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Über große und größere Sorgen

Die eigenen Sorgen sind meist nicht die größten, merke ich wieder. Kürzlich, an einem dieser warmen Berliner Sommerabende, sitze ich zur Belohnung nach einem fleißigen Schreibtag lesend bei einem Glas Weinschorle in der Böse Buben Bar. Es ist Freitag, überall Geplauder und Gelächter. Bei mir stattdessen ein Anflug des Gefühls großstädtischer Einsamkeit. Im Trubel um mich herum ist die Stimmung gelöst, ich dagegen vertiefe mich – allein – in den erschütternden Psychiatrie-Alltag in Rainald GoetzIrre.

Am Nebentisch treffen sich derweil drei alte Freundinnen wieder. Wie es scheint, nach langer Zeit. Ehemalige Kommilitoninnen vielleicht, thirtysomething. Natürlich lauscht man nicht, aber der Wind trägt die Worte ungefragt herüber: Eine der drei eröffnet, sie hätte eine Hirntumor-Diagnose erhalten. Bam. Die Freundinnen sind offensichtlich geschockt, sie sagen erst nichts, dann Belangloses, totale Überforderung. Was soll man auch sagen, denke ich. „Don’t cry – work“, lese ich bei Goetz. Und: „Nur die Arbeit hilft gegen das ganze schlimme Leben.“

Den anderen geht es noch schlechter!

Die eigenen Sorgen sind gegen Hirntumor und Psychiatrie-Alltag ein Klacks. Macht es das besser? Psychologische Studien zu sozialen Vergleichen nehmen das tatsächlich an. Besonders häufig vergleichen sich, laut einer Studie von Ladd Wheeler und Kunitate Miyake, Menschen mit engen Freunden und weitaus häufiger über sogenannte downward comparisons. Das heißt, wir vergleichen uns bevorzugt mit schlechter gestellten Menschen unseres näheren Umfelds. Und das ist durchaus funktional, denn in dieser Studie fühlten sich die Probanden anschließend besser. Upward comparisons dagegen haben den umgekehrten Effekt, sind also nicht empfehlenswert.

Ich finde das überraschend: Ist ein gesunder, glücklicher und erfolgreicher Freundeskreis tatsächlich ein Risikofaktor für das eigene Wohlbefinden? Bestätigung dafür findet sich auch in einer Studie von Karen VanderZee und Kollegen. Sie fanden bei Krebskranken ein erstaunlich hohes Wohlbefinden und konnten dies darauf zurückführen, dass mit steigender krankheitsbedingter Belastung auch die Häufigkeit von downward comparisons steigt, die wiederum das subjektive Wohlbefinden vor dem Kollaps schützen. Zum Glück findet sich also selbst unter Schwerstkranken immer noch jemand, dem es noch schlechter geht!?

Aber macht es das besser?

Anders bei einer guten Freundin, die vor wenigen Jahren ihr lang ersehntes Wunschkind in der fortgeschrittenen Schwangerschaft verlor. Für sie ein einschneidender Schicksalsschlag, der ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen sollte. Ihr Vater meinte es damals vermutlich gut, als er sie an eine Bekannte der Familie erinnerte, die ein schwerstbehindertes Kind gebar, das nur zwei Jahre überlebte und rund um die Uhr von Pflegepersonal versorgt werden musste. Tröstend war das für die Freundin jedoch nicht, sondern weiteres Futter für die Hoffnungslosigkeit.

Oder bei Milo Rau: In Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs lässt er seine Hauptperson mit Blick auf das Foto des toten kleinen Jungen am Mittelmeer fragen, was denn ein einzelner Toter schon gegen all die Bürgerkriegstoten im Kongo sei. Der downward comparison als rhetorisches Ausweichmanöver, auch als Whataboutism bekannt, um von Missständen abzulenken, indem man anderes Elend ins Feld führt. Als würde die schreckliche Tragik über den sinnlosen Tod eines Kindes dadurch geschmälert, dass es woanders ebenso Leid gibt.

Es ist ganz offensichtlich ein schmaler Grat zwischen den Vorteilen und Nachteilen dieses sozialen Vergleichs: auf der einen Seite die Dankbarkeit, dass es einem selbst nicht so schlecht geht, wie es gehen könnte. Auf der anderen Seite das Gefühl, dass die eigenen ernstzunehmenden Probleme nicht als solche erkannt werden. Zurück zum Anfang: In den eben noch wohlig warmen Sommerabend ist mit der niederschmetternden Nachricht der unbekannten Tischnachbarin die Kälte eingezogen. No benefits from downward comparison here.

Zum Weiterlesen

Goetz, R. (1986). Irre. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

VanderZee, K. I., Buunk, B. P., DeRuiter, J. H., Tempelaar, R., VanSonderen, E., & Sanderman, R. (1996). Social comparison and the subjective well-being of cancer patients. Basic and Applied Social Psychology, 18, 453-468.

Wheeler, L., & Miyake, K. (1992). Social comparison in everyday life. Journal of Personality and Social Psychology, 62, 760-773.

