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Über das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren

Julia Specht

Die Kontrolle zu verlieren macht Angst, weil wir dadurch Schlechtes nicht abwenden können. Dabei ist es manchmal hilfreich, einen Kontrollverlust zu akzeptieren.

Gerade dann, wenn wieder eine schreckliche Nachricht die Welt erschüttert, wird häufig daran appelliert, nicht dem Gefühl zu erliegen, die Kontrolle verloren zu haben. So auch kürzlich, als der Terroranschlag auf Charlie Hebdo verübt wurde und unser Bundespräsident beim Neujahrsempfang davon sprach, dass wir „weder ohnmächtig noch hilflos“ seien, dass wir gemeinsam der Gewalt entgegenwirken könnten. In seiner Rede klingt das kraftvoll und es macht Mut. Und natürlich können wir gegen Ungerechtigkeit vorgehen, nur lassen sich Tragödien bei aller Vorsicht dennoch nicht verhindern.

Zurück bleibt deshalb aller guten Worte zum Trotz ein Gefühl von Ohnmacht. Dass Herr Gauck genau dort ansetzt und unsere Hoffnung darauf stärkt, Kontrolle über unser Leben zu haben, mag eine Illusion füttern, aber es kann auch schützen, nämlich vor der sogenannten erlernten Hilfslosigkeit. Erlebt ein Mensch wiederholt oder besonders intensiv das Gefühl von Kontrollverlust, so kann ihn das psychisch krank machen. Ein gefährliches Wissen, dass auf perfide Art und Weise auch bei der sogenannten ‚weißen Folter’ Gebrauch findet.

Es überrascht also nicht, dass eine Vielzahl von Studien mittlerweile belegt, dass es Menschen besser geht, wenn sie das Gefühl haben, Kontrolle über ihr Leben zu haben. Sie sind im Allgemeinen zufriedener, erfolgreicher im Beruf und erfreuen sich besserer psychischer und physischer Gesundheit. Ja, sie erholen sich sogar schneller von schwerwiegenden körperlichen Erkrankungen als Menschen, die beim Genesungsprozess auf Schicksal und Glück vertrauen. Es zahlt sich also aus, an die eigenen Einflussmöglichkeiten zu glauben und den Kontrollverlust zu leugnen.

Als ich dies kürzlich in meiner Vorlesung behandelte, kam anschließend ein Zuhörer auf mich zu. Ein älterer Herr, der nach erfolgreicher Universitätskarriere nun sein Interesse für Psychologie entdeckt hatte und der sinngemäß zu mir meinte: „Ich finde, Sie sprechen zu schlecht über das Glück. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dann bin ich dankbar für das viele Glück, das ich hatte.“ Ich fand diese rückblickende Dankbarkeit über glückliche Fügungen sehr eindrücklich und sie zeigt, dass sich vieles, das sich unserer Kontrolle entzieht, auch Gutes bringen kann.

Den Kontrollverlust zu akzeptieren ist auch dann von Vorteil, wenn ein Mensch mit einem schweren Schicksalsschlag konfrontiert wird. In einer Studie fanden wir, dass Menschen den Tod ihres Partners dann besser verkraften, wenn sie generell glaubten, ihr Leben hinge nicht von ihrem eigenen Tun, sondern vom Glück oder Schicksal ab. Oder um es mit den Worten vom Regisseur Luc Bondy zu sagen, der in jungen Jahren an Krebs erkrankte: „Wir können machen, was wir wollen, das Leben können wir nicht erhalten, es entzieht sich unserer Kontrolle.

Fraglich ist, ob wir in Situationen, in denen unsere Kontrolle offensichtlich versagt, tatsächlich an unsere Kontrollfähigkeit glauben sollten. Oder ob es besser ist, den Kontrollverlust zu akzeptieren. Der, wie der gute Harald Martenstein so treffend bemerkte, auch eine hervorragende Chance sein kann, denn wäre alles unter absoluter Kontrolle, dann wäre das auch eine Abschaffung des Glücks.

Zum Weiterlesen

Mausfeld, R. (2009). Psychologie, ‘weiße Folter’ und die Verantwortlichkeit von Wissenschaftlern. Psychologische Rundschau, 60, 229-240.

Seligman, M. E. P. (1972). Learned helplessness. Annual Review of Medicine, 23, 407-412.

Specht, J., Egloff, B., & Schmukle, S. C. (2011). The benefits of believing in chance or fate: External locus of control as a protective factor for coping with the death of a spouse. Social Psychological and Personality Science, 2, 132-137.

Soundtrack zum Blog-Post

Über unsere überkontrollierte Gesellschaft: ‚Utopie’ von Dota und den Stadtpiraten

4 Responses to "Über das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren"

  • Peter
    25. Feb 2015 - 21:25 Reply

    Für beide Sichtweisen gibt es überzeugte Anhänger, Beweise inclusive. Für mich persönlich hat sich die Überzeugung – du kannst alles sein und haben, wenn du es nur genug (kontrollierst) willst, gewandelt. Die Erleichterung war groß zu erkennen das ich nicht für alles und jedes verantwortlich bin was in meinen Leben passiert und es damit auch nicht kontrollieren muss und will. Es lebt sich wesentlich leichter mit der Vorstellung das es einen vorgegebenen Weg gibt, der je nach Beschaffenheit und Breite mehr oder weniger Spielraum für die persönliche Entfaltung freigibt.

    Selbst wenn der Mensch sein Leben kontrollieren könnte würde eine gelassen, fatalistische Einstellung vermutlich genau das ins Leben bringen was er sich sich am Ende am meisten wünscht:Glück.

  • Yvette Hahmann-Ullrich
    26. Feb 2015 - 1:17 Reply

    Ich glaube auch daran das es besser ist sein Glück selbst zu schmieden anstatt alles nur den Engeln und dem Universum zu über lassen. Daher gehört für mich zur ganzheitlichen Beratung auch die Realität’s Gestaltung. Lg

  • Dr. Ulrich Pietrek
    12. Jul 2016 - 14:58 Reply

    Ist es nicht vielmehr so, dass das Bedürfnis nach Kontrolle als auch der völlige Kontrollverlust (z.B. als Orgasmus) in einem Spannungsbogen liegen, der das Leben erst richtig lustig macht? Ohne Kontrolle keine Sicherheit, aber ohne die Fähigkeit die Kontrolle zu verlieren keine Entspannung. Deshalb sind beide gleich wichtig. Wir benötigen die Sicherheit und das Vertrauen in funktionierende Abläufe, aber ohne das Chaos des Loslassens und die völlige Willfährigkeit keine tiefgehende Lust.
    Wer also lustvoll und gelingend Leben gestalten möchte, der/die benötigt eine Art BIOTRAINING, das beides implementiert: Kontrolle und Lust.

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