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Positive Vorurteile und ihre negativen Seiten

Schubladendenken hat einen schlechten Ruf, zu Recht. Vorurteile sind oft abschätzig und diskriminierend. Allerdings habe ich in den letzten Jahren auch mit der positiven Variante Bekanntschaft gemacht. Seitdem ich in den Staaten lebe, höre ich immer wieder Kommentare wie: „Ihr Europäer seid so sprachbegabt.“ Viele Amerikaner sind überzeugt, dass Deutsche und ihre Nachbarn mindestens drei Sprachen fließend sprechen, und bewundern sie für ihr vermeintliches Talent. Ein weiteres Klischee: Europäerinnen haben ein natürliches Gespür für Stil. Sobald die Leute hier merken, dass ich aus der alten Welt komme, schauen sie mich offenbar mit anderen Augen an. Jedenfalls habe ich selten so viele Komplimente bekommen. Einmal wickelte ich mir einen Schal ziemlich willkürlich um den Hals. Prompt meinte eine Freundin, die mich dabei beobachtete: „Ich weiß nicht, wie Ihr es macht, aber Ihr Europäerinnen könnt noch aus einem Putzlappen ein schickes Outfit zaubern.“

Die Bewunderung hat vermutlich mehr mit der Modeunsicherheit vieler Amerikaner als mit meiner eigenen Stilsicherheit zu tun. Dennoch fühlt es sich gut an. Mehr noch: Ich hätte niemals gedacht, wie sehr es das Selbstbild aufhübscht, wenn man einen positiv getönten Spiegel vorgehalten bekommt. Mittlerweile sehe ich mich selbst mit ganz anderen Augen. Ich vertraue auf meinen Geschmack, experimentiere mit einem Hut oder einer ungewöhnlichen Farbe und habe Spaß daran, das Klischee zu bedienen.

Durch meine eigenen Erfahrungen neugierig geworden, habe ich recherchiert, was die psychologische Forschung über positive Vorurteile weiß – und war überrascht, wie ambivalent die Befunde sind. Von anderen ein anerkennendes Etikett aufgeklebt zu bekommen, kann wie bei mir dazu führen, dass man die unterstellte Tugend tatsächlich zeigt. In einer Studie beispielsweise schnitten Studentinnen bei Matheaufgaben besser ab, nachdem sie an ihre asiatische Herkunft erinnert wurden. Die Erklärung? Ein positives Stereotyp wie „Asiaten sind mathematisch-naturwissenschaftlich begabt“ erhöht das Selbstbewusstsein und die Erfolgszuversicht. In anderen Experimenten dagegen stellte sich die positive Schublade als Bürde heraus. So können Klischees dazu führen, dass Menschen in ihrer vermeintlichen Domäne besonders schlecht abschneiden, weil sie die Angst lähmt, Erwartungen nicht zu erfüllen. Oder sie fühlen sich „depersonalisiert“ und lehnen deshalb diejenigen, die das Pauschalurteil äußern, ab. Forscher warnen zudem, dass an Mitglieder bestimmter Gruppen unfair hohe Anforderungen gestellt oder sie in bestimmte Studienfächer oder Berufe gedrängt werden. Wer dazu tendiert, weitreichende Generalisierungen wie „Schwarze sind hervorragende Athleten“ oder „Frauen können gut mit Kindern umgehen“ vorzunehmen, glaubt auch eher, dass bestimmte Gruppen biologisch oder auf fundamental andere Weise verschieden sind. So können positive Vorurteile den Weg für negative Vorurteile ebnen.

Alle diese Punkte leuchten mir ein. Wenn andere einfach annehmen, dass man bestimmte Talente oder Eigenschaften hat, kann das zweifellos äußerst belastend sein, insbesondere für junge Menschen, die noch nach ihrer Identität und Individualität suchen. Ich erinnere mich genau, wie sehr mich als Teenager Klischees über weibliche Fürsorglichkeit und männlichen Ehrgeiz verunsichert haben. Vielleicht habe ich positive Vorurteile bislang in der Tat zu positiv gesehen. Jedenfalls habe ich angefangen, meine eigenen vorgefertigten Meinungen kritischer zu betrachten, insbesondere wenn sie wünschenswerte (oder wünschenswert klingende) Punkte umfassen. Dennoch werde ich es meinen amerikanischen Freunden auch in Zukunft nicht krumm nehmen, wenn sie mir als Europäerin Stilbewusstsein und Sprachtalent unterstellen. Wahrscheinlich haben sie über positive Stereotype so wenig nachgedacht wie ich. Und ehrlich gesagt, sehe ich es weiter als prima Motivation, zumindest für mich. Letzten Monat habe ich einen Sprachkurs angefangen, um mein eingestaubtes Französisch aufzupolieren.

2 Responses to "Positive Vorurteile und ihre negativen Seiten"

  • mike
    19. Nov 2014 - 19:37 Reply

    Guter Blog!

  • Peter Reitz
    21. Nov 2014 - 12:56 Reply

    Ich musste die Überschrift zweimal lesen… 😉

    Schöner Artikel.

    Herzliche Grüße! Peter Reitz

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