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Über die Illusion, das Gute im Schlechten zu finden

Julia Specht

Positive Erlebnisse sind wünschenswert, negative Erlebnisse zu vermeiden. Sollte man meinen. Erstaunlich, dass viele dennoch an der Illusion festhalten, nur durch Schicksalsschläge könnten wir reifen.

Hape Kerkeling hat ein Buch geschrieben, eines über seine Kindheit, und die war, so liest man, von einem schweren Schicksalsschlag gezeichnet. Im Kulturspiegel bespricht Arno Fank das Buch mit lobenden Worten und stellt fest: „Es ist allein dieser tragische Hintergrund, der einen Quatschmacher in einen großen Komiker verwandeln kann.“ Ein großer Komiker ist Hape Kerkeling ohne Zweifel. Aber war es dafür notwendig, als Kind hautnah den Tod der Mutter mitzuerleben? Das heißt, wäre uns seine Fähigkeit nicht vergönnt gewesen, hätte sich seine Mutter nicht das Leben genommen?

Dass schmerzliche Erfahrungen eine positive Entwicklung anstoßen, suggerierte auch Nietzsche mit seiner Aussage „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“. Und mit dieser Ansicht ist er nicht allein. Vielmehr finden sich in der Geschichte großer Dichter und Denker wiederholt Argumente für Sinn und Notwendigkeit von Niedergeschlagenheit, wie ein unterhaltsamer historischer Abriss in einem TED-Film verdeutlicht. Der Melancholie wird dabei unterstellt, essentieller Bestandteil des Lebens zu sein. Aber käme es wirklich mit Nachteilen einher, in einer Welt ohne Traurigkeit zu leben?

Auch die Psychologie fühlt sich zu der Idee hingezogen, aus etwas durchweg Negativem ließe sich etwas Positives gewinnen. Unter dem Begriff des posttraumatischen Wachstums werden Beobachtungen aus der Klinischen Psychologie subsumiert, nach denen Menschen es schaffen, mit belastenden Lebensumständen umzugehen, in dem sie diesen etwas Positives abgewinnen. Einige berichten beispielsweise, sich nun mehr an den kleinen Dingen des Alltags erfreuen zu können, dass diese Erfahrung ihre sozialen Beziehungen gestärkt habe oder sie mehr Vertrauen in ihre eigene Belastbarkeit entwickelten.

Es ist ohne Zweifel eine Glanzleistung unserer Resilienz, dass es vielen Menschen gelingt, sich von schweren Schicksalsschlägen zu erholen. Die Frage ist aber vielmehr, ob uns diese Erschütterungen stärker machen, ob sie notwendig sind, um uns aus der alltäglichen Oberflächlichkeit zu stoßen und zu besseren Menschen zu machen. Und da zeigt die Empirie sehr deutlich: Das ist nicht der Fall. Im Gegenteil, einschneidende negative Erlebnisse senken nicht nur das Wohlbefinden, im Mittel erhöhen sie auch den Neurotizismus, machen also ängstlicher und sorgenvoller.

Eine positive Entwicklung dagegen wird häufig dann angestoßen, wenn Menschen Positives erleben, auf einer Welle des Wohlbefindens schwimmen, also Ressourcen haben, um sich in eine positive Richtung zu verändern. Gerade zufriedene Menschen sind es, die anschließend emotional stabiler, verträglicher im Umgang mit anderen und gewissenhafter werden.

Wir wissen nicht, wie Hape Kerkeling wäre, hätte er nicht erlebt, was er erlebte. Auch die Psychologie, die sich aus Korrelationen und ähnlichen Maßen des Zusammenhangs füttert, erlaubt keine Aussagen über den Einzelfall. Nur eine Parallelwelt ohne dieses Unglück im Leben des jungen Hape Kerkeling könnte Aufschluss darüber geben, die keine Post-hoc-Erklärung vermag. Doch sicher ist, dass solche Schicksalsschläge ausschließlich negativ sind und keinesfalls wünschenswert oder notwendig, um einen Quatschmacher zum Komiker werden zu lassen. Eigentlich müsste es also heißen: „Es ist ein Glück, dass Hape Kerkeling trotz dieses tragischen Hintergrunds ein großer Komiker wurde.“

Zum Weiterlesen

Jayawickreme, E., & Blackie, L. E. R. (2014). Post-traumatic growth as positive personality change: Evidence, controversies, and future directions. European Journal of Personality, 28, 312-331.

Kandler, C., Bleidorn, W., Riemann, R., Angleitner, A., & Spinath, F. M. (2012). Life events as environmental states and genetic traits and the role of personality: A longitudinal twin study. Behavior Genetics, 42, 57-72.

Specht, J., Egloff, B., & Schmukle, S. C. (2013). Examining mechanisms of personality maturation: The impact of life satisfaction on the development of the Big Five personality traits. Social Psychological and Personality Science, 4, 181-189.

