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Politische Gräben

Wer in den USA lebt, merkt schnell, wie polarisiert das Land politisch geworden ist. Ich denke jetzt nicht an den Stillstand in Washington, wo Demokraten und Republikaner momentan fast jeden Gesetzesentwurf der jeweils anderen Seite reflexartig blockieren. Nein, ich meine die ideologische Kluft, die das private Leben vieler Amerikaner prägt. Bei einem Französischkurs, den ich im letzten Jahr besuchte, erzählte mir eine Teilnehmerin mit links-orientierten Ansichten, die sich mit einer konservativen Mitschülerin angefreundet hatte: „Sie ist die einzige Republikanerin in meinem Bekanntenkreis.“ Themen wie Mindestlohn oder Krankenversicherung für alle würden sie meiden. „Sonst gibt es heftige Diskussionen.“ Auch bei zwei politisch unterschiedlich orientierten Professorenehepaaren, die mein Mann und ich gut kennen, funktioniert die Freundschaft nur, weil sie heikle Themen umschiffen.

Dies sind keineswegs Einzelfälle. Eine Befragung, die das Forschungsinstitut Pew Research Center im letzten Jahr unter 10.000 Amerikanern durchgeführt hat, zeigt, wie weit und tief der politische Graben geht. Zwei Drittel aller Leute, die sich eindeutig als Conservatives verstehen, und die Hälfte aller strengen Liberals (sprich Vertreter eher linker Ideen) sehen die jeweilige Gegenpartei als völlig fehlgeleitet und eine Gefahr für die Nation. Da bleibt man doch lieber unter sich. 63% der konsequent Konservativen und 49% der überzeugten Liberalen geben an, dass die meisten ihrer engen Freunde ihre politischen Meinungen teilen. Jedem zweiten eingefleischten Konservativen und jedem dritten uneingeschränkt Liberalen ist es wichtig, sich an einem Ort niederzulassen, an dem vornehmlich politisch Gleichgesinnte leben. Die Antipathie geht so weit, dass jeder dritte „Rechte“ und fast jeder Vierte „Linke“ unglücklich wäre, wenn ein nahes Familienmitglied einen Sympathisanten der Gegenseite heiraten würde.

Wohlgemerkt: Hierbei handelt es sich um jene Amerikaner, die sich stark mit einer ideologischen Weltsicht identifizieren. Aber selbst bei Leuten, die sich mehr Mitte-rechts oder Mitte-links sehen, gibt es Tendenzen, sich vornehmlich mit Gleichdenkenden zu umgeben und Befürworter des anderen Lagers aktiv zu meiden. So sagen immer noch 44 Prozent der moderaten Conservatives, dass ihre engen Freunde ihre politische Meinung teilen; 29 Prozent ziehen eine Wohngegend mit Nachbarn derselben politischen Couleur vor. Bei den moderaten Liberals liegt der entsprechende Anteil bei immerhin 25 Prozent. Die USA, warnt die New York Times, sei eine geteilte Gesellschaft, in der Liberale und Konservative sich zunehmend voneinander fernhalten.

Zudem hat sich die Zahl der politisch eindeutig Positionierten in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt. Als Gründe geben Experten Faktoren wie die ideologische Polarisierung in den Medien, der zunehmende Einfluss von Geld in der Politik, Kontroversen um Themen wie Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe sowie die wachsende wirtschaftliche Ungleichheit an. Mittlerweile bezeichnet sich ein Fünftel der Bevölkerung laut Pew-Studie als streng konservativ oder liberal. Ein Fünftel, das sich nicht nur in ideologischen „Silos“ bewegt, in denen von überall die gleichen Meinungen erschallen und abweichende Ansichten selten sind, sondern das auch besonders einflussreich ist. Denn an den politischen Rändern finden sich die engagiertesten Wähler und großzügigsten Parteispender. Wer in den nächsten Monaten den Vorwahlkampf für die Präsidentschaftswahl 2016 verfolgt, wird wahrscheinlich gut beobachten können, wie die Kandidaten auf beiden Seiten mit besonders linken beziehungsweise rechten Botschaften um genau diese Leute kämpfen werden, denn sie sind es, die typischerweise in den „Primaries“ wählen gehen.

Aber auch den Vergleich mit Deutschland finde ich interessant, wo der Trend eher in die genau andere Richtung geht, wie mir scheint. Nicht nur sind die programmatischen Unterschiede zwischen den großen Parteien immer kleiner geworden. Auch bei den Wählern sind meiner Erfahrung nach Berührungsängste, Schubladendenken und strikte Loyalitäten immer mehr aufgebrochen (der politische Rand mit AfD und Linke mal ausgenommen). Ob jemand CDU, SPD oder die Grünen wählt, spielt heute im Bekannten- und Freundeskreis keine große Rolle. Als meine Eltern in den 1960er Jahren heirateten, war es für Familien noch ein Thema, wenn der zukünftige Schwiegersohn oder die zukünftige Schwiegertochter eine andere politische Färbung hatte. Heute führt das – zumindest in meinem Umfeld – erfreulicherweise kaum noch zu Diskussionen.

One Response to "Politische Gräben"

  • D. H. German JaCobi
    22. Mai 2015 - 23:14 Reply

    Vielleicht bereitet das Volk sich unbewusst vor auf eine Bewusstseinsänderung, die allen klar macht, dass Juristen viel mehr Gesellschaft beeinflussen als Politiker, weil die Justiz mit dem Recht, jeden Bürger platt zu machen mit der Gewalt des Staates, nahezu jedes Verhalten erzwingen kann, aber auch dulden …

    Und weil Gesetze von rechtschaffenen Bürgern respektiert werden, nicht aber von Abgreifern und Beschei§ern, beschäftigen Politiker sich viel zu sehr mit dem Verteilen des Justizversagens auf unsere Schultern. Würden sie unsere Zukunft gestalten auf Grundlage einer halbwegs einschätzbaren Gesellschaft, bekämen sie sicherlich viel mehr Interesse von Bürgern, denen das ewige Gezerfe der Politiker in den Wortschlachthäusern unseres Staates auf die Nerven geht …

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