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Sometimes I have a dream

Schaut man sich im Fernsehen eine beliebige Tagesschau an (was ich nur mit großem Abstand empfehle), muss es einem zuweilen Angst und Bange werden, ob der offenbar unausweichlich auf unsere Kinder und Enkel zukommenden ökologischen und gesellschaftlichen Desaster. Erhaltet die Artenvielfalt? Rettet den Regenwald? Stoppt die Plünderung der Meere? Begrenzt den CO2-Ausstoß? Hat noch jemand tatsächlich Hoffnung, dass außer Konferenzen und schönen Erklärungen weltweit eine Umkehr stattfinden könnte?

Aus Gründen der Selbstachtung geben wir nicht auf: die verantwortungsbewussten Wissenschaftler nicht, die engagierten Christen nicht, die besorgten Bürger nicht. Ich nicht. Man darf die Fackel trotz allem Zynismus der Geschichte nicht ins Feld werfen – unsere Vorfahren haben es nicht getan, und wir tun es nicht! Videoaufnahmen zeigen: Acht von zehn Flugpassagieren geben einen absichtlich auf den Boden geworfenen Ring am Check-in-Schalter ab, auch wenn sie ihn einstecken und wegfliegen könnten. Wir wollen das Gute – nur, wer stoppt die bösartigen Narzissten im politischen Sandkasten, die unser Bemühen pervertieren? Wer durchschaut das in den bürokratischen und digitalen Systemen lauernde Böse, die Mechanismen, die uns ungewollt voneinander entfremden?

Montesquieu entwarf das Modell der Gewaltenteilung und damit die Grundlage für Demokratie. Statt das Gute zu wollen, teilen wir das Böse zum Besten aller – bis jetzt der beste Vorschlag aus der Ecke der Philosophie, die sich gemeinhin lieber um sich selber dreht, als sich beherzt einzumischen. Warum nur träume ich als Laie und schrecklicher Vereinfacher davon, die Psychologie würde auch einmal über ihren Schatten springen und Partei ergreifen? Wie viele Millionen Psychologen wirken weltweit und bewirken bestimmt Segensreiches – aber wo bleiben sie auch nur im Ansatz mit einer „gemeinsamen Stimme“ zu den drängenden Fragen unserer Zeit? Wie lauteten die Themen internationaler Psychologiekongresse der letzten Jahre, die jedes Mal Tausende hochkarätige Fachleute um den halbe Globus jetten lassen? „Das Ich im Lichte neuerer Ergebnisse der Hirnforschung“? „Unsere Gene – Hoffnung oder Geißel?“ „Glück und Unglück des Singles im urbanen Raum?“ Oder einmal mehr: „Freud, 100 Jahre danach“. – Warum nicht einmal auch: 100 Jahre nach 1914?

Und wenn ich der einzige bin, der so einfach tickt – der mit aller Kunst des psychologischen Metiers gerichtete Blick auf den eigenen Nabel kontrastiert mir zuweilen schräg mit den buchstäblich brennenden Themen der Gegenwart. Es kommt mir nicht nur auf dem Gebiet der Psychologie so vor, als würden wir noch Löffel, Gabeln und Messer fein säuberlich in die Geschirrschublade räumen, während sich die Titanic schon auf die Seite neigt. Krankt die Psychologie am Spaltpilz eigener Glaubensrichtungen und realitätsfremder Selbstbespiegelungen? Was ist es nur, was die Millionen Psychologen so mundtot macht vor den konkreten Ursachen der psychischen Leiden?

Gewiss, es ist doch gerade die Stärke der Psychologie, bei ihren Leisten zu bleiben und sich weder als Ersatzreligion noch als Weltrettungsinstitution herzugeben. Unparteilichkeit als Stärke, ähnlich der „Ärzte ohne Grenzen“, ist ja einzusehen, aber wäre nicht wenigstens eine Art „Psychologen ohne Grenzen“ eine Option? Und zwar nicht erst bei der Traumabewältigung von Kriegsopfern, sondern präventiv mit psychologisch differenziertem öffentlichen Denunzieren von Figuren wie Kim Jong-un oder Assad, von offensichtlich Wahnsinnigen, die lieber die ganze Bevölkerung ein- oder aussperren, als mit ihren Clans in ein Luxusressort abzuhauen.

