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So grässlich hässlich

„Ich bin so hässlich, so grässlich hässlich,
ich bin der Hass“
DÖF/Deutsch-österreichisches Feingefühl, Codo 1983

Man möchte sich eigentlich lieber mit Erfreulicherem beschäftigen, und die ironische Erich-Kästner-Frage geht einem durch den Kopf: Wo bleibt das Positive? Aber vergeblich sucht man die Zeitung nach Nachrichtensplittern ab, die Hoffnung nähren. Die Welt, so scheint es, wird von Tag zu Tag hasserfüllter: Krieg und Terror, Brandstiftung, Unterdrückung. Hunger als Waffe, Gewalt und Vernichtungswünsche in allen Erscheinungsformen. Rassismus und Ausgrenzung werden wieder salonfähig. Springtime für Hassprediger, Fanatiker, Massenmörder und Psychopathen. Gute Zeiten auch für Politiker, die vom hasserfüllten Ressentiment leben – also der Typ Erdogan, Putin, Trump, Orbán, Kacziński und Co.

In Deutschland soll, ganz nach Art des Hauses, eine vom thymós befeuerte Politik wieder salonfähig gemacht werden. Hinter dem griechischen Begriff verbirgt sich ein geschichtswirksamer Affekt, der schon die homerischen Helden zu ihren Taten antrieb: Zorn. Peter Sloterdijk hat dem Zorn und seinen komplexen Erscheinungsformen wie Rache, Revolution und Ressentiment ein Buch gewidmet (Zorn und Zeit, Suhrkamp 2006). Zorn ist der Reflex auf Ungerechtigkeit oder Benachteiligung – sowohl auf gefühlte als auch auf reale. Das macht ihn so ambivalent. Gefährlich und oft im Wortsinne unfassbar wird der thymós, wenn er sich als Dauerhaltung einnistet: „Wer sich seinen Zorn merken will, muss ihn in Hasskonserven aufbewahren“, schreibt Sloterdijk.

Heute bedienen sich AfD-„Vordenker“ dieses Begriffs, um die Wut verbitterter Bürger als legitime Form der Selbstbehauptung zu propagieren. Dass es um das Anheizen von Ressentiments und Ängsten geht, darüber kann die bürgerlich-akademische Fassade nicht hinwegtäuschen. Nur die Wut, so erklären die Theoretiker des thymós kalt lächelnd, liefere „dem Volk“ die Energie, um sich gegen die Zumutungen der Alt- und Systemparteien zu wehren, vor allem aber gegen den Ansturm des Fremden und Neuen, das die Globalisierung mit sich bringt. Also legen sie Vorräte in Form von Hasskonserven an – und einige dieser Wutbürger begehen schon mal die eine oder andere Tat, die neuerdings unter hate crimes fällt, also Taten „aus besonders niederträchtiger Gesinnung“.

Die Mission der Positiven Psychologie ist gescheitert

Sie sind bei Weitem nicht die einzigen, die das tun. Es ist kaum übertrieben zu behaupten: Der Hasspegel steigt, weltweit. Und Hass ist der Antrieb für die meisten der eingangs erwähnten Plagen. Robert Sternberg, dem wir eine ausformulierte psychologische Theorie über diesen Affekt verdanken, macht folgende Rechnung auf: In den 36.525 Tagen des 20. Jahrhunderts verloren 100 bis 160 Millionen Menschen (die Zahl schließt nur Nicht-Kombattanten ein, also Zivilbevölkerung!) ihr Leben durch Attentate, Massaker, Pogrome etc. Das sind durchschnittlich 3.000 Tote pro Tag. Sternberg kann nicht erkennen, dass eine Besserung in Sicht ist. Statistisch gesehen sei der 11. September 2001 ein gewöhnlicher Tag gewesen.

Es ist Zeit für eine Psychologie der negativen Affekte, vor allem einer, die den Hass untersucht: Warum bricht er immer wieder aus, ungebremst durch Zivilisation, Bildung, technischen Fortschritt? Haben wir wirklich schon verstanden, wie Hass entsteht, was ihn so mörderisch macht, und wie wir ihn beherrschen könnten? Die sogenannte Positive Psychologie prophezeite uns noch vor Kurzem eine bessere Welt und versuchte zu zeigen, wie viel Gutes in uns angelegt ist – wenn wir es nur ausleben und kultivieren wollten. Da sich nicht wenige Vertreter der Positiven Psychologen als Gesellschaftstherapeuten verstanden, kann man ihre Mission als gescheitert ansehen – denn gerade in dem Land, in dem die „Psychologie des Guten“ mit Riesensummen gefördert wird, triumphiert derzeit ein Hassprediger besonderer Prägung.

Die Psychologie muss sich wohl wieder dem Verstehen und der Prävention des Bösen und Kranken zuwenden. Robert Sternbergs Erkenntnisse über Ursachen, Erscheinungsformen und Bedingungen des Hasses sind ein guter Ausgangspunkt.

Hass hat viele Facetten, und Sternberg hat so etwas wie eine Taxonomie dafür entworfen. Sie basiert auf drei Komponenten:

  1. Die emotionale Komponente: plötzlich aufflammende, instinktähnliche, reaktive oder „nackte“ Wut. Jemand nimmt uns den letzten Parkplatz weg, obwohl wir schon länger darauf warten. Diese Wut kann eskalieren zur road rage mit Schimpfen, Drohen, Handgreiflichkeiten (= „heißer Hass“).
  1. Die soziale Komponente: Verweigerung von Nähe; aus Ekel, Verachtung oder Abneigung lehnen wir den Kontakt zu einem Menschen oder einer Gruppe ab (= „kühler Hass“).
  1. Die kognitive Komponente: eine tiefsitzende permanente Abwertung anderer „aus Überzeugung“; vor allem ideologisch eingeimpfter oder politisch oder religiös motivierter Hass, ebenfalls „kühl“.

