Go to Top

Think negative!

Julia Specht

Bauchgefühl und Selbsthilfe-Literatur raten leichtfertig zum Optimismus. Dabei sollten wir eine Prise erfrischenden Pessimismus wagen und damit unerreichte Ziele greifbar machen.

Jean-Claude Juncker dürfte nun gelassen sein. Denn nach dem europäischen ‚Ja!‘ für seine Kandidatur und etwas Gegockel der europäischen Regierungschefs über das für und wider dieser Personalie, darf er sich seit zwei Wochen als designierter Kommissionspräsident fühlen. Bis zum Amtsantritt im November bleibt noch etwas Zeit, aber was damit anfangen, als Mann ohne besondere Hobbies? Die Ruhe vor dem Sturm bietet sich an, um bereits an der Antrittsrede zu basteln, in der er Kommission und Zukunftspläne vorstellen wird (wie das in etwa aussehen könnte, zeigt seine Bewerbungsrede). Denn darin steckt erstaunliches Potential für die Gestaltung der Zukunft Europas. Allerdings nicht so, wie gemeinhin erwartet.

Denn während Lebenshilfe-Ratgeber munter einen hoffnungsvollen und optimistischen Blick in die Zukunft empfehlen, entpuppt sich eben diese Herangehensweise für die Antrittsrede als gänzlich ungeeignet. Wie Timur Sevincer mit Kolleginnen kürzlich feststellte, führt ein positiver Blick in die Zukunft dann nämlich zum Wirtschaftseinbruch. Unter die Lupe nahmen die Wissenschaftler insgesamt 21 Antrittsreden von US-Präsidenten zwischen 1933 und 2009 und stellten fest: Ein optimistisch gestimmter Präsident riskiert eine baldige Minderung des Bruttoinlandsproduktes und eine Erhöhung der Arbeitslosigkeit.

Damit dürften die Querelen um seine Kandidatur Herrn Juncker genau in die Gemütsverfassung gebracht haben, die seiner obersten Priorität, Wachstum und Beschäftigung, zu Erfolg verhelfen könnte, jedenfalls sofern sie sich in seiner Antrittsrede niederschlägt. Doch warum mindert ein positiver Blick in die Zukunft die Wirtschaftsleistung? Natürlich nicht wegen der Worte, sondern wegen der folgenden Taten. Oder besser: dem Ausbleiben der Taten. Denn das belegt mittlerweile eine Vielzahl an Studien: Gedanken an eine rosige Zukunft mindern die Bemühung, dieses Ideal Realität werden zu lassen.

Das gilt nicht nur für die Gesellschaft im Ganzen, sondern auch für den Einzelnen, der eine Diät verfolgt, sich von einer Operation erholt oder auf Jobsuche ist, wie Gabriele Oettingen zusammenfasst. Entgegen der landläufigen Intuition, wirken positive Aussichten nicht inspirierend und motivierend, sondern lähmen stattdessen den Tatendrang. Die Tücke liegt hier im Detail: Der Fokus auf der idealen Zukunft schadet mehr als dass er hilft, der Fokus auf dem Weg zum Ziel dagegen hilft, dieses auch zu erreichen, genauso wie die Überzeugung, gesteckte Ziele auch tatsächlich erreichen zu können.

Der Optimismus geht der Rezession also voran, doch auch die Wirtschaftskrise bleibt nicht folgenlos. Während in wirtschaftlich schweren Zeiten der Konsum erwartungsgemäß sinkt, steigen zumindest die Ausgaben für weibliche Beauty-Produkte, eine Beobachtung, die als Lipstick-Effekt bekannt wurde. Eine Erklärung dafür liefern die Studienergebnisse von Sarah Hill und Kollegen: Durch die geringere Anzahl wohlhabender Männer steigt, veraltete Rollenmodelle hin oder her, die Konkurrenz zwischen Frauen um die wenigen verbliebenen gutbetuchten Herren. Dieser erhöhte Wettbewerb wiederum steigert spezifisch die Ausgaben, die vermeintlich die weibliche Attraktivität erhöhen.

Wirtschaftlicher Erfolg scheint ein trister Begleiter, folgt er doch auf einen pessimistischen Blick in die Zukunft und läutet den Rückgang weiblicher Balzbemühungen ein. Recht hat, wer hier von einem Luxusproblem spricht. Bleibt zu hoffen, dass diese Blog-Prognose schwarzmalerisch genug ausfällt, um uns eine glänzende Zukunft zu bescheren.

Zum Weiterlesen

➲ Hill, S. E., Rodeheffer, C. D., Griskevicius, V., Durante, K., & White, A. E. (2012). Boosting beauty in an economic decline: Mating, spending, and the lipstick effect. Journal of Personality and Social Psychology, 103, 275-291.
➲ Oettingen, G. (2012). Future thought and behaviour change. European Review of Social Psychology, 23, 1-63.
➲ Sevincer, A. T., Wagner, G., Kalvelage, J., & Oettingen, G. (2014). Positive thinking about the future in newspaper reports and presidential addresses predicts economic downturn. Psychological Science, 25, 1010-1017.

Soundtrack zum Blog-Post

Ein Klassiker über erfrischende Destruktivität: ‚Annabelle, ach Annabelle‘ von Reinhard Mey

 

3 Responses to "Think negative!"

  • Hauke Steen
    29. Jul 2014 - 14:24 Reply

    Wer meint, dass Aktionismus, Konsum, Wohlstand im materiellen Außen zufrieden macht und das Ziel des seelischen Strebens ist, der soll dem Inhalt Glauben schenken. Ich kümmere mich lieber um meinen inneren Reichtum.

  • jule schreibt.
    15. Sep 2014 - 14:47 Reply

    […] Bauchgefühl und Selbsthilfe-Literatur raten leichtfertig zum Optimismus. Dabei sollten wir eine Prise erfrischenden Pessimismus wagen und damit unerreichte Ziele greifbar machen. → Weiterlesen im Psychologie Heute-Blog […]

  • hans dietgen
    7. Feb 2015 - 22:57 Reply

    sehr geehrte frau professorin specht, ihre beiträge , ihre einträge , ihre kommentare , ihre schreibweise

    haben mich sehr beeindruckt. stundenlang habe ich ihre werke gelesen und mir gefallen ihre

    treffsicherheit , ihr feiner und trockener humor und ihre gedankenwelt.

    ich melde mich in kürze nochmals per e-mail. mit freundlicher begrüssung hans dietgen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.