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Der Bart: Oben ohne – ein Tabu

Zwei Drittel aller Männer in Großstädten tragen Bart. Es heißt, sie wollten damit ihre Männlichkeit zurückerobern in verunsicherten Zeiten. Vielleicht ist der Bart aber in Wahrheit ein versteckter Sieg der Frauen.

Als ich ein Kind war, hörte ich oft den Satz, ich solle mich in Acht nehmen vor Männern mit Bart. Die hätten immer etwas zu verbergen. Einen miesen Charakter oder einfach nur eine miese Akne. Dieses kleine Vorurteil aus der Küchenpsychologie hält sich bis heute. Wie haltlos es ist, zeigt ein Blick in die Politik und in die mittleren bis höheren Konzern-Managements, wo man ganz glatt rasiert und bartfrei die größten Schweinereien verbergen kann.

Im Wissenschaftsmagazin Elle habe ich neulich gelernt, dass ein Vollbart Bodenständigkeit und Ehrlichkeit symbolisiert, ein Dreitagebart Ordnung und Genauigkeit und dass der Träger eines Ziegenbarts in den Neunzigern stehen geblieben ist. Viele Jahre tiefenpsychologisch fundierter Therapie kann ich mir und meiner Kasse dank dieser differenzierten Einordung nun also ersparen. Als Dreitagebart-Träger bin ich ordentlich und genau. Vielen Dank dafür. Wenn das meine Managerin wüsste. In Wahrheit trage ich den Dreitagebart aus Verlegenheit: Ich möchte dazugehören, habe aber zu wenig Bartwuchs für den fetten Bart, den Hipsterbart. Das ist so eine Art entweihter Jesusbart. Der ist gerade so angesagt, dass die Isländer nur seinetwegen Europameister der Herzen geworden sind.

Fest steht: Männer mit Bart wirken älter, reifer und maskuliner. Man denke nur an den alten Griechen Sokrates, den weisen Meister vom griechischen Marktplatz, der später auch zusammen mit Karl Marx die Band ZZ Top gründete.

Historisch war der Bart immer umstritten. Peter der Große erhob 1698 eine Steuer auf ihn, weil er das Gesichtsgestrüpp für rückschrittlich hielt. Reiche Kaufleute mussten von nun an 100 Rubel zahlen. Auch der Philosoph Arthur Schopenhauer, ein passionierter Koteletten-Träger, schrieb: „Der Bart sollte, als halbe Maske, polizeilich verboten sein.“[1] Angesagt war der Bart dagegen immer dann, wenn das Männerbild fragil wurde. Anfang des 19. Jahrhunderts galten Männer als zu schwach, um noch ordentlich fürs Vaterland in den Krieg zu ziehen. So ahmten Zivilisten die damals angesagten Schnurrbärte der Offiziere nach, eine Art Rückeroberung der eigenen Gebiete.

Vielleicht ist der männliche Bart auch heute vor allem eine Antwort auf die oft belächelte Verunsicherung des Mannes: Jungs sind langsamer in der Schule und später schneller Alkoholiker. Der Mann bringt sich häufiger um und stirbt früher – oft hängt beides zusammen. Alles, was früher cool war, ist es heute nicht mehr: Saufen, Auto fahren, besoffen Auto fahren, im Stehen pinkeln, Weiber angrapschen. Das macht nur der Araber. Und der hat auch oft einen Bart, der hier aber Salafistenbart heißt. Sein westliches Hipster-Pendant ist weniger radikal. Seine Religion oszilliert irgendwo zwischen dem festen Glauben an das iPhone 7 und die erlösende Kraft des Bio Supermarkts.

Wenn es drauf ankommt, hat die Frau heute das Sagen. Sie entscheidet, ob Kinder kommen oder nicht und wenn ja, wie viele, ob er zum Psychologen geht oder nicht und wenn ja, zu wie vielen. Sie schickt ihn zum Körperpflege-Triathlon, bestehend aus Maniküre, Pediküre, Walküre. Die Küre wird zur Pflicht. Wenn Frauen Bücher schreiben über Fesselspiele und Feuchtgebiete, ist das notwendige Emanzipation. Wenn es ein Mann tut, ist er einfach nur ein sexistisches Schwein. Eine Frau, die magersüchtig ist, ist das Opfer der patriarchalen Gesellschaft. Ein Mann, der magersüchtig wird, sollte einfach mal wieder was Essen.

Der Psychotherapeut Björn Süfke sagt, er müsse seine männlichen Klienten immer wieder ermahnen, von sich zu sprechen und nicht von den Erwartungen ihrer Frauen. Im großstädtischen Milieu, wo die Population an Bartträgern und Spitzensteuersatz-Zahlern kulminieren, muss der Mann zudem noch damit rechnen, dass er im Zweifel maximal als Erzeuger des Nachwuchses gebraucht wird. Den Rest machen die Frauen allein und das weiß der moderne Mann, schließlich ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit nach Scheidung der Eltern auch von seiner Mutter alleine großgezogen worden. Und aus ihm ist doch auch was geworden. Er weiß: Der Vater als Erzieher ist eine potenzielle Position, keine notwendige.

Nur vor dem Hintergrund dieser Gemengelage lässt sich verstehen, warum der Bart so etwas wie ein Refugium von echter, unverstellter Männlichkeit werden konnte. Aber was sagen nun die Frauen zum Bart? Ist er sexy? Wie so oft äußern sie sich paradox, was die Lage weiter verkompliziert. Wenn wir einer Studie der australischen Universität von New South Wales glauben dürfen, wirkt ein bärtiger Mann unter Glattrasierten besonders attraktiv. Umgekehrt aber finden Frauen einen glattrasierten Mann unter lauter Vollbärten genauso attraktiv. Es ist wie immer: Frau will immer das, was sie gerade nicht haben kann. Es ist zum Verzweifeln.

