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Terrortourismus: Geborgen in der Hölle

Wir haben uns an die Nachricht gewöhnt, dass Tausende junger Männer aus westlichen Ländern aufbrechen, um dem IS-„Kalifat“ ihre Dienste anzubieten und für dessen Version des Islam zu kämpfen. Und zu sterben – das Risiko ist nicht gering, und nachweislich werden die „Westler“ bevorzugt in Selbstmordkommandos verheizt. Über Gründe, warum sich jemand in der gottverlassenen syrischen und irakischen Wüste einem völlig verrohten, fanatischen Regime zur Verfügung stellt, wird viel spekuliert und geschrieben. Wer dient freiwillig einem Regime, das nicht nur alle „Ungläubigen“ vernichten und „fremde“ Kulturgüter zerstören will, sondern auch ganz alltäglich foltert, verstümmelt, vergewaltigt, köpft und kreuzigt? Den „eigenen“ Leuten zwingt der IS ein Leben auf, das durch eine perverse Mischung aus Brutalität, Privilegien und bürokratischer Gängelung charakterisiert ist. Grausig ist`s Dschihadi-Leben, scharia, scharia ho!

Es sei „Sinnsuche“ und / oder die Sehnsucht nach Anerkennung, nach brüderlicher Gemeinschaft und Glaubensgewissheit, was junge Ahnungslose und weltanschaulich Verwirrte dorthin treibt. Die Beichten und Selbstauskünfte von Aussteigern und Rückkehrern wären der Stoff, aus dem – wenn sie sorgsam genug ausgewertet würden – sich allmählich schlüssige Erklärungsmuster stricken ließen. Natürlich gibt es für junge Männer gewisse Anreize: Abenteuer,  Geld und Macht, das Ausleben von Gewaltfantasien und die sexuelle Ausbeutung weiblicher Sklaven. Ein Handbuch mit dem so sachlich klingenden Titel „Die Frau im Islamischen Staat“ regelt diesen Teil explizit. Selbst diese Hölle hat ihre Regeln: Ab dem Alter von neun Jahren dürfen erbeutete Frauen, nun ja, benutzt werden.

Genau diese ungeheure Frauenverachtung wirft ein noch größeres Rätsel auf: Was motiviert junge Frauen, sich in die Herrschaft von Männern zu begeben, die ihre fundamentale Misogynie gar nicht deutlich genug machen können? Die Paderborner Islamwissenschaftlerin Hamideh Mohagheghi glaubt, dass junge Frauen, die dem Islam anhängen, darin etwas Gottgewolltes sehen – das sie zudem davon befreie, sich immer wieder selbst definieren zu müssen. Die westliche Welt erscheine ihnen als konsumorientiert, verlogen, gottlos und verdorben. Dort – beim IS – erwarte sie Gemeinschaft und Versorgung. Mohagheghi warnt vor solchen Illusionen: „Ihr seid Bettfutter und Kanonenfutter!“

Vielleicht greifen solche vernunftbasierte Appelle einfach zu kurz. Eine Studie des amerikanischen Institute for Strategic Dialogue mit dem Titel Becoming Mulan? Female Western Migrants to ISIS konstatiert eine starke romantische Komponente in den Entscheidungen junger Frauen für den IS. „Mulan“ ist eine Disney(!)-Zeichentrickfigur, die nun als Fantasie in den Köpfen muslimischer Mädchen herumspuke: als heldenhafte Kämpferin an der Seite eines Mannes, wie Löwin und Löwe, für den Glauben zu kämpfen.

