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Über die Wucht der kleinen Dinge

Julia Specht

Statt einschneidender Lebensereignisse sind es häufig die Kleinigkeiten des Alltags, die über das Wohlbefinden entscheiden. Grund genug, ein wenig nachzuhelfen.

Dass es häufig gerade die Kleinigkeiten des Alltags sind, die unser Wohlbefinden maßgeblich beeinflussen, das machte mir kürzlich die Berliner Polizei deutlich. Aber von vorn: Es begann an einem Mittwoch im Winter mit einem Wuschelkopf. Der (gar nicht mehr ganz so) Kleine benötigte eine neue Frisur, deshalb ging es nachmittags mit dem Auto in die Stadt. Ein Parkplatz fand sich, nur war der Parkscheinautomat kaputt und nahm kein Geld. Was soll’s, dachte ich mir, fotografierte zum Beweis das defekte Gerät und eilte zum Frisör.

Ein kaputter Parkscheinautomat hält die Mitarbeitenden des Ordnungsamts jedoch nicht davon ab, Strafzettel zu verteilen, die einen Monat später zu einer schriftlichen Verwarnung führen. Das Wohlbefinden sinkt. Unbeantwortet bleibt meine schriftliche Erklärung samt Fotobeweis, dafür folgt ein Bußgeldbescheid mit Strafgebühren und Androhung von Erzwingungshaft. Warum, das beantwortet dann eine Recherche in den Untiefen des deutschen Paragrafendschungels. Da heißt es nämlich: „Ist ein Parkscheinautomat nicht funktionsfähig, darf nur bis zur angegebenen Höchstparkdauer geparkt werden. In diesem Fall ist die Parkscheibe zu verwenden.

Empfehlenswert ist in diesem Fall ein ausgeprägtes Gespür für Details, denn auch ohne Höchstparkdauer muss eine Parkscheibe ausgelegt werden. Der Nutzen davon bei unbegrenzter Parkzeit erschließt sich nicht. Dafür wird unmittelbar deutlich, was Daniel Kahneman und Kollegen meinten, als sie zeigten, dass es nicht etwa die großen Lebensereignisse sind, die regelmäßig unsere Emotionen bestimmen, sondern vielmehr die Anhäufung der Unwägbarkeiten des Alltags. Wobei eine Anhäufung in diesem Fall gar nicht nötig war.

Eine erfolgreiche Maßregelung bietet, das wird Eltern nicht verwundern, Verhaltensalternativen an. Anderenfalls drohen heimliche Wiederholungstaten, denn statt Einsicht bringen unerklärliche Strafen im Allgemeinen einen Dickkopf. Eine Ausnahme gilt in diesem Fall für sogenannte autoritätshörige Personen, die Theodor Adorno und Kollegen in der Mitte des letzten Jahrhunderts mit kritikloser Folgsamkeit charakterisierten. Autoritätshörige Personen halten darüber hinaus bevorzugt an konventionellen Werten fest und tendieren zu Aggressionen gegenüber Minderheiten. Was lässt sich aber lernen, wenn man, wie die meisten, nun nicht zu dieser hörigen Subgruppe gehört?

Abwarten mag eine Strategie sein, um trotz mangelnder Einsicht angepasst zu reagieren. Unsere Persönlichkeit entwickelt sich im Allgemeinen in eine Richtung, die konformes Verhalten begünstigt. In einer Studie haben wir beispielsweise beobachtet, dass die Gewissenhaftigkeit, und damit auch die Wahrscheinlichkeit für vorschriftsmäßiges Verhalten, im Durchschnitt bis zum Alter von 40 Jahren ansteigt. Auch die Verträglichkeit, und damit die Vermeidung von Streit, nimmt im Laufe des Erwachsenenalters zu. Allerdings ist hier Geduld vonnöten, denn große Veränderungen sind erst im hohen Alter zu erwarten.

