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Typisch deutsch, ich? Wirklich nicht!

Fußball ist an sich nicht mein Thema. Aber während der Weltmeisterschaft stieß ich auf einen Artikel, der mir auf wundervoll humorvolle Weise manches über mein Leben im Ausland deutlich machte. In einem Beitrag für CNN erklärte Frederik Pleitgen (der Sohn von Fritz) seinen Lesern die deutsche Fußballseele. Darin beleuchtete er urdeutsche Ausdrücke wie Wadenbeißer („calf-biters“), Blutgrätsche („blood tackles“) und Gurkentruppe („cucumber troop“). Das Entscheidende aber sei Folgendes, schloss der Journalist: „Um deutsch zu sein, muss man Erfolg mit Pessimismus und Kritik begegnen. Nach einem 7:1-Sieg über Brasilien muss man vor Selbstzufriedenheit im Finale warnen und anmerken, dass das Team durchaus seine Schwächen hat.“

Ich musste laut lachen, als ich das las. An sich halte ich mich nicht für besonders pessimistisch. Schwierige Interviews gehe ich gemäß der kölschen Grundregel an: „Et hätt noch emmer joot jejange.“ (Es ist bisher noch immer gut gegangen.) Und wenn der Wetterbericht eine 50-prozentige Regenwahrscheinlichkeit avisiert, lasse ich den Schirm zu Hause. Aber nachdem die deutschen Kicker die Brasilianer in Grund und Boden gespielt hatten, war mein erster Gedanke: „Wenn das mal gutgeht. Hoffentlich heben die jetzt nicht ab.“

Kultureinflüsse sind deshalb so vertrackt, weil man sie bei sich selbst so schwer erkennt. Man hat keine Schwierigkeiten wahrzunehmen, dass in der italienischen Familie im ersten Stock klischeegemäß oft ganz schön laut palavert wird und der japanische Kollege gern um den heißen Brei herumredet. Aber man selbst hält sich doch für ein Individuum mit ganz eigenem Stil, der sich dem nationalen Stereotyp entzieht. Typisch deutsch, ich? Also wirklich nicht!

Solange sich interkulturelle Begegnungen auf gelegentliche Kontakte beschränken, bleibt das eigene Scheuklappenverhalten meist ohne größere Konsequenzen. Anders wenn man tagtäglich mit Menschen aus anderen Kulturen zu tun hat oder gar ins Ausland zieht. Die meisten Probleme in der internationalen Zusammenarbeit, schreibt die Interkulturexpertin Susanne Doser, entstehen nicht dadurch, dass die Partner zu wenig voneinander wissen, sondern dass sie zu wenig Kenntnisse und Einsichten über sich selbst haben, „sich ihrer Wirkung auf Mitmenschen nicht bewusst“ sind.

Ob US-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann die Entrüstung amerikanischer Fans erwartet hat, als er öffentlich kundgab, sein Team habe keine Chance, die Weltmeisterschaft zu gewinnen? Vermutlich nicht. Seine Einschätzung war ja durchaus realistisch. Aber in einem Land, in dem Optimismus und Vertrauen in die eigene Stärke über alles geht, ist so ein Kommentar schwer verständlich. „Er wollte nicht gemein sein, er verhielt sich nur deutsch“, versucht Pleitgen seinen Lesern zu erklären.

Auch ich habe schon mit Verhaltensweisen, die mir völlig „normal“ erschienen, in anderen Ländern erstaunte Blicke hervorgerufen. Was ich als konstruktive Kritik verstand, hielt mein Gegenüber für rüde. Und meine Angewohnheit, auf die Minute pünktlich zu sein, so musste ich lernen, wird nicht überall als Tugend empfunden.

Kurzum: Als Deutscher ist man deutscher, als man denkt. Wer das nicht glaubt, sollte mal seine türkisch- oder polnischstämmigen Nachbarn fragen. Das ist durchaus wörtlich gemeint. Seine „deutsche Seite“, sprich kulturspezifische Werte, Wahrnehmungs- und Urteilsmuster, Verhaltensregeln und Gewohnheiten, kann man am besten – nein, eigentlich nur – im Austausch mit Menschen aus anderen Kulturen entdecken. Und das lohnt sich, wie ich finde: Nicht nur um zukünftig Missverständnisse zu vermeiden, sondern auch, weil man sich dann selbst viel besser versteht.

 

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