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Über den Wolken

Recline rage war in den letzten Wochen in den amerikanischen Medien ein viel verwendeter Ausdruck. Innerhalb von zwei Wochen mussten drei Flüge umgeleitet werden, weil Passagiere in der Luft ausgerastet waren. Lautstarke Schimpferei, Handgreiflichkeiten, ein geworfener Wasserbecher. Flugsicherheitsbegleiter mussten eingreifen und Hunderte Passagiere kamen erst mit vielen Stunden Verspätung ans Ziel. Der Auslöser war bei allen drei Flügen der gleiche: Streit über die Beinfreiheit. In zwei Fällen hatten sich die Randalierer unbotmäßig eingeengt gefühlt, als der Passagier vor ihnen den Sitz zurückklappte (to recline) und waren daraufhin ausfallend geworden. Im dritten war Krach über einen sogenannten Knie-Schützer ausgebrochen, ein kleines Gerät, das die Rückenlehne vor einem in der Senkrechten blockiert.

Wer wie ich oft in Flugzeuge steigt, muss damit leben, dass man nie genau weiß, was passiert. An Bord hat man vieles nicht unter Kontrolle. Man kann kaum beeinflussen, wer vor oder neben einem sitzt, ob es Turbulenzen gibt, welches Essen man vorgesetzt bekommt, ob die Temperatur zu hoch oder zu niedrig ist. Man muss ertragen, wenn ein Baby stundenlang schreit, der Sitznachbar unter Blähungen leidet oder man auf einen anderen Flughafen umgeleitet wird. Gefangen in einer Metallröhre, dessen Technologie man nur ansatzweise versteht, schwebt man 10.000 Meter über dem Erdboden, ohne vorzeitig aussteigen zu können.

So eingepfercht zu sein, fühlt sich nicht unbedingt angenehm an. Auch wenn ich selbst nicht mit Wasserbechern auf Mitreisende zu werfen pflege, kann ich nachvollziehen, wenn jemand in dieser Situation die Contenance verliert. Und ich leide mit jenen mit, die Ängste entwickeln. Einige Menschen, die mir nahe stehen, befällt bei Flügen regelmäßig das, was Psychologen Beifahrersyndrom nennen: ein übermächtiges Gefühl des Ausgeliefertsein, das mit Symptomen wie Herzrasen, Bauchschmerzen und Übelkeit einhergeht.

Für mich persönlich allerdings hat es durchaus seinen Reiz, die Kontrolle mal abgeben zu müssen. Klar, auch ich habe schon über schlechtes Essen und langwierige Sicherheitskontrollen gewettert, und ich schätze es nicht, dass Airlines immer mehr Passagiere auf immer weniger Raum unterbringen. Doch im Großen und Ganzen fliege ich ausgesprochen gern. Über den Wolken, sang einst Reinhard Mey, müsse die Freiheit wohl grenzenlos sein. Ich dagegen liebe es, in den Himmel aufzusteigen, weil man dort nur begrenzt bestimmen und Einfluss nehmen kann.

Wer mich kennt, weiß, dass ich im Alltag die Dinge eher nicht einfach so laufen lasse. Aber wenn ich an Bord gehe, versuche ich mich zurückzulehnen und die nächsten zwei, vier oder zehn Stunden einfach passieren zu lassen. Mittlerweile sehe ich es regelrecht als Selbsterfahrungsübung an. Zen und andere östliche Philosophien lehren, wie wichtig es ist, die Illusion, alles unter Kontrolle zu haben, aufzugeben; im Augenblick zu leben; Gelassenheit zu lernen. Ein Flug ist ein perfekter Trainingsraum. Ist es wirklich so schlimm, dass ich mit zwei Stunden Verspätung ankomme oder gelingt es mir, mich zu freuen, mehr Zeit für meinen Roman zu haben? Was kann ich durch genaues Beobachten über meine Mitreisenden herausfinden? Ist der so griesgrämig aussehende Mann neben mir vielleicht doch ganz interessant? Wieso kommt mir der gleiche Flug manchmal länger und manchmal kürzer vor? Und was genau geht in mir vor, wenn ich Langeweile habe oder genervt bin? Eine solche Einstellung, habe ich festgestellt, kann bemerkenswerte Wirkungen haben. Stressgefühle lassen nach; ich fühle mich ganz bei mir. Und plötzlich erscheint es mir gar nicht mehr wichtig, dass es in meiner Reihe penetrant nach Schweißfüßen riecht oder wieviel Beinfreiheit mir der Vordermann lässt. Das ist auch eine Form von Freiheit.

 

2 Responses to "Über den Wolken"

  • Angelika Holzhauer
    7. Okt 2014 - 19:02 Reply

    ich genieße das Fliegen ebenfalls, herrlich, wenn das Flugzeug davonbraust und ganz plötzlich aufsteigt. Dieses Gefühl ist einfach unbeschreiblich. Die schönsten Plätze sind für mich am Fenster oder Gang. Ich habe schon oft sehr nette Gespräche geführt. Auch Menschen neben mir gehabt, die aus dem Land waren in das ich gerade unterwegs war. Bei einem Cocktail oder Schnäpschen dann Einladungen erhalten oder es wurden außergewöhnliche Orte und Sehenswürdigkeiten empfohlen.
    Fliegen ist eine der schönsten Reisemöglichkeiten für mich. Man muss aus allem das Beste machen und sollte kleine Unannehmlichkeiten so weit wie möglich ignorieren.

  • Doro
    5. Nov 2014 - 20:45 Reply

    Liebe Annette!
    Erst einmal muss ich dem gesamten Blogteam und dir natürlich im ganz Speziellen mein Lob aussprechen! Ich finde, dass ihr eure Sache hier wirklich fast ausnahmslos sehr gut macht und die Artikel immer wieder ansprechend und informativ sind. Ich sehe das mit dem „über den Wolken“ sein genauso wie du. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nicht gerade eine Jetsetterin bin, aber für mich ist das Fliegen immer etwas Besonderes und lädt mich zur meditativen Entspannung ein!
    Doro

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