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Über gewonnene Zeit

Dieser Text beginnt in Kopenhagen, auf dem Flughafen. Air Berlin verspätet sich und die damit verlorene Zeit schmerzt, denn sie war für diesen Text verplant. Aber was heißt das schon ‚verlorene Zeit’, in dieser digitalen Welt, in der ein Arbeitsplatz – auch meiner – in vielen Fällen nur Strom und WLAN braucht. Beides ist da und so geht die Zeit nun doch nicht beim Warten verloren. Das kann man sich ohnehin kaum leisten, schließlich ist die Zeit zu einer der wertvollsten Ressourcen geworden.

Zeit zu gewinnen ist also das Ziel. Vor wenigen Jahren schlug ich dafür vor, die Schlafdauer zu optimieren (das heißt zu reduzieren). Mittlerweile schlafe ich länger und habe das Gefühl, dadurch (ausgeschlafene) Lebenszeit zu gewinnen. Diesen Ansatz, Zeit zu gewinnen, in dem Prioritäten neu bewertet werden, verfolgt auch Cal Newport. Er empfiehlt: „Do very few things, but be awesome at them.“ Qualität statt Quantität also. Klappen soll das mit strikten Zeitplänen, die jeder Stunde der Woche eine Aufgabe zuordnen und damit dem ambitionierten Überschwang realistische (Zeit-)Grenzen aufzeigen.

Newports Beobachtung nach sagen Menschen nämlich zu viele Dinge zu. Das führt zu überfüllten To-do-Listen, die wiederum Stress und mittelprächtige Leistung begünstigen. Denn paradoxer Weise widmen sich viele – sind sie mit einer kaum zu bewältigenden Menge an Anforderungen konfrontiert – der Bearbeitung einfacher, schnell bearbeitbarer Tätigkeiten. Eben jenen Tätigkeiten, die meist eher Zeit verschwenden als sie zu nutzen. Newport meint, wir sollten stattdessen eine lange Liste an Dingen, die wir gern tun (aber nicht schaffen) aufgeben zugunsten eines kurzen Zeitplans mit den Dingen, die wir unbedingt tun möchten.

Es geht aber auch ganz anders. Statt die Woche am Montagmorgen in handhabbare Portionen zu zerstückeln, propagiert Stephan Porombka die Gelegentlichkeit. Auch er meint, man könne ja nicht alles erledigen, nicht alles haben, lesen, schreiben, posten, kommentieren. Und er folgert daraus für die Artisten der Gelegentlichkeit: „Das Beste ist, man wartet auf Gelegenheiten. Und wenn sie da sind, macht man was Schönes draus.“ Offenheit für Spontaneität also statt Plan und Struktur. Unverhofftes, kleines Glück statt große Lebensoptimierung.

Oder man nutzt die subjektive Zeitdehnung: Die Zeit fliegt, wenn viel zu tun ist, bei wenig Emotionen und wenn man die Zeit vergisst, wie beim Flow. Und die Zeit dehnt sich bei wenig Hektik, auch bei starken Emotionen oder wenn die Aufmerksamkeit auf der Zeit liegt. Verknüpft ist das subjektive Zeitempfinden mit einem Paradoxon: Vergeht die Zeit im Moment schnell, erscheint sie uns in der Erinnerung oft lang. Denn rückblickend sind die Lebensphasen lang, in denen wir viele Erinnerungen gesammelt haben, in neuen, wenig gewohnten Situationen.

Wir gewinnen also (gefühlte) Zeit durch Veränderungen im Leben. Tatsächlich: Wie oft bin ich in den letzten Monaten durchs Leben gehetzt, bin erst zu einem neuen Job nach Lübeck gependelt und dann zu einem neuen Job nach Berlin gewechselt, habe neue Freunde und Kolleginnen kennengelernt, neue Lieblingsbeschäftigungen entdeckt und neue Gewohnheiten etabliert. Es war nie Zeit, aber im Rückblick kommt mir das vergangene Jahr wie eine Ewigkeit vor. Denn ob geplant oder spontan: Reich an Zeit ist (in gewisser Weise) diejenige, die reich ist an Veränderungen und an Erinnerungen.

Zum Weiterlesen:

Eric Barker (2014). How to be the most productive person in your office — and still get home by 5:30 p.m. The Week.

Stephan Porombka (2015). Komm ich heut nicht, komm ich morgen. Die Zeit, 51.

Marc Wittmann (2016). Gefühlte Zeit: Kleine Psychologie des Zeitempfindens (4. Auflage). München: Verlag C. H. Beck.

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