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Über den Mangel an (echten) Prioritäten

Julia Specht

Wir laufen den Highway entlang, so schnell es eben geht. Wobei schnell in diesem Fall übertrieben ist. Es sind über 30 Grad im Schatten und mein guter Freund James und ich irren orientierungslos zum nahegelegenen Krankenhaus. Sein Herz scheint zu stolpern. Das hält den freundlichen Muskelmann am Eingang der Notaufnahme allerdings nicht davon ab, uns erst einmal in Ruhe nach Waffen zu durchsuchen, schließlich sind wir hier in einer der gefährlichsten Städte der USA. Absurd.

Wenig später liegt James zwischen zahlreichen Kabeln an piependen Maschinen, die jeden Schluckauf seines Herzens notieren und mit Warnmeldungen markieren. So schnell kann’s gehen: Eben noch plauderte man fröhlich auf der Konferenz, jetzt wird eine Herz-OP geplant. Zum vierten Mal werde ich vom Klinikpersonal gefragt, ob es mir gut gehe, ich sähe nicht so aus, aber das wird schon wieder. Als mentale Unterstützung versage ich jedes Mal im Krankenhaus, aber zumindest mache ich Fotos von den Warnmeldungen und schicke sie James‘ Vater, einem Chirurgen.

Dann naht der Abschied, mein Flieger startet sonst ohne mich. Keine Zeit mehr, das Handyaufladekabel aus dem Hotel zu holen. Keine Zeit, die letzten Testergebnisse abzuwarten. Stattdessen sitze ich wenig später im Flugzeug Richtung Berlin. Und frage mich, was ich hier eigentlich mache, warum ich nicht im Krankenhaus geblieben bin, male mir aus, was gerade alles schiefgehen kann. Es macht es nicht besser, dass James während meiner Zwischenstopps nicht zu erreichen ist. Wie auch, das Handy ist schließlich leer und er liegt verkabelt in der Notaufnahme.

Im Nachhinein frage ich mich, warum sich die Verpflichtung, den Flug zu erreichen, so alternativlos anfühlte, warum man in einer aufwühlenden Situation so merkwürdige Prioritäten setzt. Ähnlich bei Martin, einem Freund, dessen Großvater kürzlich im Sterben lag und der vom Sterbebett abreiste, um am Montag pünktlich bei der Arbeit zu sein. Wahrscheinlich hat das seinen Opa nicht gestört, weil er bereits nicht mehr bei Bewusstsein war. Dennoch erstaunt es, welchen Verpflichtungen wir uns unterwerfen, welche Prioritäten wir setzen.

Ein Exfreund warf mir (berechtigterweise) einmal vor, dass es eine Zumutung für eine Beziehung sei, wenn man einen Termin vereinbaren müsse, um mal ein dreiminütiges Gespräch miteinander zu führen. Es sei beruflich einfach zu viel los, mag mal irgendwie wahr gewesen sein, klingt bei diesem Vorwurf aber mehr als lahm. Und das Problem wiederholt sich. Vor wenigen Tagen schrieb ein guter Freund resigniert: „Im Moment erlauben es unsere Leben vielleicht nicht, dass wir uns häufiger sehen.“ „#waserlaubtschondasleben“, schreibe ich zurück.

Meist kommt man im Alltagstrubel ja kaum dazu, vorsorglich Prioritäten abzuwägen. Ben, ein befreundeter Ökonom, ist der Überzeugung, unser Verhalten sei allein von unserer Antizipation abhängig. Homo oeconomicus at its best. Das psychologische Äquivalent dazu sind Erwartung-mal-Wert-Modelle: Unser Verhalten bestimmt sich danach aus der Bewertung der erwarteten Konsequenzen ebendiesen (und jeden alternativen) Verhaltens. Nur: Selten stehen alle Verhaltensoptionen klar nebeneinander, ebenso wenig wie deren Konsequenzen und Zeit für überlegtes Abwägen ist sowieso nicht. Stattdessen entscheidet das Bauchgefühl, das oftmals überfordert ist und sich dann scheinbar alternativlosen Verpflichtungen ergibt.

