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Über die Persönlichkeit der Politik

„Ich könnte nie eine Partei wählen, die ein Plakat hat, auf dem der Kopf von einem Kind abgeschnitten ist“, stellt meine Tochter fest. Wir fahren durch Berlin und die Straßen sind mit Wahlkampfplakaten gesäumt. Ganz so makaber wie es klingt, ist es allerdings nicht: Der Spitzenkandidat der Berliner CDU möchte lediglich seine Nähe zur Familie mit einem Foto seines Sohnes unterstreichen, gleichzeitig aber anscheinend dessen Persönlichkeitsrechte schützen. Deshalb zeigt das Plakat den Körper des Jungen ohne Kopf. Nun ja, diese Unentschlossenheit irritiert.

Abgesehen von solchen Fauxpas‘ geben Wahlplakate eher wenig her. Links der Mitte wird mit Vielfalt und Zusammenhalt geworben, rechts der Mitte mit Sicherheit und Stabilität. Letztendlich dominiert aber das Bild. Es ist ein bisschen wie bei Tinder: Potentiell wichtige Entscheidungen sollen auf Basis eines bedingt aussagekräftigen Bildes gemacht werden. Vermutlich folgerichtig werben SPD und CDU in Berlin nun auch auf Tinder für Wählerherzen. Schade, dass sich nicht auch einige Straßenplakate per Wisch nach links aus dem Blickfeld sortieren lassen.

Einen besseren Einblick bieten da die Wahlprogramme. Und das BlaBlaMeter entlarvt auch gleich: So viel Blabla ist da gar nicht, aber natürlich gibt es individuelle Unterschiede. Grüne und Linke, dicht gefolgt von der SPD, haben einen sogenannten Bullshit-Index von etwa .30, das ist (fast) so gut wie ein hochwertiger journalistischer Text. Die Piraten sind dagegen weit abgeschlagen, noch hinter FDP und CDU. Allerdings ist der Hang zum leeren Gerede auch nur ein Aspekt der Persönlichkeit.

Einen tieferen Blick in – wenn man so möchte – die Psyche der Parteien bietet ein anderes Instrument der Psychologie: das Linguistic Inquiry and Word Count (kurz: LIWC). Über automatische Textanalysen kann es verschiedene Aspekte der Persönlichkeit aufdecken. James Pennebaker wies damit zum Beispiel auf Persönlichkeitsunterschiede zwischen Hillary Clinton und Donald Trump hin: Während Hillary Clinton optimistisch, abwägend und kooperativ sei, sei Donald Trump pessimistisch, selbstüberzeugt und machtmotiviert. Bei solchen Individualdiagnosen aus der Ferne ist jedoch Vorsicht geboten, wie die New York Times kürzlich richtig mahnte.

Die Analyse der Berliner Wahlprogramme ist dagegen unverfänglicher und zeigt eine bunte Mischung an Merkmalen: Die SPD gibt sich vor allem gemeinschaftlich, ist positiv, selbstsicher, mit Fokus auf der Vergangenheit. Auch die CDU strahlt viele positive Emotionen aus, gibt sich aber weniger selbstsicher und kommunikativ. Die Grünen zeigen sich vor allem rational und sozial, dafür wenig emotional. Im Gegensatz dazu stechen bei den Linken viele negative und wenig positive Emotionen hervor. Auch die AfD fällt durch wenig positive, dafür umso mehr negative Emotionen auf und sie setzt auch im Sprachstil eher auf Abgrenzung als Integration.

Natürlich ersetzen solche Persönlichkeitszuschreibungen keinen Wahl-O-Mat. Sie zeigen aber, dass sich nicht nur Menschen in einer Fülle von Eigenschaften voneinander unterscheiden, sondern Parteien ebenso. Zumindest wenn man sie sprachlich analysiert. Dass die Sprache in der Politik aber zentral ist, betont die Linguistin Elisabeth Wehling. Ihrer Aussage nach gibt es keinerlei lose Fakten, stattdessen ist jede (politische) Botschaft durch Deutungsrahmen verzerrt und damit manipulativ. Ebenso wie dieser Blogartikel übrigens, der immerhin einen akzeptablen Bullshit-Index von .26 hat und laut LIWC deutlich persönlicher und optimistischer ist als jedes der Wahlprogramme.

Zum Weiterlesen

Dönges, J. (2009). Du bist, was Du sprichst. Gehirn und Geist, 1-2, 24-28.

Pennebaker, J. W., & King, L. A. (1999). Linguistic styles: Language use as an individual difference. Journal of Personality and Social Psychology, 77, 1296-1312.

Wehling, E. (2016). Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Köln: Halem Verlag.

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