Soundtrack zum Blog-Post

Über den Wunsch nach Traurigkeit: ‚Sad Song‘ von Au Revoir Simone

15 Responses to "Über die Illusion, das Gute im Schlechten zu finden"

  • Mueller Angelika
    21. Okt 2014 - 18:04 Reply

    Ich denke ,in Bezug auf Hape das er durch seine Komik es geschafft hat das Negative zu überspielen- ich sehe den Hintergrund das er trotzdem sehr traurig ist – er hat eine starke Großmutter gehabt von der die Reflexion des Geschehens lernte – aber das er trotzdem seine Mutter gern hätte – und sie auch sehr vermisst

  • Ariela Sager
    22. Okt 2014 - 10:48 Reply

    Geht es denn wirklich darum, das Gute im Schlechten zu finden oder eher darum, trotz allem auch das Gute zu sehen, das durchaus an zwei voneinander getrennten Stellen liegen kann. Im Tod der Mutter, das weiß ich genau und darin stimme ich der Autorin sehr zu, liegt nichts Positives. Nach dem Verlust der Mutter, solange man Kind ist, steht Einsamkeit, Verwirrung, Verlustangst, Verlorensein, Fremdheit im eigenen Leben und Ratlosigkeit der eigenen Identität gegenüber. Darin aber, im Laufe des Lebens diese Themen zu heilen, liegt Wachstum. Selbst wenn es das ganze Leben braucht, liegt in den Teilerfolgen – trotz allem eine nicht auf Bedürftigkeit, sondern auf Liebe basierende Beziehung zu führen, trotz allem eine liebevolle, nicht projizierende Elternschaft zu leben, trotz allem Freundschaften und Glück im Leben zu finden, trotz allem Zufriedenheit im Beruf zu erfahren – liegt in diesen Teilerfolgen persönliches Wachstum. Der Mensch, der die Welt an den Teilerfolgen teilhaben lässt, statt in Depression zu versinken, ist der große Komiker, der fähige Therapeut, der Künstler, Arzt, Lehrer … der Botschafter für Heilung. Nicht der Schicksalsschlag hat Harpe Kerkeling zu dem großen Komiker gemacht, sondern seine Entscheidung darüber, wer er angesichts des Schicksalsschlags sein wollte und sein will.

  • Johanna Vedral
    22. Okt 2014 - 11:43 Reply

    Für mich ist die Essenz der Befunde zum posttraumatischen Wachstum nicht, dass NUR durch traumatische Erlebnisse Wachstum und späteres Glück entstehen können. Traumatische Erlebnisse sind nicht notwendige Voraussetzungen, um zu einem besseren Menschen zu werden – da stimme ich Ihnen zu. Vielmehr ist das Konzept des posttraumatischen Wachstums ein wichtiger Ansatz, statt der Schädigungen die Bewältigungsstrategien, die Ressourcen in den Fokus zu stellen und die Chancen aufzuzeigen, dass traumatische Kindheitserlebnisse einen Menschen nicht für immer schädigen, sondern dass trotz massiver Traumatisierungen ein glückliches Leben möglich ist.

  • Jörg Werner
    22. Okt 2014 - 22:38 Reply

    Gut oder schlecht, hilfreich oder hinderlich, Einschränkung oder Möglichkeit zu wachsen, so viele Möglichkeiten wie es Menschen gibt, aber daraus auf Muster oder Gesetzmäßigkeiten schließen?

  • Alles ist gut - Friedensturm
    23. Okt 2014 - 0:38 Reply

    […] Sich weiterentwickeln ist prima. Das heißt jedoch nicht, daß es gut ist, wenn Schlimmes passiert. Schicksalsschläge sind nicht an sich positiv. Es liegt – wie gesagt – an uns, nach Möglichkeit etwas Gutes daraus zu machen. Wenn […]

  • Ho-Seoung Moon
    23. Okt 2014 - 2:01 Reply

    Ich kann der Aussage nur zustimmen, dass man trotz eines tragischen Hintergrunds ein „großartiger“ Mensch werden kann.

    Mir scheint, dass mit dem „posttraumatischen Wachstum“ eine Grundbestimmung unseres eigenen Daseins augenscheinlich wurde. Im Wesentlichen ist es weder das Traumatische noch Glückserfüllende, sondern das dadurch gewonnene Bewusstsein um die eigene Existenz, das einem klarmacht, wie sehr es dabei auf einen selbst ankommt.
    Man wird also zu einem großartigen Menschen infolge einer außerordentlichen Einstellung, die man an den Tag legt.

    Posttraumatischer Wachstum ist damit der Beweis dafür, dass ein positiver Lebensumgang trotz traumatischer Erlebnisse möglich ist, insofern man sich positive Dinge in einer negativen Umwelt bewusst macht.

    Demzufolge ist es grundsätzlich wahr, dass wir unser eigenes Leben durch die innere Einstellung selbst positiv gestalten können, unabhängig von posttraumatischen Erfahrungen.

    „Nicht die Dinge selbst beunruhigen den Menschen, sondern seine Vorstellung von ihnen.“ Epiktet

    Ho-Seoung Moon , philosophischer Berater & Coach

  • Sandro
    23. Okt 2014 - 13:41 Reply

    Über die Illusion des „glücklichen Lebens“: Jeder Mensch hat egal wie gut es ihm ging schwere Krisen erlebt. Und die meisten kennen diese dunklen Zeiten im Leben. Glücklich sein ist nicht normal!

