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Über Alterspanik

Mein 30. Geburtstag ist zum Greifen nahe. In wenigen Wochen wird der Tag kommen, dem ich seit über zwei Jahren ängstlich entgegen blicke. Genau genommen habe ich mich nie wie 28 oder 29 gefühlt, sondern immer nur wie „fast 30“. Ben, ein guter Freund, findet das überzogen und meint: „Du wirst sehen, 30 werden ist voll easy.“ Er sieht sich damit im wissenden Recht des Älteren, schließlich hat er im vergangenen Jahr sogar die 40 geschafft. Ein Einzelfall ist meine Alterspanik jedoch nicht, stattdessen geht es zahlreichen Twens ähnlich.

„Ich dachte, der 30. stellt ne Hürde dar, solange man es noch nicht ins Erwachsenenleben geschafft hat“, meint Jonathan, auch er ein befreundeter Überdreißiger. Dabei bin ich da längst: Ausbildung beendet, Traumberuf gefunden, Kinder bekommen. Mein soziales Alter hat die Hürde des 30. damit geschafft, das chronologische Alter hinkt also hinterher. Warum dann also dieses Unwohlsein? Ein Resultat des medial promoteten Jugendwahns?

Geburtstage als Meilensteine

Zumindest ist ein Geburtstag, noch dazu ein Runder, ein temporal landmark, ein zeitlicher Orientierungspunkt. Johanna Peetz und Anne Wilson fanden heraus, dass wir solche temporal landmarks nutzen, um Erinnerungen und Ziele zu strukturieren. Auch wenn sich durch die temporal landmark nichts Nennenswertes ändert – wir werden in der Nacht zum Geburtstag nicht plötzlich zu einem anderen Menschen – empfinden Menschen einen Gegensatz zwischen dem Selbst davor und dem Selbst danach. Peetz und Wilson argumentieren, dass das durchaus positiv sei, da es Menschen zu zielorientiertem Handeln motiviert.

Der 30. Geburtstag ist ein Sonderfall, zumindest aus der Perspektive der Entwicklungsaufgaben: Das junge Erwachsenenalter steht im Zeichen der Herstellung von sozialen Rollen (establishing). Es wird sich für Lebenswege entschieden: eine Familie gegründet, ein Beruf gewählt. Im mittleren Erwachsenenalter geht es dann vor allem um das Beibehalten dieser Rollen (maintaining). Und im hohen Alter steht das Anpassen an Verluste im Vordergrund (adjusting). Glücklicherweise ist das Leben heutzutage selten so gradlinig, und verschnörkelte Lebenswege sind weitgehend anerkannt. Dennoch ist der Übergang vom jungen ins mittlere Erwachsenenalter eine Zeit zum Bilanz ziehen.

Das Leben verdichten

Kein Problem, wenn die Bilanz positiv ausfällt. Dann übernimmt sorglos die End of History-Illusion: das Gefühl, man habe sich zwar bisher verändert, hätte mittlerweile aber seinen Endzustand erreicht. Bei mir ist es zu früh für Endzeitstimmung, ich möchte keinesfalls im Jetzt stehenbleiben. Noch mal studieren, zumindest ein Seminar zu Max Frisch belegen. Eine Sprache lernen, Französisch oder Schwedisch, vielleicht beides. Und endlich Klavier. Vielleicht irgendwann auch noch mal alles ganz anders machen. „Mach doch ein Seniorenstudium“, schlägt Simone allen Ernstes kürzlich vor, als wir beim Wein im Barkett zusammensitzen.

Im Gespräch mit der FAZ kommt der achtjährige Jan zu dem Schluss, man solle sich die Zukunft in der Fantasie denken, nicht so, wie sie jetzt ist. Recht hat er. Und man sollte es wie der kürzlich verstorbene Roger Willemsen halten, der meinte: Wenn wir das Leben schon nicht verlängern können, können wir es doch verdichten. Das werde ich tun: Mit dem Auspusten der Geburtstagskuchenkerzen ein noch verdichteteres Leben einläuten. Fantasie dafür ist da, also keine End of History-Illusion für mich. Ich bin bereit, die 30 kann kommen.

Zum Weiterlesen

Hutteman, R. Hennecke, M., Orth, U., Reitz, A. K., & Specht, J. (2014). Developmental tasks as a framework to study personality development in adulthood and old age. European Journal of Personality, 28, 267-278.

Mayer, S. (2016). Die Kunst, stilvoll älter zu werden: Erfahrungen aus der Vintage-Zone. Berlin: Berlin Verlag.

Peetz, J., & Wilson, A. E. (2013). The post-birthday world: Consequences of temporal landmarks for temporal self-appraisal and motivation. Journal of Personality and Social Psychology, 104, 249-266.

Quoidbach, J., Gilbert, D. T., & Wilson, T. D. (2013). The end of history illusion. Science, 339, 96-98.

 

7 Responses to "Über Alterspanik"

  • Anne
    29. Mrz 2016 - 12:42 Reply

    Beim Lesen dachte ich, dass dieser Artikel von einer 50 bzw. 60-jährig werdenden Frau verfasst sein könnte.
    30? Kückenalter …… – natürlich denkt man nach, wenn man 30 wird …. aber diese Sorgen sind doch hier auf hohem Niveau formuliert, zumal die Autorin vieles „erreicht“ hat, um das viel „ältere“ noch ringen …

  • Ein Leser
    29. Mrz 2016 - 15:07 Reply

    Hallo Frau Specht, Hallo Liebe Leser,

    danke für diesen und die anderen Artikel an denen wir hier teilhaben dürfen.

