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Über die Notwendigkeit von emotionalem Protest

Julia Specht

Bei grundlegenden Entscheidungen brauchen wir neben rationalen auch emotionale Debatten. Unser Bauchgefühl hat ohnehin längst entschieden, bevor unser Kopf die Argumente sorgfältig abgewogen hat.

Die Kunst bietet andere Mittel zum emotionalen Aufrütteln als ein Tatsachenbericht. Und kann so über andere Wege die Gesellschaft beeinflussen, als es beispielsweise politische Debatten vermögen. Kein Wunder also, dass Philipp Ruch, künstlerischer Leiter des Zentrums für Politische Schönheit, Kunst und Theater als fünfte Gewalt im Staate ansieht. Erst kürzlich brachte das Künstlerkollektiv den Bundestag, das Bundeskriminalamt und konservative Zeitungen mit ihrer Performance zur Gedenkfeier des Mauerfalls in Aufruhr.

Im Rahmen seines künstlerischen Protests stellte das Zentrum für Politische Schönheit die Situation der DDR-Mauertoten der Situation der Tausenden von Toten an den EU-Außengrenzen gegenüber. Mit der Idee, durch Erinnerung an die Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. In schlingensief’scher Tradition entstand dabei die provokante Aktion des ‚ersten europäischen Mauerfalls’. Ist solche Aktionskunst polemisch und populistisch oder unverzichtbar?

Kunst hebt sich dadurch ab, dass sie emotional aufrüttelt, dabei aber gleichzeitig meist wenig rational argumentiert. So lässt die „Flucht“ der 14 Gedenk-Kreuze viele drängende Fragen unbeantwortet: Wie sollen Länder an der EU-Außengrenze mit einem potentiellen Flüchtlingsansturm umgehen? Wie kann verhindert werden, dass europäische Hilfen zur Rettung von Bootsflüchtlingen dazu führen, dass Schlepper noch baufälligere Schiffe mit noch mehr Flüchtlingen gen Europa schicken? Wie löst ein Abriss einer Stacheldrahtmauer die Ursachen für die Flüchtlingsbewegungen?

Anders, aber ähnlich beeindruckend und gesellschaftspolitisch, mutet die Tragikomödie Hin und weg an. Im Zentrum steht darin der an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS erkrankte Hannes. Gemeinsam mit Freunden macht er sich auf eine letzte Radtour gen Belgien, um dort mithilfe der aktiven Sterbehilfe seinem Leben ein vorzeitiges Ende zu setzen. So elegant gelingt dabei die Balance zwischen dem Wunsch nach beschleunigtem Abschied aus dem Leben und der Würdigung der Schönheit des Lebens, dass, als ich den Film im Kino sah, der vollbesetzte Saal gemeinsam lachte und weinte, in einer Intimität, als kenne sich die anonyme Zuschauerschar seit Jahrzehnten.

Kann man nach dieser aufwühlenden, authentischen Beschreibung eines Schicksals weiterhin kompromisslos an der Verweigerung aktiver Sterbehilfe festhalten? Aber andererseits werden auch hier drängende Fragen nicht beantwortet: Haben auch Personen mit psychischen Krankheiten das Recht auf aktive Sterbehilfe (wie in Belgien)? Darf zum Beispiel ein Mensch mit einer Depression diese in Anspruch nehmen? Oder nicht, weil der Todeswunsch hier als Symptom einer Krankheit gilt? Was ist mit Kindern? Und Personen, deren eigener Wille nicht eindeutig geklärt werden kann? Wie lässt sich mit Interessenskonflikten umgehen, die in diesem Kontext entstehen können?

Viele dieser Fragen können nicht durch emotionale Argumente beantwortet werden. Und doch kann die emotionale Informationsverarbeitung, die stets schnell und automatisiert in uns abläuft, wertvolle Impulse liefern. Im Gegensatz zur rationalen Informationsverarbeitung, die langsam und überlegt vonstattengeht, kommt sie meist zuerst zu einer Entscheidung. Die Ratio füllt dann die Detailfragen, wenn der Bauch längst entschieden hat. So lenken emotionale Reize die Aufmerksamkeit auf drängende Fragen und lassen Prioritäten neu sortieren. Steht dann fest, dass kein verzweifelter Flüchtling an einer EU-Grenze sterben darf und keinem verzweifelten Todkranken das Recht auf Selbstbestimmung verweigert werden darf, sind die Prämissen gesetzt und die Ratio ist nach Möglichkeiten der Umsetzung gefragt.

Zum Weiterlesen

Evans, J. S. B. T. (2008). Dual-processing accounts of reasoning, judgment, and social cognition. Annual Review of Psychology, 59, 255-278.

Haidt, J. (2001). The emotional dog and its rational tail: A social intuitionist approach to moral judgment. Psychological Review, 108, 814-834.

Soundtrack zum Blog-Post

Über die Grenzen der Vernunft: ‚Pure Vernunft darf niemals siegen’ von Tocotronic

2 Responses to "Über die Notwendigkeit von emotionalem Protest"

  • jule schreibt.
    2. Dez 2014 - 23:35 Reply

    […] Bei grundlegenden Entscheidungen brauchen wir neben rationalen auch emotionale Debatten. Unser Bauchgefühl hat ohnehin längst entschieden, bevor unser Kopf die Argumente sorgfältig abgewogen hat. → Weiterlesen im Psychologie Heute-Blog […]

  • Über die große, wahre Liebe | Psychologie-heute Blog
    11. Mai 2015 - 18:30 Reply

    […] #wirdsowiesonix“ kommt von ihm zurück. Die Resignation trägt anscheinend Früchte und als bekennende Gegnerin der puren Vernunft finde ich das besorgniserregend. Ideal wäre, beides zu verbinden, also große Emotionen auf […]

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