Oder: In Buenos Aires besuchen schon über 50 Prozent der Stadtbevölkerung einen Therapeuten. Die eine Hälfte der Stadt klingelt bei der anderen. Gleichzeitig rasselt dieses von Generälen, Playboys und Präsidentenwitwen regierte und doch von Rohstoffen und Agrarland reich gesegnete Land von einer Staatspleite in die andere, was natürlich private Dramen produziert, die nach Beratung rufen.

Oder: Noch immer werden gemäß eines Dekrets des Heiligen Stuhls aus dem Jahr 1910 Millionen Siebenjährige weltweit einmal wöchentlich (!) in einen finsteren Beichtkasten beordert, wo sie über ihre Todsünden Rechenschaft ablegen müssen. Todsünden! Hast du, Kind, Völlerei betrieben? Wie hast du es mit der Unzucht? Was soll ein Kind in diesem Alter da anderes beichten, um überhaupt etwas zu beichten, als dass es sich betastet hat? Wo und wie, will nun der zölibatär lebende Alte auf der anderen Seite des Gitterchens wissen, der nur durch sein Atmen erkennbar wird und das Kind dann mit Schuld und Sühnegebeten beladen auf den Heimweg schickt. Wie kann man zu diesem in jeder Hinsicht massiven Missbrauch schweigen, wenn man von Fach wegen doch weiß, was traumatische Prägung heißt? Es ist jedenfalls kein Trost, dass es in anderen Glaubensgemeinschaften nicht besser steht. Die Scientologen gehen sogar mit pseudopsychologischem Besteck an die Gehirnwäsche ihrer Gläubigen. In islamischen Ländern werden junge Mädchen nach wie vor bedenkenlos an den Genitalien verstümmelt. In Teheran werden an der Universität Psychologen ausgebildet und in den Gefängnishöfen nebenan wird noch gesteinigt wie vor 2000 Jahren. Und wie verhalten sich indische Therapeuten zum Kastenwesen? Was sagt die Psychologie zu der Frauenfeindlichkeit in diesen Ländern?

Oder war „Missbrauch Beichte“ oder „Exorzismus im dritten Jahrtausend“ schon einmal auf einer Tagungsliste? Habe ich als Laie verpasst, davon zu erfahren? Könnte ja sein. Oder befördert das eine das andere, der Missbrauch der einen das Geschäft der anderen? Oder will da eine Religion anderen Religionen nicht in den Garten treten?

Böse Unterstellungen? Ich will nicht hoffen, dass ich recht habe. Ich weiß nur: Wenn ein Schiff sinkt – oder steht es gar nicht so dramatisch um uns? – müssen augenblicklich alle helfen, die Rettungsboote klarzumachen, auch die in der ersten Klasse, die in der Bordkapelle, die Ärzte und die im Debattiersalon. Ich weiß auch nicht, wie eine „Psychologie der Intervention 2014“ aussehen sollte, aber vielleicht gibt es eine Website, auf der Vorschläge gesammelt werden.

Ein LKW steckt in einer Unterführung fest. Der Chauffeur hatte die Höhe falsch berechnet. Nichts geht mehr, weder vorwärts noch rückwärts. Schweres Gerät wird angefahren, Experten stehen herum, der Verkehr staut sich auf Kilometer, Gehupe, Blinklicht, im Radio wird verkündet, es werde wohl Tage brauchen, den Laster rauszukriegen, schon werden Umleitungen ausgeschildert. Neben den Rädern des Lasters steht ein Kind mit seinem Dreirad und zupft den gestressten Koordinator am Hosenbein: Warum lasst ihr nicht die Luft aus den Pneus?

