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Unerwartete Winterfreuden

In ihrer Weihnachtskarte schrieb meine Grundschulfreundin aus Köln, sie habe gerade gehört, dass es in Chicago momentan minus 30 Grad Celsius sei: „Brrrrhhh, solche Temperaturen kann man sich hier gar nicht vorstellen.“ Der Chicagoer Winter ist in der Tat berüchtigt: Von Dezember bis Februar liegt die Tagestiefsttemperatur im Schnitt bei minus 6 Grad Celsius bis minus 9 Grad Celsius, so dass sich der Schnee, durchschnittlich ein Meter pro Jahr, oft wochenlang an Straßenrändern und auf Freiflächen türmt. Dazu weht häufig ein steifer Nordwind, der an ohnehin eisigen Wintertagen die gefühlte Temperatur noch viel weiter absinken lässt.

Als ich vor gut 10 Jahren hierherzog, dachte ich, daran gewöhne ich mich nie. Doch mittlerweile kann ich der kalten Jahreszeit sogar einiges abgewinnen. So hat sie mich gelehrt, wie kontextabhängig die menschliche Wahrnehmung ist. Nicht nur kommt einem nach dem langen, harten Winter der Sommer noch viel viel schöner vor (spricht man jemanden aus Chicago auf den Sommer an, folgt fast unvermeidlich eine lange Lobpreisung darüber, wie awesome, terrific, incredible die Zeit von Juni bis September ist), auch wie kalt man minus 20 oder 30 Grad Celsius empfindet, ist äußerst relativ. Ich werde nie vergessen, wie ich einmal nach wochenlangem tiefen Frost am ersten Tag mit 0 Grad dachte: „Wow, das fühlt sich so lau an, ich könnte im T-Shirt rausgehen.“

Doch noch mehr habe ich durch das extreme Klima über das menschliche Sozialverhalten gelernt. In einer Großstadt wie Chicago ist das Miteinander oft durch Gedankenlosigkeit, Desinteresse oder gar Egoismus geprägt. Aber je kälter die Temperaturen und je höher die Schneeberge, so kommt es mir oft vor, desto freundlicher und hilfsbereiter werden die Leute. Besonders fiel mir das während schwerer Winterstürme und Kältewellen auf. Im so genannten Super Bowl Blizzard 2015 und in der Snowpocalypse 2011 beispielsweise fiel innerhalb weniger Stunden jeweils rund ein halber Meter Schnee. Es dauerte teilweise Tage, bis die Stadt Wege und Straßen freigeräumt hatte. Doch die Chicagoer halfen sich gegenseitig. Man sah Gruppen von Nachbarn, die gemeinsam Schnee schippten; man verlieh Schneefräsen und half sich mit Streugut und Lebensmitteln aus. Ein Mann, der mit vier Hunden unterwegs war, erzählte mir, dass er diese für Senioren aus der Nachbarschaft spazieren führte, die sich nicht auf die Straßen wagten. Steven Chaitman, ein Journalist und Musiker, berichtete in seinem Blog, wie er auf dem Weg zu seinem Auto, das in einem Zufahrtweg parkte, einen steckengebliebenen Fahrer freischaufelte, den Besitzer eines im Schnee verlorenen Handys ermittelte und zahlreiche gute Taten von anderen beobachtete. „Es war der beste Spaziergang durch eine Alley, den ich je gemacht habe,“ schwärmt er.

In ihrem Buch A Paradise Built in Hell argumentiert die amerikanische Schriftstellerin und Journalistin Rebecca Solnit, dass Menschen auf Naturkatastrophen und andere Desaster typischerweise mit spontanem Altruismus und Großzügigkeit reagieren. Anders als oft angenommen, seien Chaos, eigennütziges Verhalten und Plünderungen die Ausnahme, nicht die Regel. Anhand von Beispielen wie dem Erdbeben in Mexiko-Stadt im Jahr 1985 und Hurrikan Katrina im Jahr 2005 beschreibt sie, wie sich Nachbarn und Fremde gegenseitig aus gefährlichen Situationen befreiten, zu Essen gaben und ein Dach über dem Kopf anboten. „In Desastern verhält sich die Mehrheit gut,“ betonte die Autorin in einem Interview im Time Magazine, „in mancherlei Hinsicht verhalten sie sich sogar besser als im normalen Leben.“

Die Katastrophen, die Solnit im Auge hat, mögen weitaus dramatischere und gravierendere Ereignisse gewesen sein, aber die soziale Dynamik nach einem Wintersturm oder an einem Tag mit Polarkälte scheint mir im Prinzip ähnlich zu sein. Die Unterbrechung des Alltags reißt einen aus den üblichen, auf das eigene Wohlbefinden und die eigenen Sorgen konzentrierten Gedanken heraus; die Tatsache, dass alle in der Nachbarschaft, Stadt oder Region gleichermaßen betroffen sind, fördert das Gemeinschaftsgefühl.

Man kann es schade finden, dass es widrige Umstände braucht, um Menschen zu Hilfsbereitschaft und Gemeinschaftsaktionen zu motivieren. Schließlich laufen einem auch an normalen Tagen viele Leute über den Weg, die Unterstützung bräuchten. Aber ich sehe es lieber positiv. Wer in einer extremen Situation feststellt, wie befriedigend es ist, gemeinsam anzupacken und anderen zu helfen, mag dieses Gefühl auch in den Alltag hinüberretten wollen. „In manchen Desastern“, betont Autorin Solnit, „stellen die Leute fest, wie wichtig tiefe soziale Verbindungen sind und sehen, wie sehr das im Alltag fehlt.“ Manche Menschen, versichert sie, verändert diese Erfahrung dauerhaft.

 

One Response to "Unerwartete Winterfreuden"

  • Sonia Jaeger
    26. Feb 2017 - 8:06 Reply

    Oh ja, mich erinnert das an einen besonders kalten Winter in Deutschland. Die Straßen waren zwar einigermaßen frei, aber die Parklücken und kleinen Straßen waren komplett zugefroren. Aber es fand sich immer jemand, der mit angeschoben hat um Autos an die passenden Stellen zu schieben 😉

    liebe Grüße aus der australischen Hitze!
    Sonia

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