Um Wiederholungstaten zu vermeiden (und die Umwelt zu schonen) bietet es sich in diesem Fall an, auf Bus und Bahn umzusteigen. Dort lässt sich während der Fahrt auch gleich wunderbar über die Unwägbarkeiten des Alltags schreiben. Denn, wie James Pennebaker gezeigt hat, reichen schon 15 Minuten am Tag aus, um auf diese Weise Wohlbefinden und Gesundheit zu stärken (eine Anleitung dafür gibt es hier). Und wenn, wie in Berlin, die Anreise länger dauert, dann bleibt sogar noch Zeit für Erheiterung mit Telefonstreichen wie denen von Studio Braun. Ich fühl mich jedenfalls gleich viel glücklicher.

 

Zum Weiterlesen

Kahneman, D., Krueger, A. B., Schkade, D. A., Schwarz, N., & Stone, A. A. (2004). A survey method for characterizing daily life experience: The day reconstruction method. Science, 306, 1776-1780.

Pennebaker, J. W. (1997). Writing about emotional experiences as a therapeutic process. Psychological Science, 8, 162-166.

Specht, J., Egloff, B., & Schmukle, S. C. (2011). Stability and change of personality across the life course: The impact of age and major life events on mean-level and rank-order stability of the Big Five. Journal of Personality and Social Psychology, 101, 862-882.

Soundtrack zum Blog-Post

Über die Herausforderungen des Alltags: ‚Ich will heute nicht kämpfen‘ von Superpunk

 

2 Responses to "Über die Wucht der kleinen Dinge"

  • D. H. German JaCobi
    22. Apr 2015 - 14:39 Reply

    Empfehlenswert wäre in jedem Falle ein ausgeprägtes Gespür für Gerechtigkeit …!! Allerdings nicht für das, was die meisten unter diesem Begriff verstehen und sich damit gegenseitig etwas zusichern, das alles bedeuten kann oder nichts. (Für die Nazis war es „angemessen, fair“, 6 Mio. Juden zu töten …) Und weil wir so e l a s t i s c h sein können bei der Gestaltung dieses wichtigen Zieles, brauchen wir auch einen Dschungel voller „Rechtsdetails“! Unser §§-Irrgarten ist so üppig, weil er auch „Kompensationsgerechtigkeit“ regeln muss (Ausgleich von Ungerechtigkeiten auf die Schultern anderer) … Wer weiß, dass das Ziel hinter einem gerechten Geben und Nehmen GEMEINSAME ZUFRIEDENHEIT ist, wird im Zweifel auch mal mehr an andere denken. (Bürger nehmen den Parkplatz, der möglichst vielen zur Verfügung stehen soll, und geben der Stadt dafür ein, zwei … €.)

    Tatsächlich produzieren wir am laufenden Band so viele kleine Ungerechtigkeiten, auch weil wir so oft durch Ungerechtigkeiten anderer belastet werden, dass Administrationen keine Kulanz mehr zeigen können. Denn viele, oft nur eingebildete Einbußen schaukeln sich zu mitunter existenzgefährdenden Wohlgefühlverlusten auf, die zum Nährboden für Unrecht werden. Wird Unrecht nicht konsequent justitiert, zu wenig verständigt, entsteht das Gegenteil von Einsicht. Und bei 80 Millionen mal vielen Gelegenheiten täglich bekommen große Menschenhäufen genau das, was Politiker nie beherrschen werden. Deshalb verteilen sie überwiegend auf unsere Schultern, was sich aus dem Versagen der Justiz entwickelt …

    Werte Jule Specht, ich würde öfter E-Bike fahren. Das bremst nicht nur unseren überbordenen Automobilverkehr. Bei Sauwetter freut unser Körper sich für die Kräftigung, die ihm auch mal erlaubt, sich gegen Viren und multiresistente Keime rechtzeitig kräftig genug zu wehren …

