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Trump-induziertes Angstsyndrom

Der Mann im mittleren Alter, den der Werbespot zeigt, ist erkennbar durch den Wind. Man sieht, wie er gegen aufsteigende Ängste kämpft, sich rastlos im Bett wälzt, aufgebracht ins Handy schreit. Eine freundliche weibliche Stimme fragt die Zuschauer, ob sie ebenfalls unter depressiven Stimmungen, Panikgefühlen, Schlafstörungen oder Reizbarkeit litten, und warnt, dies könnten Hinweise auf ein Trump-induziertes Angstsyndrom, kurz TIAD, sein. Dann beruhigt sie, das verschreibungspflichtige Medikament Impeachara könne helfen, die Symptome von TIAD abzumildern. Indem es auf Neurotransmitter und visuelle Rezeptoren wirke, überzeuge es den Patienten, dass US-Präsident Donald Trump bereits des Amtes enthoben sei. Man sieht, wie der Mann eine Nachrichtensendung mit entsprechendem Inhalt im Fernsehen verfolgt und sich dann zufrieden nickend wieder den Freuden des Lebens widmet. Eine Zeitlang habe es in ihm ziemlich dunkel ausgesehen, sagt er dann in die Kamera, aber jetzt sei er wieder glücklich. Abschließend fordert die Frauenstimme auf: „Fragen Sie Ihren Arzt, ob Impeachara auch Ihnen helfen könnte – aber tun sie es schnell, bevor Sie Ihre Krankenversicherung verlieren.“

Das Video des Hollywoodregisseurs Sam Friedlander, das bislang auf YouTube mehr als 1,2 Millionen Mal angeklickt wurde, ist natürlich eine Parodie. Eine offizielle Krankheit namens TIAD und das Medikament Impeachara gibt es nicht. Aber das psychische Wohlbefinden vieler Menschen in den USA hat seit der Wahl in der Tat deutlich gelitten, warnen Psychologen. So gaben in einer Umfrage der American Psychological Association (APA) im Januar 57 Prozent der Befragten an, das momentane politische Klima stelle für sie eine gewisse oder gar bedeutsame Stressquelle dar; 66 Prozent fühlen sich gestresst, wenn sie an die Zukunft denken. Mehr noch: Erstmals seit 2006, als die APA mit diesen regelmäßigen Befragungen begann, ist das durchschnittliche Stressniveau signifikant angestiegen, nachdem es jahrelang rückläufig war. Und nicht nur Trump-Gegnern schlägt die momentane Regierung auf die Seele. In einer von der Onlineplattform CareDash im März in Auftrag gegebenen Befragung berichteten 43 Prozent von Trump-Wählern, aufgrund des Wahlausgangs litten sie unter Ängsten; 42 Prozent stimmten der Aussage zu, der Präsident trage dazu bei, dass sich mehr Menschen ängstlich fühlten.

Auch wir und unsere Chicagoer Nachbarn fühlen den Druck und schwanken ständig zwischen ungläubigem Kopfschütteln und Empörung. Schon der sich ewig hinziehende schrille und teils bösartige Wahlkampf zehrte an den Nerven, aber seit dem Amtsantritt Trumps im Januar ist das politische Klima eher noch belastender geworden. Jeder Tag bringt Neuigkeiten aus dem Weißen Haus über fragwürdige, irrationale oder gar gefährliche Manöver. Bislang für selbstverständlich gehaltene Grundsätze über Fakten und Rationalität scheinen nicht mehr zu gelten. Man hat das Gefühl, der Boden würde einem unter den Füßen weggezogen und man müsse ständig alarmbereit sein.

Glücksforscher sagen, viele Menschen würden unterschätzten, wie wichtig die Qualität von Staat und Regierungsführung ihres Landes für die Zufriedenheit ist. Ich gebe zu, auch mir war nicht bewusst, dass Faktoren wie die Fähigkeit der Regierung, vernünftige und fundierte Maßnahmen zu formulieren, und ihre Glaubwürdigkeit, diese auch umzusetzen, eine so große Wohlfühlwirkung haben. Das mag daran liegen, dass ich es bislang noch nie erlebt habe, weder in Deutschland noch in den Jahren hier in den USA, dass eine neue Regierung so viel Unsicherheit und Chaos erzeugt. Nun stelle ich mit gewisser Überraschung fest, wie sehr mich die Trump-Präsidentschaft emotional beeinflusst, und das obwohl ich persönlich nichts Schwerwiegendes zu erwarten habe. Wie muss es erst den Kindern von mexikanischen Immigranten ohne Papiere gehen, die Angst haben, wenn sie aus der Schule kommen, sind die Eltern in Deportationshaft? Oder Menschen mit gravierenden Krankheiten, die fürchten müssen, ihre Krankenversicherung bald nicht mehr bezahlen zu können?

Auch ohne Impeachara träumen hier viele Menschen (so wie ich) davon, Trumps Präsidentschaft könnte vorzeitig enden. Wirkungsvoller mögen allerdings die Maßnahmen sein, zu denen Psychologen raten. Dazu gehört, auf News-Diät zu gehen und CNN & Co. zumindest zeitweise auszublenden. Auch aktiv zu werden, indem man beispielsweise auf Demonstrationen wie den March for Science geht oder sich ehrenamtlich engagiert, könne das Wohlbefinden steigern. Eine vielleicht tröstliche Botschaft für jene, die sich momentan frustriert oder ängstlich fühlen, schreiben Carol Graham und Serge Pinto vom Brookings Institut: „Manchmal kann zeitweiliges Unglücklichsein ein Treiber für positiven Wandel sein (und höhere Zufriedenheit in der Zukunft).“ Letzte Woche habe ich angefangen, mich über Organisationen zu erkundigen, die neu ankommenden Flüchtlingen in Chicago helfen.

One Response to "Trump-induziertes Angstsyndrom"

  • Katja
    26. Jul 2017 - 15:50 Reply

    Hallo Annette,

    Toller Beitrag! Du hast mir schon in den ersten Zeilen ein Grinsen aufs Gesicht gezaubert- danke dafür 🙂
    Verrückt, was alles Einfluss auf unsere Psyche nehmen kann! Vielleicht interessiert dich ja der Blog, an dem ich mit meinem Team gerade zum Thema Psychologie arbeite. Schau gerne vorbei 🙂

    Liebe Grüße aus dem verregnetem Berlin,

    Katja

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