Vielleicht ist das der Grund, warum auch der Bart längst weiblich geworden ist: In vielen Städten sprießen Barbershops aus dem Boden wie Barthaare aus dem Gesicht von Leonardo DiCaprio. Der angesagte Bart ist der rasierte, der gestutzte, mit Bartshampoo gepflegte und mit der Barthaarbürste aus Wildschweinhaar gekämmte Bart, der anschließend parfümiert wird, damit er duftet, glänzt und genau das nicht mehr tut, wozu er da ist: Kratzen!

Fazit: Der Mann von heute muss Bart tragen. Aber am besten ohne Haare.

[1] A.S., Parerga und Paralipomena, Bd. 2, Kap. 19

10 Responses to "Der Bart: Oben ohne – ein Tabu"

  • Ella Strauß
    2. Aug 2016 - 18:48 Reply

    Sehr polemisch und einseitiger Artikel der das Prädikat „psychologisch“ meines Erachtens nicht verdient, da er nicht wissenschaftlich ergründet sondern einzig eine Meinung wiederspiegelt. Den Ansatz teile ich, kann aber den Argumentationsaufbau nicht gut heißen.

  • Eysenbeiss
    3. Aug 2016 - 0:40 Reply

    Wüsste man nicht, von wem der Beitrag stammt, er würde vermutlich gleichzeitig zu Beifalls-, aber auch Missfallensstürmen führen. 🙂

    Nur eins fehlte eigentlich noch, nämlich dem Zitat von Schopenhauer auch dessen Erklärung beizufügen, aber das wäre dann wohl doch zu viel verlangt gewesen.

  • Martha
    3. Aug 2016 - 0:47 Reply

    Ich kommentiere normalerweise keine Artikel, Beiträge, Geschriebenenes im Allgemeinen eben. Ich lese nur. Aber jetzt Gibt’s mal einen Kommentar: Gefällt mir! Ich war vergnügt beim Lesen! Witzig geschrieben. Humor am richtigen Fleck. Wunderbar! In diesem Sinne, vielen Dank dafür! 😉

  • Sionja Tietz
    3. Aug 2016 - 1:40 Reply

    Es ist so, es wird immer nach dem Haar und der Suppe gesucht. Letztlich ist Alles eine Interpretation. Das Innere braucht weder Haar noch Suppe. Es ist so egal! Das Äußere ist die Form, ständig im Veränderung. Ob Bart oder nicht, Bewertungen sind sinnlos.

  • Sabine
    4. Aug 2016 - 12:11 Reply

    Der Bart ist bei den Meisten überwiegend ein Modeaccessoir. Es ist gerade “ in “ den harten,coolen Macho zu miemen. Dies ist genauso durch den Einfluss von ausländischen Männern beeinflusst wie die gebrochene, neue, deutsche Sprache der Jugendlichen. Besser sollte der Mann zu sich selbst und seiner Persönlichkeit stehen, statt sich von grenzwertigen,optischen Vorbildern inspirieren zu lassen. Mich als Frau irritieren besonders diese vollen Kinnbärte , die sehr deutlich Richtung Isis Kämpfer gehen! Es stößt mich ab und macht mir Angst, weil ich den „modebewussten“, normalen Mann nicht mehr von einem idiologisch verirrten Menschen unterscheiden kann. Also mir kommt es dabei in erster Linie auf die Art/Form des Bartes an. Am liebsten sind mir Männer die so cool sind, dass sie sich trauen ihr Gesicht zu zeigen 😉

  • Pointer123
    5. Aug 2016 - 1:58 Reply

    Klasse, die ersten Kommentare kommen wieder nur von Frauen. Anscheinend stimmt der Beitrag. Bin seit 20 Jahren Barttäger und finde diese scheiss Diskussionen um Bärte scheisse.

  • Josef
    9. Feb 2017 - 18:48 Reply

    Ich war vergnügt beim Lesen! Witzig geschrieben. Humor am richtigen Fleck. Wunderbar! In diesem Sinne, vielen Dank dafür!

  • Thorsten
    18. Mai 2017 - 19:40 Reply

    Sehr amüsant verfasst, hat mich als überzeugten Vollbartträger wirklich zum schmunzeln gebracht! 😀
    Aber dass Bartträger älter, reifer und auch maskuliner wirken steht wohl kaum zu Debatte, da sich dies bereits in der Antiken unter Beweis stellen konnte. 😉

  • Sandra
    19. Mai 2017 - 21:28 Reply

    Also ich habe festgestellt, das gerade im Winter bei Mann Bart gerne getragen wird. Vielleicht soll uns das Schutz oder sowas vermitteln.

    Älter macht er wirklich, bei manch Männern 😉

  • Jörg Schilling
    16. Jun 2017 - 11:01 Reply

    Wodurch unterscheiden sich Männer heute noch von Frauen und wie können Männer Frauen noch beeindrucken? Eine Mischung aus Softie und Taliban , dem verständnisvollen, einfühlsamen Begleiter und dem wilden, kämpfenden Mann, dessen kraftvolle Männlichkeit schwer beeindruckt und der als starker Beschützer vor bösen Feinden und Unbilden der Natur taugt. Der Mann hat in dieser Gesellschaftt seinen Platz verloren. In der von Männern domminierten Gesellschaft im arabischen Raum nicht, und dort tragen Männer eben Bärte, als Zeichen ihrer Männlichkeit und Macht. Was hier geschieht ist unausgegorener Klischeekackscheiss, pseudomännliche bärtige Ritter traurigster Gestalt.

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