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Über die Flüchtigkeit des Glücks

Julia Specht

Glücklich wollen wir sein, tun uns aber allzu oft schwer damit. Dabei ist es sogar in schweren Zeiten möglich, dieses Ziel zu erreichen.

„Das Glück macht nie so glücklich wie das Unglück unglücklich“, lässt der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf einen Bauarbeiter zu Isa sagen. Isa, ein Mädchen aus seiner eigenen Biographie, mit der er sich geschwisterlich verbunden fühlte und mit der er die vielleicht glücklichsten Tage seines Lebens verbrachte. Die später im Roman Tschick als das Mädchen von der Müllhalde wieder auftritt. Und in seinem unvollendeten Roman Bilder deiner großen Liebe auf einem Roadtrip per pedes auf oftmals einsame Menschen trifft, die sie an ihrem Leben teilhaben lassen. Ein Bauarbeiter ist einer dieser Menschen und was er feststellt, scheint dem menschlichen Ziel nach Glücksmaximierung entgegenzustehen.

Tatsächlich bestätigen psychologische Studien, dass ein Glückshoch oft nur überraschend kurz anhält. Das Ausmaß positiver Emotionen steigt durch eine Hochzeit kaum merklich an und auch die Lebenszufriedenheit befindet sich nach nur einigen Monaten im Rückzug. Ähnlich verhält es sich nach der Geburt eines Kindes, dabei scheint es doch kaum Glücksbringenderes und Sinnstiftenderes zu geben als eine solche Familienerweiterung. Im Gegensatz dazu wirken sich negative Ereignisse deutlich stärker auf das Wohlbefinden aus. Verwitwung oder Arbeitslosigkeit beispielsweise hinterlassen weitaus tiefere Einschnitte als es positive Ereignisse häufig vermögen.

Für unser Wohlbefinden ist es ein hartes Los, leichter das Glück verlieren als gewinnen zu können. Vielleicht erinnern wir uns aber auch nur zu häufig an die unguten Dinge unserer Vergangenheit. Herrndorf selbst, der lange mit einem bösartigen Hirntumor kämpfte, bis er vor eineinhalb Jahren an dessen Folgen starb, schrieb dazu: „Immer wieder schöne Tage. Ich vergesse das immer. Ich habe es mir aufgeschrieben, um es nicht immer zu vergessen. Aber ich vergesse es immer.“

Empirische Studien zeigen, dass wir uns eher an Situationen erinnern, die uns emotional aufgewühlt haben. Was würde es auch nützen zu wissen, was sich an einem beliebigen Allerweltstag ereignet hat, während die dramatischen Wenden im Leben vergessen würden? Dass die Natur auf diese Weise unsere Erinnerungen selektiert, haben wir unter anderem der Amygdala zu verdanken. Erlebt eine Person emotionalen Stress, dann wird dort der Neurotransmitter Noradrenalin ausgeschüttet und die Erinnerungen werden gefestigt.

Genau diesen Zusammenhang machten sich Menschen bereits vor langer Zeit zunutze. Um Erinnerungen zu erhalten, bevor dafür die Verschriftlichung zur Verfügung stand, wurde vor wichtigen Begebenheiten (wie einer Hochzeit) ein Kind ausgewählt, um dieses Ereignis zu beobachten. Anschließend wurde es in einen Fluss geworfen, sodass es sein gesamtes Leben lang Erinnerungen an diesen Tag behalten würde. Sicherlich eine makabre Maßnahme gegen das Vergessen. Und eine, die verdeutlicht, dass es deutlich einfacher zu sein scheint, starke negative Emotionen zu entfachen als ebenso starke positive.

Alles in allem zeichnet sich hier kein leichtes Bild über das Glück und Unglück und unsere Fähigkeit, Ersteres zu maximieren. Tröstlich mutet dabei zumindest an, dass es selbst in schweren Zeiten möglich ist, glücklich zu sein. Oder wie Herrndorf es an sich selbst beobachtete: „Ein Jahr in der Hölle, aber auch ein tolles Jahr. Im Schnitt kaum glücklicher oder unglücklicher als vor der Diagnose, nur die Ausschläge nach beiden Seiten größer.“

 

Zum Weiterlesen

Herrndorf, W. (2014). Bilder deiner großen Liebe: Ein unvollendeter Roman. Berlin: Rowohlt.

