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Über das Scheitern

Lange Zeit hatte das Scheitern einen schlechten Ruf: Besser, man sprach nicht darüber. Heute ist es fast ein Trend geworden, sein Scheitern öffentlich zu machen. Aber bedeutet das auch, dass wir jetzt alle ohne Angst Fehler machen und scheitern dürfen? Im Gegenteil.

Es war eine Art Ritterschlag der Frankfurter „Fuck up Night“ im März dieses Jahres. 1000 Jungunternehmer und die, die es gern geworden wären, lauschten in einem Uni-Hörsaal Christian Lindner von der FDP und der Geschichte seines Scheiterns: Auf dem Höhepunkt des New-Economy-Hypes hatte er die Firma Moomax gegründet. Ziel war es, mit einem Avatar Daten über Kunden zu sammeln – eine Art NSA für Arme, als man noch mit einem Modem ins Internet ging. Es funktionierte nicht. 2001 ging das Unternehmen in die Insolvenz.

Solche „Fuck up Nights“ gibt es regelmäßig in vielen deutschen und internationalen Städten. Sie sind das Lagerfeuer von Leuten, die schon einmal mit Vollgas vor die Wand gefahren sind und nun vor Publikum darüber erzählen.

Das ist zunächst einmal eine sehr kluge Methode: Aus zahlreichen psychologischen Studien ist überliefert, wie wichtig es ist, die Geschichte der eigenen Fehler wieder und wieder zu erzählen. Was berichtet wurde, ist archiviert und abgelegt und hat die Chance, zum normalen Teil der eigenen Lebensgeschichte zu werden. Für jüngere Leute wird das Scheitern zudem zu einer neuen Selbstverständlichkeit. Es gehört zu den prekären Beschäftigungsverhältnissen einer Generation, für die der Wohlfahrtsstaat eine Art Gute-Nacht-Geschichte der Rundum-Sorglos-Elterngeneration ist. Auf den ersten Blick sind diese Treffen in Zeiten, in denen alle kreativ sein sollen, zugleich aber neun von zehn Unternehmensgründungen scheitern, eine wertvolle Idee.

Optimiertes Scheitern

Das Problem liegt woanders. In der Lindner-Story sehen wir alle Zutaten eines zu erfolgreichen Scheiterns: Ein junger Mann hat eine geradezu visionäre Idee, die nur leider zehn Jahre zu früh kommt. Das ist im Subtext naturgemäß im Subtext auch Ausweis seiner visionären Genialität. Lindner scheitert, steht wieder auf, kehrt zurück und wird Parteichef einer Partei, die er nun nicht müde wird, aus dem eigenen abgefuckten Strudel zu retten.

Die Geschichte erinnert an das Silicon Valley: Hier, wo Google, Apple und Facebook residieren, hat sich seit einiger Zeit eine erweiterte Denkschule herausgebildet, die Fail-forward-Philosophie. In einer Kultur, in der das Scheitern angeblich zum Tagesgeschäft gehört wie die Morgenvisite im Krankenhaus, veranstalten sie Konferenzen, auf denen erfolgreiche Musterschüler der Fehlerindustrie ihren Erfolg preisen und das Scheitern in seinen Dienst stellen. Sie behaupten, nur erfolgreich zu sein, weil sie einmal gefallen sind. Das Scheitern wird also herabgestuft zum Mittel zum Zweck. Echtes Leid und wirklicher Schmerz kommen nicht einmal in die Nähe eines Mikrofons. Das ist dann wohl optimiertes Scheitern, der vielleicht schlimmste Versuch der Optimierungsindustrie.

In den USA gilt Scheitern viel stärker als Chance als in Deutschland. Der Einzelne, der etwas erreicht, ist der Held im Erdbeerfeld. Er hat sich nach oben gearbeitet, seine Chancen genutzt – und wenn es nicht klappt, macht er eben etwas anderes. Was soll´s. Die düstere Schattenseite des Versuchens ist die Stigmatisierung derer, die nicht die Möglichkeiten der täglichen Neuerfindung haben. Wer sich der Jagd nach Erfolg nicht anschließen kann oder will, bleibt eben auf der Strecke. Der soziale Tod durch Ausgrenzung droht denen, die sich der Steh-gefälligst-auf-und-lauf-weiter-Vorgabe nicht unterwerfen.