 

One Response to "Über große und größere Sorgen"

  • Peter
    20. Jul 2016 - 12:58 Reply

    Ich habe meine Schwester verloren, als ich 36 Jahre alt war und sie 34. Sie starb an zwei emptiliptischen Anfällen, die hintereinander einsetzten, an einem Sonntag Morgen. Es war unglaublich, unverständlich und schrecklich. Das andere Menschen auch sterben half nichts, denn meine Schwester war ja kein anderer Mensch sondern meine Schwester. Schmerz, Ratlosigkeit, Trauer setzten langsam ein und immer noch das Unverständnis warum starb sie so jung. Wochen danach als klar wurde, dass mein Schwager eine Freundin hatte und meine Schwester verlassen hätte, wär Dankbarkeit in mir, dass meine Schwester das nicht erleben musste, nicht wusste und jetzt an einen besseren Platz ist ohne Probleme, Schwierigkeiten und Herzeleid. Meine Einstellung änderte sich gegenüber dem Leben und mich interessierte das ewige Leben, der Himmel, Gott und Jesus Christus sein Sohn mehr. Ich fühlte Frieden im Herzen bei ihrem Begräbnis wie noch nie zuvor und obwohl ich viel weinte, war die Trauer durch den Frieden wie bedäubt. Über ein Jahr später als ich Sehnsucht nach meiner Schwester hatte, da träumte ich, dass ich mit Gottes Geist über die Welt flog, über Gletscher die ich berühren konnte und kam zu einem Weinfest auf einer Waldlichtung, wo meine Schwester auch war. Das Treffen war wie in alten Zeiten und als zwei Burschen sich neben sie auf eine Bierbank setzten und es ihr unangenehm war wie mir schien, da bot ich ihr einen Platz an meiner Seite an und sie sagte: ist wie früher, du beschützt mich immer noch vor aufdringlichen Burschen und lachte dankbar. Dieser Traum gibt mir auch heute 10 Jahre später immer noch Kraft und das Gefühl das es ihr gut geht, wo sie jetzt ist und eines Tages ich sie Wiedersehen werde, wenn meine Zeit auf Erden abgelaufen ist. Obwohl ich nie der emotionale Typ war, mehr der Rationale und Realist, so fing in mir eine Veränderung statt. Wer geliebte Menschen zu früh verliert und das unerwartet, der wird sich über ewige Dinge Gedanken machen und die Welt wie wir sie kennen, als kurzen Lebensabschnitt wahr nehmen. Die letzten 7 Jahre hatte ich enorme berufliche und private Probleme mit Menschen, die mich fälschlich beschuldigten und mich emotional verletzten durch ihren Egoismus und Selbstsucht. Auch diese Zeit durchlebte ich in Dankbarkeit, dass meiner Schwester Finanz- Wirtschafts- und Beziehungskrisen erspart blieben. Ist das Leben unendlich schwierig in der Welt sehnt man sich nach einer besseren Welt die ich als Himmel bezeichne. Wären wir in dieser Welt unendlich glücklich würden wir für immer leben wollen und uns ärgern die Welt wie jeder Mensch durch den Tod verlassen zu müssen. Wem das Leben zu leicht vorkommt, der wird es nicht verlassen wollen und wem sie zu schwierig, schlecht, gemein und vielleicht bösartig vorkommt, der wird am Ende seiner Erdentage, das Leben gerne hinter sich lassen.
    Jugendwünsche und -Pläne kommen oft in unserem Leben nicht zur Erfüllung. Wir leben dann ohne die Erfüllung weiter und vermissen dennoch was wir geplant und uns einmal gewünscht haben. Sicher können wir uns auf neue Lebensabschnitte einstellen, wir können neue Ziele setzen, realistisch sein und rational denken, doch am Ende bleibt emotional immer noch der Wunsch in uns, was wir als Jugendliche vom Leben wollten. Keiner kann die anzeigt zurückdrehen, keiner kann aus Wünschen nachträglich Ziele setzen, keiner kann erreichen was er als Jugendlicher nicht erreicht hat. Viele Menschen fragen nach einer zweiten Chance, beklagen sich warum sie früher nicht das Wisswn, Können oder die Möglichkeit hatten ihre Träume und Wünsche zu verwirklichen? Oft war alles unmöglich, weil eine Partnerin notwendig gewesen wäre, die man nicht hatte. Oft war das Erreichen nicht möglich, weil es nicht an uns selbst lag, wir aber niemanden fanden der uns verstand und geholfen hat. Enttäuschung ist das Ende der Täuschung und so werden wir realistischer mit den Jahren, dass uns im Leben nicht jeder Wunsch erfüllt wird, den wir uns selber durch Zielsetzungen nicht alleine erfüllen können. Wir erleben dadurch die Grenzen unseres Seins. Aufgeben oder Wünsche verleugnen hilft nichts, denn die kommen immer wieder und nagen an unserer Seele. Wir können zwar Kinderwünsche die nicht erfüllt werden akzeptieren und wir können uns damit abfinden, wir können anderen Kindern gutes tun und sie lieben. Alles aber bringt nicht das Ziel hervor, dass wir als Wunsch uns vorstellten. Wer also sein Leben als beschränkt auf Erden erkennt, der wird oft verzweifelt sein! Wer sein Leben als unendlich lange und ewig erkennt, der wird sich auf den Himmel freuen und hier auf Erden seine Erfahrungen machen und üben ein besseres Leben zu führen indem wir authentisch, Integra, liebevoll, herzlich, rücksichtsvoll und ehrlich mit unseren Mitmenschen umgehen, als wären wir selbst es die Hilfe brauchen um ihre Wünsche erfüllt zu bekommen.

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