Luhmann, M., Hofmann, W., Eid, M., & Lucas, R. E. (2012). Subjective well-being and adaptation to life events: A meta-analysis. Journal of Personality and Social Psychology, 102, 592-615.

McGaugh, J. L. (2013). Making lasting memories: Remembering the significant. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 110, 10402-10407.

Soundtrack zum Blog-Post

Über das Glücklichwerden: ‚Get Lucky’ von Daft Punk

5 Responses to "Über die Flüchtigkeit des Glücks"

  • Claudia Brebach
    20. Jan 2015 - 11:39 Reply

    Hallo, Ihre Erkenntnis überrascht mich: Nach meiner Lebenserfahrung sehe ich negative Ereignisse im Rückblick milder oder habe sie inzwischen gar ganz ausgeblendet. Im Freundeskreis scheint es allen so zu gehen, etwa, dass man stark negative Erlebnisse aus einer gescheiterten Ehe nach und nach „vergisst“. Das scheint mir auch eher plausibel, weil wir sonst mit zunehmendem Alter ja mit so viel psychischen Altlasten zu kämpfen hätten.
    Mit freundlichen Grüßen C. Brebach

  • Bärbel
    23. Jan 2015 - 22:44 Reply

    „Das Glück macht nie so glücklich wie das Unglück unglücklich.“

    Wie wahr!

    Ich glaube wenn wir manchmal etwas weniger über das Glück nachdenken und wie wir es finden können, ist es auch leichter es zu sehen und zu erleben.

  • Walter Kopp
    25. Jan 2015 - 20:56 Reply

    Werte Frau Specht

    Ihre Glücksdefinitionen orientieren sich vorwiegend an Ereignissen, Beziehungs-Erlebnissen, an vordergründig Erkennbarem. Dabei versuchen Sie, diese Glücks-Unglücks-Momente in einem aktuellen Lebenskontext zu deuten.
    Allein die Glücksmomente möglichst nachhaltig in Erinnerung zu halten, scheint uns zu wenig.

    Wo findet der Mensch das Ur-Vertrauen, die Geborgenheit, wenn Werte-Veränderungen, Beziehungs-Konflikte, sozial und wirtschaftlich instabile Bedingungen das Individuum verunsichern?

    Freundlich grüsst Sie
    das MARANATHA-Team

    .

  • Katja Reppenhagen
    26. Jan 2015 - 17:09 Reply

    Ich bin mir (mit 43 Jahren) noch nicht sicher, was mich mehr „lernen“ lässt und mich mehr beeinflusst: die negativen Erfahrung wie Trennung und Tod eines Familienmitgliedes oder die positiven Erfahrungen wie z. B. bestimmte Verhaltensmuster, die meine Beziehungen „besser“ laufen lassen, weil ich meinen Partner glücklich mache, was wiederum mich glücklich macht. Und was einmal Glück war (Hochzeit) kann später im Rückblick auch der Beginn des Unglücks sein und das ganze Leben in einem anderen Licht erscheinen lassen. Sicher ein vielfältiges und auch philosophisches Thema – und nicht allein mit Psychologie erklärbar.

  • Joana Poloschek
    6. Mai 2015 - 22:23 Reply

    „Für unser Wohlbefinden ist es ein hartes Los, leichter das Glück verlieren als gewinnen zu können.“

    Das stimmt, das kennt vermutlich jede, die nach einem Glücks-Hoch in ein Negativ-Loch gefallen ist.

    Umso interessanter finde ich die Frage: Was können wir tun, um unser Glücks- bzw. Zufriedenheitsgefühl aktiv zu beeinflussen?
    Z.B. Menschen studieren, die eine andere Einstellung zum Leben haben, neueste Erkenntnisse aus der Hirnforschung heranziehen und sich mit der positiven Psychologie beschäftigen.
    Ich bin ein großer Fan von Tschick, aber eines habe ich von Büchern und ihren Autoren gelernt: vertraue besser nie den Autoren, die unglücklich verstorben sind bzw. sich umgebracht haben. Lasse dich stattdessen von den Menschen inspirieren, die in sich Ruhen und Zufriedenheit ausstrahlen.

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