  • Josef Steiner
    11. Mai 2015 - 9:47 Reply

    Unser ganzes Leben besteht aus „kleinen Dingen“.
    Vor unsrer Geburt hat uns niemand gefragt was für ein „kleines Gehirn“ wir in unserem Kopf haben wollen. Wir haben etwas zufälliges (Schicksal, Gott, von uns nicht beeinflussbares) bekommen. Nachher kamen lauter „kleine Erlebnisse“, die von unserem Gehirn nach seinen momentanen Fähigkeiten verarbeitet wurden, und das „Gute“ davon für die Weiterentwicklung des Gehirns verwendet wurde. Da die kleinen Erlebnisse nicht von uns gewollt, also auch zufällig waren, konnte die Weiterentwicklung des Gehirns auch nur zufällig gewesen sein. Unser Gehirn blieb und ist auch heute ein Zufallsprodukt. Wenn wir z.B. ein Buch lesen, oder etwas lernen wollten, das erste Mal war unser Gehirn „zufällig“, der Wille zum Lesen war das Produkt unsres „Zufallsgehirns“, und die Einzelheiten im Buch waren außerdem auch nicht von uns gewollt, also „zufällig“. Unser Gehirn blieb also trotzdem „zufällig“, dass wir das Buch lesen wollten; wir können es nach meiner Meinung aus dem „Zufallskäfig“ nicht heraus retten.

    Das heißt aber, dass wir nur dann einen freien Willen haben, wenn wir ihn so definieren, dass er die Entscheidung unseres momentanen Gehirns ist, wobei das Gehirn und dadurch auch seine Entscheidung reiner Zufall sind, und dieser Zufall als das Ergebnis von vielen Tausenden von „kleinen Dingen“, kleinen Erlebnissen des bisherigen Lebens aufzufassen ist.

    Der freie Wille ist ein ganzheitlicher Begriff. Entweder für alles vollständig, oder gar nicht. Die Evolution ist aber eine Entwicklung in kleinen Schritten. Den freien Willen konnte sie danach gar nicht bringen. Wenn nur wir Menschen ihn haben, dann müssen wir eine Stelle uns vorstellen, wo die Eltern noch Tiere, die Kinder aber bereits Menschen waren. Der freie Wille wird so eine Glaubensfrage, genau so, wie die Existenz Gottes.

    Wenn das alles so wäre/ist, dann wäre niemand schuld an seinen Taten, auch ein Massenmörder nicht. Schuld hat nur, wer absichtlich, aus freiem Willen „Böses“ tut. Wer über die Richtigkeit seiner Taten überzeugt ist, oder die Unrichtigkeit nicht sieht, hat keine Schuld. Wenn alle Menschen Zufallsprodukte sind, dann müssen wir für alle anderen volles Verständnis aufbringen. Alle Urteile von Strafgerichten wären ungerecht, auch dann, wenn die Einhaltung von gewissen Regeln für das menschliche Zusammenleben unbedingt nötig ist. Jede Entscheidung ist das Ergebnis eines Kampfes in unserem Gehirn, z.B. körperliche Wünsche gegen moralische Vorschriften. Der Ausgang ist einerseits von unseren momentanen körperlichen Eigenschaften, andererseits davon abhängig, wie tief uns die moralischen Vorschriften eingeprägt wurden. Beide sind „zufällig“, von uns nicht abhängig. Wenn der Sieger dieses Kampfes noch eine Prüfung überstehen müsste, das wäre vielleicht der freie Wille, aber für so eine Prüfung haben wir nach meiner Meinung keine Einrichtungen. Auch wenn wir Zweifel über die Richtigkeit unserer Tat haben, wir tun immer das, was unser Gehirn uns rät.

    Die Folgen einer vollständigen Berücksichtigung dieser logischen Gedanken wären unübersehbar weitreichend. Ich finde aber keinen logischen Fehler darin. Wenn Sie einen finden, so lassen Sie mich das bitte wissen.

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