Go to Top

Selbst ist der Mensch

Über Erfolg und Effektivität der Ratgeberliteratur

Das Büchlein Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden des Philosophen Wilhelm Schmid, war im vergangenen Jahr laut SPIEGEL-Bestsellerliste das zweiterfolgreichste Sachbuch in Deutschland – wie schon im Jahr zuvor. Offenbar greift die Babyboomer-Generation, die gerade in breiter Front die Rentenjahre erreicht, gerne zu diesem Werk, verspricht es doch Hilfe in einer von Ängsten und Sinnkrisen geprägten Phase des Lebens. Schmids Traktat gehört zum Genre der Ratgeber-Literatur: das Buch als Selbstmedikation.

Natürlich ist der Erfolg eines Selbsthilfebuches noch kein Beleg für dessen Qualität. Und fast reflexartig und pauschal wird Ratgeberliteratur von Intellektuellen als seicht, unterkomplex, wenig hilfreich geschmäht. Psychologen und Psychiater sind meist skeptisch gegenüber dieser „Konkurrenz“ (Buy-a-book statt Rent-a-friend). Manche sehen im Erfolg dieser Literaturgattung sogar den Beweis dafür, dass sie nicht hilft: Müsste man sonst immer neue Bücher kaufen über den Sinn des Lebens, über Ängste, Depressionen, kritische Lebensphasen?

Ratgeber sind besser als ihr Ruf

Tatsache ist: Ratgeber machen heute einen Großteil des Buchhandels aus. Sie werden in wachsender Zahl verfasst und gelesen, weil Menschen immer häufiger auf geschriebenen Expertenrat bei der Suche nach dem guten oder richtigen Leben vertrauen. Lebensführung und Selbstfindung, der Wunsch nach „Generalüberholung“ des eigenen Lebensentwurfes, Krisenbewältigung oder die Lösung eines konkreten Problems sind die häufigsten Motive, in die Buchapotheke zu greifen. Ratgeber sind umso erfolgreicher, je größer die Unsicherheiten und Komplexitäten der modernen Lebensgestaltung werden – und je mehr die Möglichkeiten abnehmen, brauchbare Hilfe von früher geschätzten Quellen des guten Rates zu erhalten, etwa von Eltern, Freunden, Geistlichen, weisen Älteren.

Tatsache ist auch: Ein großer Teil der Lebenshilfeliteratur ist weit besser als ihr Ruf. In vielen Fällen lässt sich ihre positive, therapeutische Wirkung sogar wissenschaftlich belegen. Manches esoterische Machwerk verstellt den Blick auf eine Fülle fachlich fundierter und oft gut geschriebener Bücher. Sie erfüllen ihren therapeutischen Zweck, weil sie die Probleme der Menschen ernst nehmen und keineswegs die weiße Salbe positiven Denkens oder seichte Ersatzweisheiten bieten. Natürlich gibt es einen starken subjektiven Faktor gerade bei Wahl und Wirkung von Selbsthilfeliteratur: Gelingt es dem Autor, beim Leser eine Saite zum Klingen zu bringen? Fühlt sich der Lesende verstanden, kommt ein „therapeutisches Bündnis“, ein tiefes Einverständnis zustande?

Positive Effekte der Bibliotherapie

Im angelsächsischen Sprachraum wird schon seit Längerem systematisch erforscht, welches Heilungspotenzial Selbsthilfebücher gerade bei psychischen Problemen oder in Lebenskrisen entfalten können. John Norcross, Psychologieprofessor an der University of Scranton, ist einer der Pioniere dieser Forschung. In einer seiner Studien hat er bei 2500 Psychotherapeuten erfasst, welche Bücher bei ihren Patienten hoch im Kurs stehen und welche Erfahrungen sie damit gemacht haben. Seit dem Jahre 2000 aktualisiert Norcross jährlich eine Liste von rund 1000 hilfreichen Buchtiteln in The Authoritative Guide to Self-Help Resources in Mental Health. 

Und in England hat der National Health Service mehrere empirische Studien finanziert, um zu untersuchen, ob es messbare positive Effekte der Bibliotherapie gibt. Es gibt sie, in hohem Maße: Im Vergleich mit medikamentöser Behandlung und Psychotherapie war sie in einigen Fällen sogar überlegen, und als besonders hilfreich erwies sich die „buchgestützte Therapie“: ein Patient, der neben einer Psychotherapie noch Einschlägiges liest, profitiert doppelt. Offenbar helfen gute Ratgeberbücher besonders bei klar definierten Problemen wie Ängsten, Beziehungsproblemen oder Depressionen. In Deutschland hat vor allem der Psychotherapeut und Vertreter einer multimodalen Therapie, Hilarion Petzold, wichtige Grundlagenforschung zur Bibliotherapie vorgelegt.

Bücher als Lebenshilfe: keine Erfindung der Moderne

Tauglich für eine Bibliotherapie waren Bücher wohl, seit es sie gibt. Jeder Text, der einem Menschen in einer bestimmten Lebenslage neue Einsichten, Erbauung oder Trost bietet, kann eine Selbstheilung durch Lesen bewirken: Romane, philosophische Abhandlungen, die Bibel oder Biografien, Gedichte oder Märchen. Aber auch das Genre der ausdrücklich als Ratgeber verfassten Texte ist keine Erfindung der Moderne. Kirchenvater Augustinus (354 – 430) wird mit einigem Recht als ein früher Lebenshilfeautor angesehen. In seinen Bekenntnissen – zugleich eine Werbeschrift für das junge Christentum und eine Selbstreflexion des gerade Bekehrtenfinden sich auch alle Elemente eines Ratgebers.

Viele Selbsthilfebücher sind auch heute noch in Form einer Autobiografie oder einer Selbstreflexion geschrieben. Solche Fallgeschichten dienen als Exempel für andere, aus ihnen lässt sich mitunter mehr für das eigene Leben lernen als aus eher „technischen“ Ratgebern der Experten. Und manche Selbstberichte erwiesen sich in empirischen Untersuchungen als therapeutisch besonders wirksam – Professor Norcross hebt etwa William Styrons Bericht über seine Depression heraus (Darkness Visible, deutsch: Sturz in die Nacht: Die Geschichte einer Depression) und den Erfahrungsbericht einer Psychiaterin mit ihrer eigenen bipolaren Störung, Kay Jamisons An unquiet mind (deutsch: Meine ruhelose Seele).

In vielen Fragen, zumal in existenziellen, lernen wir offenbar lieber aus Geschichten als aus How-to-do-Anleitungen. Bereits Aristoteles hatte beobachtet, dass Erzählungen nach dem Muster: Was mir passiert ist und wie ich damit fertig wurde (praxéos mimesis) leichter verstanden und deshalb lieber gehört oder gelesen werden als jede andere Form der Unterrichtung.

 

 

 

2 Responses to "Selbst ist der Mensch"

  • Sandro
    19. Jan 2016 - 10:03 Reply

    Hallo,

    Ich empfehle den Menschen mit denen ich arbeite häufig Bücher. Ich finde sie sind eine ideale Ergänzung! Ich empfehle häufig Epiktet. Gute Texte zum Thema: Was kann ich ändern, was nicht.

    Alles Gute
    Sandro

  • Minolta
    19. Jan 2016 - 13:46 Reply

    Die Ratgeber geben Aspekte bekannt, die einem Menschen in Gedankenschleifen alternative Denkweisen aufzeigen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.