Man sollte seine Prioritäten neu sortieren. Um der Intuition eine Richtschnur zu geben, wenn man wieder zwischen zwei schlechten Alternativen entscheiden muss. Oder wenn man wieder etwas Gutes ziehen lassen muss, um etwas anderes Gutes nicht zu verpassen. Es ist ein bisschen wie bei Jankel, der seiner Ziehtochter Brod trotz Geldmangels Bücher kauft, woraufhin sie protestiert und er entgegnet: „Aber wir können uns auch nicht leisten, sie nicht zu haben. Was können wir uns weniger leisten: sie zu haben oder sie nicht zu haben? Meines Erachtens verlieren wir auf jeden Fall. Wenn es nach mir geht, verlieren wir und haben dafür wenigstens die Bücher.“ So ist es auch mit der Zeit: Man hat immer viel zu wenig davon, aber dann sollte man doch lieber keine Zeit haben und sie mit seinen Liebsten verbringen.

Zum Weiterlesen

Brandstätter, V. (2000). Motivation. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.

Foer, J. S. (2003). Alles ist erleuchtet. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch.

 

2 Responses to "Über den Mangel an (echten) Prioritäten"

  • Björn Edler
    22. Jul 2015 - 4:29 Reply

    Seeehr kurz gedacht.
    Ich mache z.B. oft pragmatisch, automatisch waas auf meinem Program steht. Wenn ich darüber nachdenke lande ich vielleicht in einer Entscheidungsschleife und komme zu noch weniger..
    Vielleicht schütze ich mich auch davor Schaden zu nehmen…
    Was ist denn im nachhinein wichtig? Heist es nicht „Jede Entscheidung wird mit den im Moment wichtigsten Argumenten getroffen? Wenn für „wichtige“ Menschen keine Zeit da ist, sind Sie noch sooo wichtig? Da hilft nur : Zeit hat man nicht sondern nimmt sie sich.
    🙂

  • Svenja W
    22. Jul 2015 - 14:37 Reply

    Das sehe ich ein wenig anders. Der Artikel beschreibt sehr treffend die Krankheit unserer Zeit. Das bedeutet nicht, dass jeder gleichermaßen darunter zu leiden hat. Dennoch zeigen sich vielfach daraus resultierende „Symptome“ wie Burnout oder Depressionen. Immer mehr Menschen fühlen sich hinein gezwungen in ein System, das ihnen und ihren Bedürfnissen nicht entspricht.- Von der ständigen Erreichbarkeit und den damit verbundenen Erwartungen der sozialen Umwelt einmal abgesehen. Mit dem technischen Fortschritt wird sich dieses Problem in Zukunft wohl eher noch vergrößern.
    Wer kann, der muss!

    Der eine Typ Mensch kommt besser damit zurecht und ist in der Lage einen kühlen Kopf zu bewahren und bedacht zu handeln… zwischendurch abzuwägen… und der andere Typ Mensch kann das nicht und folgt eher dem, was von ihm erwartet wird, ohne dabei auf sich selbst zu achten. Um bei der Fülle in ihrer Art verschiedener sowie unregelmäßiger Aufgaben noch den Überblick zu behalten, bedarf es gerade bei den Struktur-Bedürftigen ausgiebiger Planung. Diese vermittelt Sicherheit, bedeutet aber bei einem Abweichen von dieser Linie umso mehr Stressausschüttung.

    Der Artikel mag nicht auf jeden Menschen zutreffen, dennoch bin ich mir sicher, dass sich der ein oder andere gut darin wiederfinden können wird.
    Und damit sind in Bezugnahme auf den letzten Kommentar gerade jene gemeint, die von ihrer Veranlagung weniger pragmatisch sind und Probleme damit haben, sich „Zeit einfach zu nehmen“.

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