Nicht nur Probleme kommen oft um eine unbekannte Ecke herum, auch die Lösungen sieht niemand voraus.

4 Responses to "Sometimes I have a dream"

  • Astrid
    8. Jul 2014 - 20:15 Reply

    Der Gedanke, Psychologie könnte die Religionen ersetzen, gefällt mir gerade. Im Grunde haben Religionen Psychologie ja schon immer benutzt um die Menschen zu manipulieren. Nicht immer zum Besten der Menschen, wie Sie oben beschrieben haben, aber könnten Psychologen das besser machen, als Prediger und Co.? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

    • Adrian Naef
      19. Jul 2014 - 11:37 Reply

      Liebe Astrid,

      nach meinem Verständnis hat Psychologie nicht das Potential, Religion zu ersetzen. Religion ist u.a. Ritual, Bescheidenheit aufgrund Staunens vor dem Grösseren, Teilen des möglichen Erkannten vor dem Mysterium Universum, was immer die Kirchen daraus gemacht haben. Psychologie hingegen ist ein Werkzeug, ein Zugang unter anderen zum Verständnis unseres Innlebens und unseres Verhaltens gegen aussen. Religion wie Psychologie sollen bei ihren Leisten bleiben.

      Alles Gute ihnen
      Adrian Naef

  • Astrid
    31. Jul 2014 - 12:51 Reply

    Mein Gedanke war natürlich auch nur rein hypothetisch.
    Ich finde in Religionen sehr viel Psychologie. Mein Idee war, dass man psychologische Gedanken als Gerüst verwenden könnte und sie dann mit den fehlenden Teilen erweitert. Also quasi umgekehrt. Man könnte sicher auch Rituale erfinden, die nicht religiös sind und sich auf psychologische Gedanken beziehen. Auch beim Erkennen von Zusammenhängen in meinem Inneren in Bezug auf mein Verhalten empfinde ich Bescheidenheit und auch allein beim Betrachten der Zusammenhänge in der Natur stehe ich staunend vor der Größe der Schöpfung. Was mir an Religionen so gar nicht gefällt, ist, dass den Menschen Angst gemacht wird und dass oft Glauben als Wissen verkauft wird.

    Ich danke Ihnen für Ihre Antwort, hat sie mir doch wieder Anlass gegeben ein bisschen weiter darüber nachzudenken. Mir macht das Spaß und freue mich grundsätzlich, diese Seite hier gefunden zu haben.

    Alles Gute auch für Sie

    Astrid

  • Joleen E.
    30. Dez 2016 - 23:25 Reply

    Leider stoße ich erst zwei Jahre später auf diese wundervolle Kritik am (vorbei-)Leben des Menschen.
    Traurigerweise sieht es zwei Jahre später natürlich nicht großartig anders aus.

    Die Leute brauchen mehr und mehr Therapeuten, was einerseits für Interessenten wie mich(und natürlich viele andere hier) immer mehr Arbeitsplätze schafft, andererseits aber auch auf die zunehmende Verstümmelung des Individuums durch die Gesellschaft hinweist.

    Heutzutage, in der Generation der Künstler, wissen wir nicht was wir für die welt tun können.
    Die Kinder werden durch Medien nicht durch Erziehung groß und lernen die Werte von klein auf:

    Pass in der Schule gut auf, dann kannst du studieren.
    Wenn du was erreichen willst, brauchst du Sicherheiten. Mach am besten ein duales Studium, so verdienst du schon Geld aber wirst für noch höheren Gehalt ausgebildet.
    Die Frage liegt kaum mehr auf dem Talent und dem Interesse des Individuums, alles wird zusammengezählt und durch die Anzahl der erbrachten Leistungen geteilt und – da bitte, dein Schnitt. Jetzt schau im Internet was du damit machen kannst und geh hin, mach, verdien viel Geld, spende dann am besten noch einen Teil für dein gutes Gewissen. Such dir einen klugen Partner und mach hübsche, liebe Kinder. Und alle sind zufrieden.