Jede Komponente verbindet sich schnell mit einer der anderen oder beiden: Ein nach Urin stinkender Obdachloser grapscht nach uns, und wir sind nun nicht nur angeekelt, sondern richtig wütend. Oder: „Der“ Muslim (Jude, Schwule, Serbe, Bosnier…) beleidigt uns oder „nimmt uns etwas weg“ – und aus Ablehnung wird heiße Rachsucht. Bei Attentätern, die ihre Taten cool planen, verbinden sich die beiden kühlen Komponenten – zur buchstäblich kaltblütigen Tat, die nichtsdestoweniger von tiefem Hass motiviert ist. Und so weiter.

Der „komplette Hass“ (Sternberg) ist es, der Schlagzeilen macht und uns heute so sehr beschäftigt. Es ist jener Vernichtungswille, der aus Verachtung, Abwertung und Wut gespeist wird. Er ist der Kern etwa von rassistischen Taten, von Massakern, Genoziden und Attentaten – vor allem auch gegen Wehrlose. Solche Ausbrüche setzen gut gefüllte Hass-Container voraus.

Geschichten halten den Hass am Leben

Das Mittel für diese „Füllung“ sind oft Erzählungen: „Narrative sind der fundamentale Aspekt der menschlichen Kognition“, erklärt der Sozialpsychologe Peter Salovey. „Sie definieren unsere Identität, die ja nichts anderes ist als ein Bündel von Geschichten über uns selbst.“ Und Geschichten können alle drei Komponenten des Hasses auf ideale Weise speichern. Salovey ist überzeugt, dass gerade Hassgeschichten uns besonders gut als Person „zusammenhalten“ können: Wenn wir uns als Opfer sehen, wenn wir uns darüber definieren, wen wir ablehnen, wer nicht „zu uns gehört“, wer uns etwas angetan hat – dann erinnern uns entsprechende Erzählungen daran und halten den Hass am Leben. Dann braucht es nur Gelegenheiten, um die Hasskonserve zur Explosion zu bringen. Und neue Täter-Opfer-Geschichten entstehen.

Nationale Opfermythen, kollektive Ausgrenzungserfahrungen oder Niederlagen sind die häufigsten Hass-Container. Zahllose ethnische Konflikte (etwa auf dem Balkan, wo sich die Serben seit Jahrhunderten als Opfer stilisieren) sind in Mythen, Legenden, Hassgeschichten gespeichert, für immer, wie es manchmal scheint. Hutus und Tutsis sind noch längst nicht befriedet. Und der Nahe Osten erscheint als die Musterregion für sehr alte, aber gut konservierte Opfererzählungen. Neue Hass-Alchemisten kommen hinzu und sind weltweit am Werke. Putin zum Beispiel strickt gerade an einem neuen Mythos: Wie das heilige Russland von Verrätern und vom Westen gedemütigt wurde – und nun zurückschlagen muss. Trump spricht allen, die sich ausgegrenzt und abgehängt fühlen, aus der Seele – und lenkt ihre Wut auf Minderheiten oder Wirtschaftskonkurrenten.

Was tun? Die Psychologie ist zuständig, und die dringendsten Forschungsprojekte und Praxisbedürfnisse werden ihr sozusagen täglich vor die Füße gekippt. Natürlich kann sie das Hassproblem nicht allein lösen. Aber sie kann vieles zur Aufklärung beitragen. Sie ist die Spezialwissenschaft für Emotionen, Kognitionen, Gruppenprozesse. Sie könnte, zum Beispiel, damit beginnen zu zeigen, wie sich Identitäten (individuell und kollektiv) nicht hauptsächlich auf Opferstatus oder Ablehnung des Fremden stützen müssen. Oder wie eine Therapie des Hasses aussehen könnte. Das Wissen ist schon in reichem Maße vorhanden, es geht nun um die Vermittlung.

2 Responses to "So grässlich hässlich"

  • Lili Ex
    17. Mai 2016 - 16:31 Reply

    Wie immer gibt uns Heiko Ernst wertvolle psychologische Erklärung furs Offensichtliche und Altägliche. Er weiss, wie die Welt zu verbessern wäre, aber leider wird die Welt nicht von den Klugen regiert.

  • Ist Heiko Ernst auch der Hass?
    18. Mai 2016 - 14:03 Reply

    Sehr geehrter Herr Ernst,

    ein Grund warum Hass entsteht ist, wenn jemand einen Artikel schreibt und dabei grundlos und mit falscher Behauptung einen jungen Wissenscaftszweig angreift. Was soll der Seitenhieb auf die positive Psychologie? Weil die sich anschickt einem Trend entgegen zu wirken? Wenn nun durch ihren Artikel die Welt auch besser wird, ist der dann nicht auch nutzlos, sinnlos? Nein schlimmer noch, da ihr Artikel diesen unnötigen Seitenhieb enthält, ist er nicht sogar schädlich weil er zu mehr Hass anstachelt? Ist es klug Gräben auszuheben wo gar keine Front ist?

    Schade um diesen Artikel, dem ich im Inhalt zustimme. Nur reicht es eben nicht Hass als Krankheit psychologisch zu erforschen. Denn „ohne Hass“ wäre schon ein Fortschritt. Aber Hass umzukehren in Freundlichkeit und damit Zufriendheit zu steigern finde ich sogar noch mehr erstrebenswert.

    Merke: Wer gegen Hass schreibt sollte slbst frei davon sein, sonst wird das nichts.

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