Psychologisch noch aufschlussreicher erscheint mir die Analyse der Rekrutierungstechniken, mit denen der IS um junge Frauen wirbt. Und zwar erfolgreich und – Fluch und Segen der Moderne – fast ausschließlich über das Internet und seine „sozialen“ Medien. Eine Fallgeschichte in der New York Times vom 29.6.2015 zeigt, wie eine junge Frau im amerikanischen Mittelwesten das Ziel systematischer, raffinierter und wahrscheinlich erfolgreicher Anwerbung wurde: Sobald auch nur ein flüchtiges Interesse am Islam aufgespürt wurde, beginnt ein Agent des IS sich als „Freund“ an die Zielperson festzukrallen. „Monzer Hamad“, so heißt der Agent, wittert die psychische Labilität, die innere Einsamkeit und Unsicherheit wie ein Hai das Blut des Schwimmers. Er zeigt Interesse, hilft und belehrt wie ein großer Bruder – geduldig, einfühlsam und sogar humorvoll. Solch ein Interesse an ihrer Person hat die junge Frau noch nie erlebt.

Eine enge Bindung entsteht, stundenlang und monatelang wird gechattet und geskypt. Als die junge Frau – in ihrer nun entflammten Begeisterung für den Islam – sich einer Moschee in ihrer Region anschließen will, wird Hamad jedoch böse: Das seien falsche Muslime. Der wahre Glaube werde nur im IS gelebt. Und dahin versucht er nun, immer intensiver und konkreter werdend, die Frau hinein zu ziehen. Reagiert sie mit kritischen Fragen oder Zweifeln, gibt er sich enttäuscht oder wird kalt und böse. Inzwischen ist die Bindung so eng, dass er sehr wirkungsvoll mit dem Entzug seiner Zuwendung drohen kann. Er ist längst zu einer Art Führungsoffizier geworden. Und schließlich hat er sein Opfer so weit: Er schlägt der Frau die Heirat eines Glaubensbruders vor (eines, wie er sogar zugibt, eher hässlichen, älteren Mannes!), sie willigt ein in das Abenteuer ihres Lebens, und er beginnt, die Details der Reise in die Türkei mit der Frau zu planen.

Die IS-Rekrutierung gleicht in ihren Basistechniken einer Gehirnwäsche, wie sie auch andere religiöse Sekten anwenden. Wer aber ist anfällig für diese Werbung? Wie kann eine junge Frau, die stark in ihrem christlichen Glauben verwurzelt war und in der Sonntagsschule unterrichtete, trotzdem so bereitwillig ihr bisheriges Leben aufgeben? Auf eine Kurzformel gebracht, lautet das Fazit des NYT-Berichts: große Langeweile, soziale Isolation, geistige Unterforderung, vage Sehnsüchte nach Partnerschaft und Bindung.

Die Selbstbestimmungstheorie der Persönlichkeitspsychologen Edward Deci und Richard Ryan bietet ein gutes Raster, um auch „unbegreifliche“ menschliche Entschlüsse zu begreifen. Sie besagt: Menschen brauchen, um ein glückliches oder erfülltes Leben führen zu können, drei seelische „Vitamine“, die Erfüllung dreier Basisbedürfnisse:

– nach Autonomie (Selbstbestimmung, Freiheit)
– nach Kompetenz (Entfaltenkönnen von Fähigkeiten und Talenten, sich selbst als „wirksam“ erleben)
– nach Zugehörigkeit (Anerkennung durch und positive Bindung an andere Menschen, Erfahrung von Respekt, Lieben und Geliebtwerden).

Ein Großteil menschlichen Verhaltens sei erklärbar durch die Versuche, sich diese drei Bedürfnisse zu erfüllen. Man könnte hinzufügen: Koste es, was es wolle.

Bedürftig und damit anfällig für „Angebote“ wie die des IS sind nach dieser Theorie vor allem junge Menschen, die sich noch nicht damit abfinden wollen, dass diese zentralen Sinn- und Glücksfaktoren in ihrem Leben nicht oder nicht ausreichend vorkommen. Das mag zunächst etwas unterkomplex klingen. Aber die Analyse jedes einzelnen Falles wird sicher auf einen schmerzlichen empfundenen Mangel stoßen, der ein idealer Ansatz für Rattenfänger ist – und nicht nur für die des IS.

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