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Reisen am Rande der Komfortzone

Vor ein paar Monaten war ich das erste Mal in Island, einem Land, das mich seit langem interessiert. Der Höhepunkt der tollen Reise war ein Ausflug ins lokale Schwimmbad von Reykjavik. Das klingt wenig spektakulär. Was also war so faszinierend daran? Zuvor hatte ich einen Bericht darüber gelesen, welch große Rolle das Baden in der isländischen Kultur spielt. Ob Alt oder Jung, Sommer oder Winter, man verbringt jede Woche viele Stunden in Pool und Sauna, tratscht, lacht oder ist ganz für sich. Die zahlreichen Schwimmbäder, so das Fazit des Artikels, seien das kommunale Herz der Insel und ein Schlüssel für die hohe Lebenszufriedenheit ihrer Bewohner.

Das konnte ich nun selbst erleben. Während von den geothermal geheizten Becken Dunstschwaden in die kalte Morgenluft aufstiegen, zog ich ein paar zügige Bahnen und schwitzte dann alle Verspannungen in der Sauna weg. Es dauerte auch nicht lange, bis ich ins Gespräch kam. Ein junger Mann setzte sich in einem der heißen Sitzbecken neben mich und wir unterhielten uns angeregt darüber, wie das Leben in Deutschland, den USA und Island ist.

Wohlgemerkt, ein bisschen komisch fühlte ich mich schon. Als offenbar einzige Touristin weit und breit zog ich interessierte Blicke auf mich. Zudem wollte ich nicht dadurch auffallen, dass ich die strikten Hygieneregeln missachte. Was ist das korrekte Duschprozedere, bevor man den Pool besteigt? Geht man nackt oder bekleidet in die Sauna? Als ich ein paar Stunden später auf das Bett in meinem Hotelzimmer sank, war ich erledigt – aber auch begeistert von meinem Abenteuer.

Wie kann man besser Urlaub machen? Diese Frage treibt mich seit einer Weile um. Auf den ersten Blick mag das merkwürdig klingen. Die Ferienzeit ist die schönste Saison des Jahres, heißt es, und was sollte schwierig daran sein, freie Tage befriedigend zu gestalten. Doch wer hat nicht schon erlebt, dass das herbeigesehnte Ausflugswochenende oder der vermeintliche Traumurlaub weniger freudvoll verlief als gedacht? Vielleicht war der Besuch der Weltstadt nicht so beeindruckend wie erwartet, obwohl man sich alle Top-Attraktionen angesehen hat. Oder die Woche am Strand, die man sich so erholsam vorgestellt hatte, wurde einem lang.

Psychologen bestätigen, „glücksfördernd“ zu reisen, ist gar nicht so leicht. In ihrem Buch The Happy Traveler schreibt etwa Jaime Kurtz, Professorin an der James Madison University, fast jeder, den sie befragt habe, von anderen Glücksforschern bis zum Fernweh geplagten Freund, sei unsicher darüber gewesen, wie man auf vergnügliche, sinnstiftende und anregende Weise reist. „Geld war kein Indikator für eine erfüllte Reise, noch waren es Entfernung, Dauer oder Ziel der Reise.“

Von den Hindernissen, die Kurtz und andere Experten beschreiben, stechen drei für mich heraus. Eines ist Unklarheit darüber, was einen wirklich interessiert und zu einem passt. Für den Philosophen Alain de Botton, Autor des Buches Kunst des Reisens, besteht eine der größten Herausforderungen darin, nicht einfach vorgegebenen Reisemustern zu folgen, sondern zu lernen, was einem selbst entspricht: „Meistens klammern wir uns an einer leeren Idee fest, ohne sie zu überprüfen. Es gibt eine riesige Kluft zwischen diesen Fantasien und den Dingen, die uns wirklich fehlen.“ Eigentlich bräuchten wir psychotherapeutische Reisebüros, meint er, die uns die passenden Ziele heraussuchen.

Eine zweite Hürde: Reise-FOMO, kurz für Fear Of Missing Out oder die Angst etwas zu verpassen. Selbst wenn man genau weiß, dass einen im Kunstmuseum schnell das große Gähnen überfällt, mag man sich nur schwer überwinden können, Paris ohne Louvre-Besuch zu verlassen. Auch bei meiner Islandreise hatte ich mit deutlichen Anflügen von FOMO zu kämpfen: Soll ich wirklich ins öffentliche Freibad gehen, anstatt mir die berühmte Blue Lagoon, eine luxuriöse und vor allem von Touristen besuchte Badelandschaft, anzusehen? Ich hörte schon die entsetzten Fragen von islanderfahrenen Freunden: „Waaaas, das hast du dir entgehen lassen?“

Und dann sind da noch die Verlockungen der Bequemlichkeit. Wer am Strand oder in anderen Tourismushochburgen bleibt, braucht weniger Vorbereitung und weiß weitgehend, was auf ihn zukommt. Muss man sich nicht schon im Alltag genug anstrengen? Das mag stimmen, aber zwischen komfortabel und langweilig ist oft nur ein schmaler Grat. Das Leben beginnt am Ende der Komfortzone, schreibt Kurtz. Und das gilt auch und gerade, wenn es um den Urlaub geht. Dabei sind die Grenzen äußerst individuell. Was den einen herausfordert, erläutert die Psychologin, mag der andere als öde empfinden; was für den einen nur unbehaglich ist, jagt einem anderen große Angst ein.

Was also kann man machen, um seinen Urlaub glücklicher zu gestalten? Ein psychotherapeutisches Reisebüro, wie es de Botton vorschwebt, ist mir nicht bekannt, aber ein Urlauber kann versuchen, sein eigener „Reisetherapeut“ zu sein. So haben Tourismusforscher Tests entwickelt, mit denen sich die eigene Reisepersönlichkeit bestimmen lässt. Damit kann man beispielsweise herausfinden, wo man auf dem Spektrum von Allozentrismus (Liebe zu Abenteuer und ständig Neuem) und Psychozentrismus (Sehnsucht nach Bekanntem und Entspannung) liegt.

Auch gibt es Hilfsmittel, die eigene Komfortzone abzustecken, etwa die Webseite www.whatismycomfortzone.com. Beim Ausfüllen des ausführlichen Fragenkatalogs ist mir klar geworden: Mit meinem Ausflug ins isländische Sundlaug habe ich genau das für mich richtige Maß an Herausforderung gefunden. So bin ich kein Adrenalinjunkie; die Vorstellung, zum Bungeejumping oder Paragliding zu gehen, löst bei mir eher Panik aus. Dagegen fordere ich mich gerne in anderer Hinsicht heraus, gehe alleine auf Reisen und liebe es, andere Kulturen mit allen Sinnen zu erleben, auch wenn das bedeutet, mich fremd und ein bisschen linkisch zu fühlen. Kein Wunder also, dass ich das Schwimmbad von Reykjavik mit einem Hochgefühl verließ.

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