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Über das Überschätzen psychologischer Ratschläge

Julia Specht

Meist können wissenschaftliche Studien Auskunft über die Allgemeinheit geben, selten aber über den Einzelfall. Eine kritische Distanz zu psychologischen Ratschlägen ist deshalb empfehlenswert.

Manchmal bekomme ich Briefe von Menschen, die ich nicht kenne. Vor wenigen Monaten schickte mir zum Beispiel ein Berliner eine Idee zu meiner Forschung. Seitdem schreiben wir uns hin und wieder und denken die Idee weiter, das ist sehr inspirierend. Häufiger als Ideen bekomme ich allerdings Briefe mit Fragen. Und meist schließen sich diese Fragen an eine ausführliche Beschreibung der Lebenssituation des Schreibenden an. Solche Fragen ehren mich, wegen ihrer unbekümmerten Offenheit und wegen des Glaubens, ich hätte einen psychologischen Rat. Das Problem ist: Oft werden psychologische Ratschläge hoffnungslos überschätzt.

Zum Beispiel war ich vor einiger Zeit auf einer feierlichen Abendveranstaltung mit einem anschließenden köstlichen Buffet. Während ich mir kleine verzierte Gemüseschnitze auf den Teller stapelte, sprach mich ein junger Mann an, er habe gehört, ich sei Psychologin und schreibe über die Liebe, er habe da mal eine Frage. Das klang nach einer spannenden Geschichte. Und so saß ich wenige Sekunden später zwischen dieser ganzen vornehmen Förmlichkeit und lauschte Berichten zu romantischen Höhepunkten (beziehungsweise dem Ausbleiben dieser), verspäteten Liebeserklärungen auf dem Eiffelturm und unerwiderter Liebe.

Und dann folgte die Frage nach dem psychologischen Rat. Schwierig. Ich habe mich natürlich bemüht, bin dann aber doch ans Buffet geflüchtet. Denn es ist ja so: Solche Lebensgeschichten wecken zwar genau die Neugier, die vor zehn Jahren mein Grund für das Psychologiestudium waren, in der Wissenschaft geht es aber kaum um den Einzelfall, sondern meist um allgemeine Zusammenhänge. Mit den Fragen nach Rat kommen dann aber eben nicht Max Mustermann und Lieschen Müller, sondern in den allermeisten Fällen Menschen in ungewöhnlichen Lebenssituationen.

Neulich saß ich mit meiner Freundin Maria im Hotel Seeblick, einem Café in Leipzigs Südvorstadt. Es ging um die Liebe, beziehungsweise um eine verkorkste Situation, in der sie sich befand. Maria ist absolut immun gegen psychologische Ratschläge, schließlich hantiere man ja nur mit Wahrscheinlichkeiten und in ihrem Einzelfall könne alles ganz anders sein. Stimmt natürlich. Aber bei der Wahl zwischen einer Brücke mit einem Einsturzrisiko von 99 Prozent und einer solchen mit einem Einsturzrisiko von 1 Prozent würden die meisten dann doch die zweite überqueren. Einstürzen kann man dabei aber natürlich trotzdem.

Ohnehin sind Ratschläge aus dem Elfenbeinturm mit Vorsicht zu genießen, findet Markus. Mit ihm und weiteren Freunden treffe ich mich einmal im Monat und meist wird sich dann zu den romantischen Highlights der vergangenen Wochen ausgetauscht. Es sind einige Psychologen darunter, Rat lässt also meist nicht lange auf sich warten. Als wir kürzlich im Café Schadé im Wedding saßen und weit über die erste geteilte Rotweinflasche hinaus waren, meinte Markus, es sei doch erstaunlich, dass sich häufig gerade diejenigen beruflich einem Thema widmeten, die in der Realität keinen blassen Schimmer davon hätten. Nun ja, wissenschaftliche Informiertheit ist eben längst noch kein Erfolgsgarant für die Alltagsbewältigung.

Manchmal sind wackelige Brücken sowieso die bessere Option. Ich habe zum Beispiel meine Tochter mit 18 und meinen Sohn mit 21 Jahren bekommen. Dass dies der Weg über die wackelige Brücke ist, zeigen zahlreiche Studien zu den Risiken früher Elternschaft. Und wackelig ist es tatsächlich, aber ganz eingestürzt ist die Brücke nicht. Manchmal muss man eben neue Brücken bauen, wissenschaftliche Ergebnisse sind schließlich auch nur ein Spiegel der Gesellschaft und müssen eben nachziehen, wenn sich die Realität verändert.

 

Zum Weiterlesen

Boden, J. M., Fergusson, D. M., & Horwood, L. J. (2008). Early motherhood and subsequent life outcomes. The Journal of Child Psychology and Psychiatry, 49, 151-160.

Über neue Brücken: Wissenschaft und Familie: Eine Dialogplattform.