Aus Fehlern lernt man nur selten

Start-up-Unternehmen setzen ihre Teams zwar gerne aus Mitgliedern zusammen, die auf dem jeweiligen Geschäftsfeld schon einmal erfolglos waren, um dann genau diese Fehler zu vermeiden – nach dem Motto: Nur der Patient, der schon einmal klinisch tot war, kann genau die Risiken vermeiden, die ihn in diese Situation gebracht haben. Diese schöne Idee ist aber kaum haltbar. Denn die alte Floskel „Aus Fehlern lernt man“ ist seltener und schwerer umzusetzen, als es der Volksmund glauben machen will.

Ökonomen in Harvard haben in mehreren Studien herausgefunden, dass Unternehmen, die schon einmal Schiffbruch erlitten hatten, später kaum besser als Anfänger handeln und schlechter als Unternehmer, die vorher schon einmal erfolgreich gewesen waren. Von schwedischen Wissenschaftlern kommt zudem die betrübliche Nachricht, dass nicht die Unternehmer die erfolgreichsten sind, die sich als besonders lernfähig erwiesen haben, sondern, dass sich der Erfolg eher zufällig einstellt und Faktoren wichtig wurden, die mit Scheitern und Lernen nichts zu tun hatten: Charakterzüge und soziale Herkunft spielten oft eine viel größere Rolle.[1]

Zusätzlich erschwert wird das Lernen dadurch, dass oft die Ursache eines Fehlschlages kaum zu benennen ist. Alles hat Einfluss auf alles, die kausale Dichte ist kaum zu toppen. Doch unser Denken, das sich an Personen, ihrer Verantwortung und ihrer persönlichen Schuld labt, das in Kategorien von Sieg und Niederlage hantiert, geht einmal mehr an der vernetzten Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts in etwa so weit vorbei wie ein Urlauber, der nach Mallorca will und nach Madagaskar fährt.

Zu überwinden wäre viel eher die Kultur des Negativen, die uns umgibt. Die meisten Firmen loben nicht Erfolge, sondern Fehler, die vermieden wurden. Diese Kulturen verhindern Risikobereitschaft und Innovation, sie sanktionieren Ideen, indem sie das Unterlassen des Falschen belohnen. Gerade in Deutschland sind wir besonders nachtragend, was Fehlentscheidungen angeht. Hier herrscht eine Art Trial-and-Error-Prinzip des Scheiterns. Du hast eine Chance und wenn Du die vergeigst, hast Du gefälligst die Klappe zu halten und Dich nicht mehr blicken zu lassen. Versuche der Rehabilitierung des Gescheiterten werden misstrauisch beäugt. Wie der Schatten eines Rotweinflecks auf einem weißen Hemd, das man absichtlich bei nur 30 Grad gewaschen hat, damit man regelmäßig auf die Tatsache verweisen kann, dass sich der feine Herr doch damals vor Jahren eingesaut hat.

Vielleicht geht es weniger darum, aus falschen Entscheidungen zu lernen – als vielmehr, sich selbst durch Erfahrungen des Scheiterns besser kennenzulernen, die Grundfesten dessen, was man Charakter nennt, zu hinterfragen. Das Scheitern wäre dann ein Anlass, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, sich neu zu erfinden. Wenn Fehler und Scheitern eine Chance sind, dann deshalb, weil man eben gerade nicht schnell aus ihnen lernen kann, sondern weil sie zur tieferen Beschäftigung mit sich selbst zwingen.

Eine Kultur des Scheiterns hieße, sich mutig aus haltloser Position zurückzuziehen und nicht weiter zu strampeln, weil man schon so viel investiert hat. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten: Wer aus dem Hamsterrad fliegt, kann später wieder zusteigen, sich ein langsameres Rad suchen oder am besten gleich aufhören, ein Hamster zu sein.

[1] Zeit Magazin, Nr. 1/2014, 27.12.2013, S. 14

One Response to "Über das Scheitern"

  • Catharina
    13. Jun 2016 - 3:24 Reply

    Dazu fallen mir 2 Dinge ein:

    Einmal, dass ich Scheitern als gute Erfahrung sehe. Dinge in denen ich gescheitert bin, haben mein Leben meist stark verändert. Damals fühlte man sich – an der Sache gescheitert – heute ist es gut so, wie es kam.

    Und das Zweite: Ich war gestern auf einem Event in Berlin. Der Berliner Sänger „Adesse“ sang in seinem Song: „Sorry, es ist mir wirklich nicht egal. Denn manche Fehler macht man eben 10x und lernt nicht dazu. Ich lern‘ nicht dazu. Sorry …. aber ich leb‘ zum ersten mal.“ Und das trifft es auch in meinen Augen.

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