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Stellt Euch vor!

                   Imagine there is no countries

                   It isn´t hard to do

                   Nothing to kill or die for

                   And no religion too

John Lennon

Dieser kosmopolitische Traum aus den 1960er Jahren – stell Dir vor: keine Grenzen mehr, keine Religion, keine gewaltbereiten Nationalismen – ist gerade fürchterlich unter die Räder gekommen. Auch und gerade dort, wo der Traum schon Wirklichkeit geworden schien, in den säkularen, liberalen Demokratien des Westens. Warum? Antworten werden derzeit fieberhaft gesucht. Und eine, auf die sich die meisten einigen können, lautet in Kurzform etwa so: Grenzenlosigkeit ist anscheinend nicht für alle gut. In ihrer Erscheinungsform „Globalisierung“ ist sie sogar zum Schlüsselbegriff der gegenwärtigen politischen Krise geworden. No countries? Das ist heute vor allem ein Gewinnverschiebungs- und Steuervermeidungsmodell, die Geschäftsgrundlage der Multis und „Eliten“.

Und wenn die Moderne uns immer häufiger disruptive Erfahrungen zumutet und der technische Fortschritt vor allem als Bruch, als unvermittelte „kreative Zerstörung“ daher kommt – dann muss man sich nicht wundern, wenn die Modernisierungsverlierer sich an das halten, was noch Halt verspricht. Und das ist derzeit sicher nicht die Lennon-Utopie. Der 2009 gestorbene Soziologe und FDP-Politiker Ralf Dahrendorf sprach im Hinblick auf die Moderne vom schwierigen Verhältnis von „Ligaturen“ und „Optionen“. Ligaturen sind jene tiefen Bindungen, ohne die die Menschen nicht durch die Welt der Optionen navigieren könnten. Das heißt: Um die Chancen und Freiheiten der Moderne wahrzunehmen, braucht man mehr denn je Sicherheit, Eingebundensein in Gemeinschaften, Zugehörigkeit und Solidarität. Dass all das dramatisch verschwindet, dass Religion, Familie, Heimat, Parteien und Gewerkschaften und viele anderen Ligaturen ihre Bindekraft verlieren, dass jedoch der kosmopolitische Traum kein Ersatz dafür ist, hat Dahrendorf in einem Text aus dem Jahre 1994 vorhergesagt: Das Zerbrechen der Ligaturen und die Utopie der Weltbürgergesellschaft. 

Weltbürgerschaft, Grenzenlosigkeit, Konvergenz von Kulturen und Lebensentwürfen – das war, aufs Ganze gesehen, ein doch recht kurzer Traum, geträumt von denen, die begünstigt, gebildet und begütert genug waren, um ihn zu genießen. Was von Soziologen wie Dahrendorf oder auch Ulrich Beck („Weltrisikogesellschaft“) als  Entwurzelung und Entgrenzung durch die Moderne beschrieben wurde, bedeutet in der Lebenswirklichkeit all zu vieler Menschen den Verlust von Sicherheit, Kontinuität, Verlässlichkeit, Berechenbarkeit. Die letzten Reste noch vorhandener solidarischer Strukturen werden jedoch entwertet, „dereguliert“ oder zerschlagen. In diese Lücke springen die Populisten: Die „Eliten“, so behaupten sie, verachteten die „Abgehängten“. Und sie hätten nichts zu bieten, was „das Volk“ zusammenhält, höchstens den abgenagten Knochen eines „Verfassungspatriotismus“. Und erst recht habe das in Verteilungsbürokratie versackte und von konzernhörigen Technokraten verhunzte Projekt Europa seine Daseinsberechtigung verloren.

Da ist viel dran. Trotzdem bleibt die Frage: Warum gibt es keinen „linken“ Aufstand? Was macht die reaktionären, autoritären, identitären, auch offen rassistischen Populisten für eine bedrückend schnell wachsende Zahl von Menschen so attraktiv? Warum grassiert länderübergreifend die Sehnsucht nach dem „starken Mann“? Was löst das ungeheure Maß an Paranoia, Hass, Projektion, Rassismus aus? Warum suchen so viele ihr Heil in fifty shades of brown, also in Ausgrenzung, Tribalismus, Nationalismus, rassischen und kulturellen Reinheitsfantasien?

Eine psychologische Teil-Erklärung liefert beispielsweise die Selbstbestimmungstheorie der Sozialpsychologen Edward Deci und Richard Ryan: Menschen haben das elementare Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Sie wollen von anderen gesehen, anerkannt, respektiert werden, und sie wollen Teil eines größeren Ganzen sein. Wird ihnen das auf „normalem“ Wege verwehrt, sind also die herkömmlichen Ligaturen weggebrochen oder entwertet, suchen sie sich andere. Und nehmen, was sie kriegen können. Das Angebot besteht, um in der Soziologensprache zu bleiben, in Ersatz-Ligaturen: Nation, ethnische Identität, Religion, „Leitkultur“ sind die alten, neuen Chiffren für Wir gegen die – und Du, Biodeutscher, polnischer Katholik, nationalstolzer Franzose, frommer Türke, neo-orthodoxer Russe, exzeptioneller Brite, gehörst zu uns!“ Das ist nichts Neues, das hat historisch schon viele Male „funktioniert“.

Was tun? Ein rationaler Dialog über die zu lösenden Probleme, ein demokratischer Wettbewerb der Ideen – auch das ist so ein liberaler Traum, der gerade zerstiebt. Denn der Extremismus nimmt zu, und er wird noch verstärkt durch ein Phänomen, dass in der Sozialpsychologie als Gruppenpolarisierung beschrieben wird: eine wachsende Selbstradikalisierung von Gruppen findet statt, wenn andere Meinungen immer stärker ausgeblendet werden können.

Schlimmer noch: Auch in der Binnenkommunikation der Gleichgesinnten findet eine Nivellierung der noch vorhandenen Unterschiede statt – jeder Zweifel, jeder Widerspruch wird weggebügelt. Der Sozialpsychologe und Politikberater (für die Regierung Obama), Cass Sunstein, schrieb am 14. Dezember in seinem FAZ-Artikel mit dem Titel „Jede Sekunde wächst der Extremismus“: „Das Internet ist ein Nährboden des Extremismus, weil es Gleichgesinnte zusammenführt und es leicht macht, missliebigen Ansichten auszuweichen. Wiederholter Druck zu einem extremen Standpunkt, verstärkt um die Suggestion, dass viele Leute diesen Standpunkt teilen, wird … absehbar dazu führen, an diesen Standpunkt zu glauben. Für die Demokratie ist dies ein großes Problem.“

Heute, wo Unvorstellbares wahr wird (Trump ist Präsident), müssen wir unsere Fantasie wieder auf das anscheinend Undenkbare, auf die Dystopie richten. Zum Beispiel auf die weltweite Herrschaft der Lüge. Stellt sie Euch vor!

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