universitäten WIRKLICH viral zu sein scheint und zu dem sich offensichtlich kaum jemand etwas zu sagen traut, der dem „Gestus der moralischen Überlegenheit allen anderen gegenüber“ entgehen will, der sich nicht „heteronormativ umherirrende Bretter vor dem Kopf“ an selbigen werfen lassen will… Der Uniformitätszwang von Meinungsmonopolisten gefährdet das demokratische Grundprinzip. Ich hätte mir einen Hinweis auf Jordan B. Peterson gewünscht. Wo sonst findet man intellektuelle Redlichkeit mit so viel rhetorischer Brillianz kombiniert?

  • Christiane F-N
    3. Dez 2017 - 2:56 Reply

    Ich nehme „dass“ in Zeile 1 zurück; gemeint war natürlich „das“ 😉

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