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Pegida – Schwierigkeiten der Verständigung?

Für Montag, den 19. Januar 2015, wurde das Treffen der Pegida-Teilnehmer – die sich, wie ich in der Günther Jauch-Sendung vom 18. Januar 2015 erfuhr, Spaziergänger nennen – an der Dresdner Semperoper von der zuständigen Behörde abgesagt: Ein oder mehrere Mord-Versuche wären angekündigt worden; die Sicherheit der Versammlung könnte nicht mehr garantiert und die von unserem Grundgesetz gewährte Freiheit der Meinungsäußerung müsste eingeschränkt werden. Der ordnungspolitische Eingriff ist gravierend und alarmierend. Die Dresdner Absage verstärkt das Gefühl einer in der öffentlichen Diskussion kommunizierten zunehmenden Bedrohung und Verunsicherung.

Das ist heute das Problem. Mehr oder weniger sind wir alle Zeugen eines enorm raschen medialen Austauschs über die Ereignisse, Katastrophen und Tragödien und des globalisierten Alltags. Der erste Einfall zur Deutung und Erklärung dominiert häufig (in den Foren des Internets, in den gedruckten und elektronischen Medien) – von dem wir wissen, dass er häufig nicht der beste ist. Aber der erste Einfall bestimmt oft den Tonfall, die Kontexte und die Form einer Kommunikation – und im Fall der medialen Konkurrenz auch das Geschäft. So geht die Verständigung oder Abstimmung auf die in der öffentlichen Diskussion kursierenden Affekte und Bilder manchmal blitzartig in einer Bewegung der Verachtung und Zuweisung von Klischees und Metaphern – wir müssen uns in der medialen Flut eben schnell orientieren und sind angewiesen und dankbar für die, die für uns die Guten ins Töpfchen und die Bösen ins Kröpfchen sortieren.

Wolfgang Thierse, unser ehemaliger Bundestagspräsident, sagte in jener Günther Jauch-Sendung vom 18. Januar das schöne Wort: „Demokratie braucht Geduld.“ Wir haben ständig mit Leuten zu tun, die anderer Auffassung sind und deren andere Auffassung man zumindest aufnehmen muss – um dann zu entscheiden, ob man sie akzeptieren kann oder ablehnen muss. Das ist lästig, anstrengend und mühsam: Man muss andere auch zu Wort kommen lassen und den Impuls eigenen Widerspruchs oder eigener Verachtung (kannste vergessen, kennst du schon, brauchst du nicht hinhören) unterdrücken. Geduld ist einfach gesagt, schwer getan. „Wenn man aus den Demonstrationen in Dresden etwas lesen darf, dann ist es offenbar das dringende Bedürfnis“, schrieb ein Journalist der Süddeutschen Zeitung (24./25./26.12.2014, S. 4), „sich einmal öffentlich auszukotzen“. Auskotzen ist ein abfälliges Verbum – Ausdruck einer schnellen Auswertung und Abwertung. Auskotzen gehört zu einem Alltagskonzept schneller Wirksamkeit, das mit der Aufforderung zum Rauslassen kommuniziert wird: Sag es, dann bist du’s los. Aber so einfach ist es nicht. Heftige Affekte sind kumuliert: lebensgeschichtlich gewachsen. Sie wollen gehört und wahrgenommen werden. Wer zum Auskotzen auffordert, hört die Not und die Verzweiflung nicht – und unterschätzt die Stärke der an den Dresdner Montagabenden kommunizierten Affekte und die Bedeutung der mit ihnen verknüpften Kontexte, die undeutlich von einem psychosozialen Prozess sublimer Exklusion sprechen: vom Gefühl des Verlusts für den Platz in unserer bundesdeutschen Gesellschaft.

Wir verständigen uns in unserer Sprache, die Wortbedeutungen liegen in etwa fest – aber sprechen auch unsere eigene Sprache. Ob wir, wenn wir uns austauschen, auch das Gleiche meinen, lässt sich nur in einem Gespräch überprüfen. Deshalb sind die schnellen Verständigungen in der öffentlichen Diskussion (auf eine Metapher, auf einen Affekt oder auf eine Erklärung) verführerisch und suggerieren die Gewissheit der Überzeugung in einer Sache. Es ist, besagt die Lebenserfahrung, immer komplizierter und unser Nicht-Wissen riesig. Deshalb ist die Verständigung auf ein so genanntes Unwort schwierig. Wer es ausspricht, wird einer bestimmten Haltung zugeordnet und von der Sprachgemeinschaft exponiert. Das Bestehen auf einer Kleiderordnung beschämt die, die nicht über das vorgeschriebene Textil verfügen. An dem Beispiel der Lügenpresse, dem Unwort des Jahres 2014, kann man sich das klar machen. Es war Joseph Goebbels, der bis 1945 für eine Art Amt der Lügen und gebrochenen Versprechen zuständig war, der von 1933 an darauf drängte, eine kritische Presse zu ersticken und abzuschaffen. Heute den Gebrauch des Wortes in den nationalsozialistischen Kontext zu platzieren, ist nicht hilfreich für den Versuch, den Gebrauch des Wortes zu verstehen. Natürlich gibt es eine andere Bedeutung für die abwertende Vokabel der Lügenpresse. Sie lässt sich als der (unglückliche, unbedachte) Ausdruck des Unmuts übersetzen, sich in der öffentlichen Diskussion von einem Medium (gedruckt oder elektronisch) nicht mehr vertreten zu fühlen. So lassen sich auch die vielen Foren des Internets verstehen: Sie entstanden zur Sicherung und Vergewisserung der eigenen Stimme im riesigen, unüberschaubaren Forum der Öffentlichkeit. Im Übrigen empfiehlt es sich, sich gut zu erinnern: Lange Zeit gab es den Vorwurf an den Kölner WDR., als roter Sender (sozialdemokratischer Färbung) eine allzu einseitige Perspektive zu liefern.