    Die Rebellen der heutigen Zeit, in der Generation der Künstler, sind die Rapper.
    Die „auf alles scheißen“ und „keine 27 in der grausamen welt“ werden wollen; und am Ende mit 25 durch Gewalt oder Drogenmissbrauch sterben.

    Sind die Werte nicht das große Problem?

    Dieses Jahr kam ein remake von „where is the love?“ von den Black eyed peas raus.
    Sie fragen wo die Liebe hin ist.

    Ich denke das große Problem bei der „Generation Option“ ist, dass der leichte Weg nicht beim selbst denken liegt.

    Die Auswahl ist riesig, jeden Tag kriegt man mehr Möglichkeiten durch rasant fortschreitende Technik usw.
    Doch wonach entscheiden wir uns? Nach dem was uns als klug empfohlen wird? Nach den „Sicherheiten“ die uns am Ziel eines Studiums in Form von hohem Gehalt und Ansehen erwarten? und das „kleine Volk“, die die gar nichts großes machen wollen stellen wir anders ruhig; Lotto zum Beispiel oder so.
    Die Menschen sind ehrgeizig, deswegen gibt es solche Arschlöcher von Chefs die nie gelernt haben, wie man sich bewusst in einer Machtposition „gut7vernünftig/richtig“ verhalten kann (abhängig in diesem Fall von dem Gemeinwohl Aller) und die Rate der Suchtkranken steigt ins unendliche, oder würde sie, wenn nicht so viele vorher daran sterben.

    Wenn jeder an sich selbst denkt, wo bleiben Werte der Rücksicht, der Harmonie?
    Nicht jeder ist in der Lage an sich selbst zu denken, wollen wir sie zurücklassen? Plötzlich ist es die eigene Freundin, der Arbeitskollege oder der Neffe. Sie brauchen eine Therapie weil es Ihnen nicht gut geht. Weil Depressionen kommen, wo der Sinn des Lebens geht.

    jetzt hab ich mich etwas in Rage geschrieben, ich hoffe dennoch dass ich die Aufmerksamkeit irgendwo behalten konnte und möchte sie zum Ende auf die Antwort (meiner Meinung nach) richten:

    Die Menschen wissen was sie lieben sollen, das wird ihnen zu genüge eingepredigt.
    Was vergessen wird (besonders durch die gezeichneten Eltern) ist Liebe.
    Die Menschen verstehen nicht, dass Gefühl nicht der Mittelpunkt ist.
    Man kann sich nach Gefühlen entscheiden, oder nachdenken.

    Vielleicht zähl ich mich an dieser Stelle zu den Christen, die die Welt nicht aufgeben, aber versteht denn niemand mehr,dass Liebe verloren gegangen ist?

    Die peinlichen Bilder von letzter Nacht, und der unangenehme Chat wo man betrunken und zienlich sauer war werden einfach gelöscht und vergessen.

    Ich bin 19 Jahre und muss mir selbst beibringen was Selbstreflexion ist?
    weil es nahezu niemand mehr macht? Die Leute wollen mit 60 aussehen wie 20, um ihrem Verhalten entsprechend auszusehen? keiner will mehr weg von dem kindlichen Egozentrismus. Die Menschen wollen ihren eigenen Vorteil und wollen gar nicht sehen wo sie sich falsch verhalten.
    Wer will schon seine Werte definieren und laut sagen was gut und schlecht ist?

    Liebe dich und deinen Nächsten (wenn man das mit Gott nicht an sich ranlassen will, dann macht man das halt nicht. man hat doch die freie Entscheidung)

    Liebe ist eine Entscheidung,
    die Entscheidung nicht emotional zu handeln und nur an sich selbst zu denken, sondern auch an andere. Fragen wie es ihnen geht, ob man helfen kann. Und wenn jemand gar nicht versteht, Hilfe zum Beispiel nicht annimmt – dann nicht zu vergessen sich selbst zu lieben und weiterzugehen.

    Wer sich entscheidet zu lieben, wie soll die Person hassen?

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