Soundtrack zum Blog-Post

Über einen gut gemeinten Ratschlag: „The Cigarette Duet“ von Princess Chelsea

9 Responses to "Über das Überschätzen psychologischer Ratschläge"

  • Nader saleh
    16. Jun 2015 - 15:57 Reply

    Viel erfolg ,ich wunsch beste zukunft fur euren kindern und deutsche nation und einheit.nader saleh Barzani .

  • felicitas
    17. Jun 2015 - 1:50 Reply

    ich fand es viel gespräch und wenig inhalt.
    aber um den heissen brei drum herum reden, können viele psychologen echt gut.
    das ist die feine art sich heraus zu reden und sich somit unangreifbar zu machen…
    ich weiss von nichts,,, 😉

    zusammengefasst: ihr wisst selber oft nicht was ihr tun sollt.

    zudem hab ich die erfahrung gemacht, dass es viele psychologen gibt, die nicht gerne stellung beziehen oder einfach mal nen menschlichen rat erteilen. ihr könntet ja was auf die ohren bekommen als sogenannter psychologe 😉

  • stefanie
    18. Jun 2015 - 12:44 Reply

    Geht es denn nur um bloße Ratschläge? Ich denke nicht. Es geht um weit mehr in solchen Situationen. Der Klient weiß um sich selbst am besten Bescheid, er ist sein eigener Experte, nicht der Psychologe. Dieser hat eigentlich nicht die Befugnis ihm irgendwelche Ratschlage zu erteilen. Diese Handlung spricht dem Klienten im schlimmsten Falle seine Selbstbemächtigung ab. Und grade diese soll er ja wieder erlangen. Der Psychologe sollte diesem eher zur Seite stehen und bei seiner Entwicklung, diese wieder zu finden, begleiten. Nach dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“.

  • Christian
    21. Jun 2015 - 10:33 Reply

    Ich finde es gut, dass Sie darauf hinweisen, wofür PsychologInnen ausgebildet werden. Nämlich zu forschen und mittels standardisierten Diagnoseinstrumemtem zu diagnostizieren.

  • Sabine H.
    23. Jun 2015 - 19:43 Reply

    Also ich sehe das folgerndermaßen: Psychologen sollen bei Problemen ja nicht sagen wie das Ziel pder die Lösung aussehen könnte, sondern helfen zum Weg der Selbstreflexion. Schließlich soll man an sich selber aus eigener Kraft arbeiten. Meine psychologische Beratung hat mir immer sehr geholfen.

  • Gustav
    7. Jul 2015 - 16:06 Reply

    Psychologen können deshalb keine Ratschläge erteilen, weil ihnen eine mehrjährige Ausbildung zum Therapeuten fehlt. Ein Psychologiestudium alleine genügt höchstens für einen Blog.

    Oder um die Menschen in (neu) 3 Persönlichkeitstypen einzuteilen. Dabei hat sich die Dichotomie in diesem Bereich längst als Unsinn herausgestellt. Interessant ist auch, dass Psychologiestudien mit Abstand die grössten Mängel im Wissenschaftsbereich aufweisen. (Auch eine Studie).

  • Aexander
    12. Aug 2015 - 17:31 Reply

    Ehrliche Worte, was den Elfenbeinturm angeht. Und zu der wackeligen Brücke würde ich meinen: Jedenfalls muss man beim Drübergehen weitaus konzentrierter und wacher sein; und das hat ja auch sein Gutes.

  • Manuela
    24. Sep 2016 - 10:02 Reply

    Ich komme nicht zu dir , Bitte nicht auf mich warten ! Ich möchte lernen um ein Mann zu sein und Ruhe zu haben ! Danke .

  • Rainer Schwenkkraus
    22. Nov 2017 - 22:01 Reply

    Wenn auch spät, so freue ich mich dennoch, diesen schönen Beitrag gefunden zu haben,
    zu dem ich mich gerne äussern möchte.

    Ich denke, es kommt sehr stark darauf an, um welche Art psychologischer Ratschläge es sich dabei handelt.
    Wenn es sich um Ratschläge, die in den Bereich der Lebensführung einzuordnen sind handelt, dürfte ein Psychologiestudium nicht besonders hilfreich sein.
    Sind es doch im allgemeinen unsere Erfahrungen, die uns dazu befähigen unsere daraus gewonnenen Erkenntnisse weiterzugeben.
    So waren es früher häufig die Großmütter oder Großväter, die bedingt durch ihre Lebenserfahrung zurate gezogen wurden.
    Auch heute, dürfte dies in manchen Kulturen durchaus noch gebräuchlich sein.
    Allerdings befürchte ich, auch hier haben Ratschläge oft ihre Grenzen, werden sie doch meist durch die eigene Konditionierung verworfen und nicht umgesetzt.

    Zu guter Letzt, bleibt wohl sehr häufig nur der Weg über die eigene Erfahrung, auch wenn dies gelegentlich mit Schmerzen verbunden ist.

    Viele Grüße
    Rainer Schwenkkraus

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