Es empfiehlt sich auch, über die Komplexität der globalen Lebensbedingungen nicht den Blick für die Lebensbedingungen in unserer Republik aus dem Blick zu verlieren. Im Augenblick erfahren wir, je nach Lebensgeschichte, Lebenserfahrung und Lebensverhältnissen, die mehr oder weniger tiefe Beunruhigung über gewaltige, buchstäblich schlingernde psychosoziale Umbrüche: Die Finanzmärkte flottieren angesichts einer undeutlich kommunizierten und bei uns umstrittenen Finanzpolitik nach einer aus den Fugen geratenen (unvernünftigen) Finanzwirtschaft, der Euro verliert (gegenüber dem Schweizer Franken und dem U.S.-Dollar); europäische Länder scheinen mehr oder weniger zu kriseln; das Morden und Töten in einigen Ländern Afrikas und des Nahen Ostens veranlasst die verzweifelten Menschen, ihre Heimatländer zu verlassen und sich in Europa anzusiedeln, der Osten Europas befindet sich im Konflikt; der Reichtum westlicher, demokratisch verfasster Länder ist unfair verteilt und lebt von der Ausbeutung der Länder der so genannten Dritten Welt; die Integrationsfähigkeit offener demokratischer Gesellschaften erscheint gefährdet; die Digitalisierung, diese weltweit schwer verständliche Technik, droht und bedroht; ein unheimlicher Klimawandel macht sich bemerkbar – und die Politiker scheinen ihrem impliziten Auftrag der Versorgung, Orientierung und Beruhigung nicht nachkommen zu können. Seit 1989 ist die Bundesrepublik Deutschland frei gesetzt in ihren Möglichkeiten eigener relevanter Politik – wobei die Geheimdienst-Aktivitäten der (ehemaligen) alliierten Länder die bundesdeutsche Souveränität auf eine für die Öffentlichkeit unklare Weise einschränken. Wir leben in einer sehr unruhigen Welt. Es war gut, dass die ARD mit der Günther Jauch-Sendung am vergangenen Sonntag den Versuch eines wohlwollenden, geduldigen Austauschs unternommen hat.

Gleichzeitig bleibt das Problem der Armut nicht nur international, sondern auch bei uns das drängende Problem, das den Unmut der Dresdner Pediga-Demonstranten mitbestimmt, es würde bei uns unzureichend politisch berücksichtigt. Christoph Butterwegge, der Kölner Sozialwissenschaftler, hat daran in der Süddeutschen Zeitung (vom 24./25./26.12.2014, S. 2) erinnert: „Hartz IV hat in erheblichem Ausmaß zur sozialen Entrechtung, Entsicherung und Entwertung eines wachsenden Bevölkerungsanteils beigetragen, der besonders in einer wirtschaftlichen Krisensituation als ‚unproduktiv’ und ‚unnütz’ gilt. Teilweise verhöhnt man Hartz IV-Betroffene regelrecht.“ Christoph Butterwegge sagte nichts zu Pegida. Er machte aufmerksam auf den undemokratischen Prozess der Exklusion. Ihn sollte man im Blick behalten, wenn man miteinander zu sprechen versucht.

2 Responses to "Pegida – Schwierigkeiten der Verständigung?"

  • Linda Papenberg
    22. Jan 2015 - 2:17 Reply

    Auch ich versuche seit Jahren, mich in der Komplexität der Globalisierungswirkungen zu orientieren und dabei geduldig zu bleiben. Es ist unmöglich sich „unabhängig“ zu informieren und sehr anstrengend immer aufmerksam und angemessen skeptisch zu sein.
    Ich brauche auch die Sicherheit meiner überschaubaren Komfortzone!
    Ich möchte mich jedoch nicht manipulieren und unter dem immer noch funktionierenden Paradigma „teile und herrsche“ missbrauchen lassen. Deshalb brauche ich so mutige und klare Analytiker und Querdenker wie den von Ihnen zitierten Christoph Butterwegge als „Licht im Dunkel“. Nicht zum blinden Folgen, sondern zur Erhellung und Erweiterung der Sichtweisen!

    • Gerhard Bliersbach
      26. Jan 2015 - 11:47 Reply

      Christoph Butterwegge ist Klasse – finde ich auch. Schwierig heutige: sich nicht desorientieren lassen vom Nebel der Aktualität. Dafür ist er auch gut.

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