    Nicht nur im 30 werden sondern in all den kommenden Tagen, Wochen, Jahren sollte das persönliche „Tempo“ von einem selbst bei Gelegenheit hinterfragt werden. Wovon ist dieses Tempo eigentlich getrieben? Aus eigenem Interesse, aus Spaß an der Freude diese Dinge noch zu erleben. Oder entdeckt man dabei, dass es mehr von „außen“ kommt und man diesem „Außen“ gerecht werden möchte? Was nicht heißen mag, dass es nicht beides zugleich geben kann, nur ist dies wirklich immer der Fall?

    Viele Fragen, wäre schön wenn jeder diese für sich sowohl kritisch als auch ehrlich beantworten kann. Eine gewisse Leichtigkeit würde zu diesem Thema somit einkehren…

    Gruß
    Ein Leser

  • Meister karin
    29. Mrz 2016 - 22:39 Reply

    Runde Geburtstage tun nicht weh können auch ein hinweis sein das eine oder andere los zu lassen wie ich es in diesm Jahr gerade tue. Wenn du mehr wissen willst schau doch kurz mal auf meinen Blog.
    Happy Birthday

    Karin

  • Lana von Goldenstein
    30. Mrz 2016 - 10:44 Reply

    ich werde 70 ,habe in meinem Leben mehr Tiefen ,wie Höhen erlebt.
    Frage mich oft ,was ich falsch gemacht habe.
    Um mein Leben ein Ende zu setzen, bin ich noch zu feige.
    So lange ich immer ja gesagt habe ,war alles ok ,sage ich nein und wehre mich mal,
    wendet man sich ab.
    So gar meine Kinder. Eine Schulter zum anlehnen habe ich nicht.
    Also, muss ich mich weiter alleine durchkämpfen, bis ich den Mut habe
    zum Aufgeben.

  • Madlen
    30. Mrz 2016 - 22:33 Reply

    Hallo,

    der Artikel kam mir gerade recht, da ich selbst in knapp 4 Wochen 30 werde. Allerdings habe ich nicht diese tollen „Meilensteine“ wie Kinder, Traumjob etc. erreicht habe. Noch nicht mal eine richtige Beziehung kann ich aufweisen! Daher ist für mich dieser Geburtstag wie ein Schlag ins Gesicht bei dem mir klar, wird wie schlimm und unbefriedigend mein Leben verläuft und ich bisher vergeblich versuche alles wieder ins Lot zu bringen.

    Wie also soll ich diesem Jubiläum positiv entgegen sehen?

    Liebe Grüße

  • Jule Specht
    31. Mrz 2016 - 12:58 Reply

    Liebe Madlen,

    vielen Dank für Ihren Kommentar. Vielleicht hilft für ein positives Entgegensehen nicht nur Bilanz zu ziehen, sondern die Gelegenheit zu nutzen um Ziele anzupassen und Prioritäten neu zu sortieren.

    Ein Beispiel: Auch ich habe noch keine langfristige Stelle in meinem Traumberuf gefunden (-> schlecht für die Bilanz), aber zumindest ist das Ziel klar und die Prioritäten darauf ausgerichtet eine solche Stelle zu finden (-> ein positiver Blick in die Zukunft).

    Ganz wichtig finde ich aber auch den Kommentar von ‚Ein Leser‘, denn natürlich geht nicht alles auf einmal: ‚Verdichten‘ muss nicht nur ‚mehr Tempo‘ sondern kann auch ‚mehr Intensität‘ bedeuten.

    Alles Gute!
    Jule Specht.

  • Anke Eva Krüger
    12. Mai 2016 - 20:25 Reply

    Liebe Jule Specht,
    meine letzte GROSSE Geburtstagsparty habe ich mit 30 gegeben und ich spüre auch heute, knapp 27 Jahre später, noch wie ich mich damals gefühlt habe. Den Aufruf “ jetzt musst du vernünftig werden“, was mich für 25 Jahre in einen vermeintlich soliden Beruf geführt hat, aus dem ich mich nun gerade heraus geschält habe.
    Mit 30 war alles ziemlich wild. ANDERE waren so wichtig. Zu wichtig. Wie MAN leben soll. Dass es schwer war NICHT zu heiraten und keine Kinder haben zu wollen, sondern lieber beruflich selbständig zu sein und öfter mal verliebt….
    Die Jahreszahl, die oft übersehen wird und wo es in meinem Leben endlich losging, dass ich so lebe und das tue, was ICH mag, lautet jedoch: 50. Ein völlig unterschätzter, tiefer Wandel. Wenn ich gewusst hätte WIE gut sich das anfühlen kann, hätte ich die Zeit um die 30 noch lockerer genommen.
    Möchte sagen: take it easy ! –

    Und an Lana: vielleicht hilft ein Ortswechsel. Meine Mama ist mit 80J nach 40 Jahren von einer Stadt in eine andere: BERLIN umgezogen und blüht seit 3 Jahren total auf.

    Herzliche Grüße , Anke Eva Krüger

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