    Wir Menschen können uns nicht aussuchen welches Blatt uns zugeteilt wird. Jeder von uns hat sein individuelles Kartenblatt und jeder Mensch hat einen gewissen Raum, was er mit diesem Blatt machen kann. Klar ist einfacher ein Blatt zu spielen, was hauptsächlich aus Trümpfen besteht. Wer viele schlimme Dinge erlebt in seinem Leben hat natürlich ein entsprechend schlechtes Blatt. Aber auch dieses kann so oder so gespielt werden.

    Viktor Frankl hat ein Konzentrationslager überlebt und hat mit seinen Erfahrungen von dort die Psychotherapie stark bereichert in dem er auf genau diese Entscheidungsfähigkeit des Menschen hinwies.

    „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

  • mary
    1. Nov 2014 - 3:56 Reply

    Nichts ist an sich gut oder schlecht. Das Denken macht es erst dazu. W. Shakespeare

  • PeBa
    5. Nov 2014 - 1:15 Reply

    „Ohne Licht kein Dunkel“
    Meiner Meinung nach braucht man beides um zu wachsen.
    Warum sollte man etwas ändern oder man sich entwickeln wenn es einem nur gut geht?
    Andererseits kann es Paralysieren wenn jemanden ständig schlechtes wiederfährt, so das einem
    die Kraft fehlt etwas zu ändern.

    Es gibt nicht nur schwarz oder weiß bei diesem Thema 🙂

  • Bernhard Lakomy
    13. Jan 2015 - 20:43 Reply

    Leider stoße ich erst heute auf diesen Beitarg von Jule Specht. Liest man die Überschrift, so könnte man meinen, dass es tatsächlich darum geht, das Gute im Schlechten zu suchen als eine Illusion zu entlarfen. Im weiteren Text drängt sich mir aber der Eindruck auf, dass das Vorhandensein von Schicksalsschlägen an sich das Problem ist.

    „Doch sicher ist, dass solche Schicksalsschläge … keinesfalls wünschenswert oder notwendig (sind), um einen Quatschmacher zum Komiker werden zu lassen.“, heißt es zum Schluss. Eine solche Aussage wird meines Erachtens aber nicht der Tatsache gerecht, dass es eben Schicksalsschläge gibt, dass fast jeder im Laufe seines Lebens damit mehr oder weniger heftig konfrontiert wird. Natürlich, niemand braucht so etwas! Diese Feststellung ist müßig. Aber damit schaffen wir diese Schicksalsschläge nicht aus der Welt. Somit benötigen wir ein Werkzeug, damit vernünftig umgehen zu können. Und da ist aus meiner Erfahrung die Suche nach dem Sinn des Ereignisses und damit nach dem Guten im (vermeintlich) Schlechten ein durchaus probates Mittel.

  • Martin Winkler
    18. Jan 2015 - 13:44 Reply

    Ich denke schon, dass es einen Unterschied macht, ob und wie man mit negativen Erlebnissen umgehen lernt bzw. in welcher Art und Weise man selber seine Selbstwirksamkeit TROTZ der negativen Erfahrungen erlebt. Nicht WEGEN der negativen Lebenserlebnisse wird man so, wie man ist. Aber nicht jeder Mensch schafft es, daraus Erfahrungen im Sinne einer konstruktiven Bewältigung zu entwickeln.

  • soraya
    8. Sep 2015 - 15:08 Reply

    Ich glaube, wenn ein Mensch im Erwachsenenalter fühlt, dass er aufgrund eines schicksalshaften traurigen Erlebnisses in der Kindheit (abhängigen Phase) zu einer Stärke gefunden hat, kann man ihm das nicht einfach so absprechen. Es geht nicht darum, dass es eine Voraussetzung sein soll etwas Tragisches in der Kindheit erlebt haben zu müssen, damit es als Erwachsener wahrscheinlicher wird, aus seinem Talent etwas Großartiges zu schaffen. Das Talent war ohnehin schon im Kind vorhanden. Das schicksalhafte Erlebnis hat das Kind nicht entmutigt, sich weiter zu entwickeln, seinem Talent treu zu bleiben und es zu leben. Es hat vielleicht umso mehr in seinem Schmerzerlebnis gespürt, dass es den Schmerz alleine fühlen/ ertragen/ erleben muss und dabei eine Stärke daraus entwickelt, dass sein Leben in seiner Hand ist. Daher finde ich den Satz nicht passend, dass es` ein Glück ist, dass Hape Kerkeling trotz des tragischen Hintergrunds ein großer Komiker geworden ist. Als ob man ihm den Erfolg nicht ganz neidlos gönnte!

  • Resilienz - die unsichtbare Kraft - Nutze Deine Potenziale
    30. Dez 2016 - 20:39 Reply

    […] es, Vertrauen in seine Kompetenz zu entwickeln. „Ein Kind sollte außerdem wissen, dass es immer verschiedene Sichtweisen auf eine Situation gibt“, sagt Nuber. „Und drittens ist es wichtig, dass ein Kind angeleitet […]

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