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Nous sommes en France

Reisen bildet, sagt man. Wer ins Ausland reist, kann Unterschiede zwischen dem fremden und dem eigenen Land entdecken. Wir waren vor kurzem an der Nordküste der Bretagne. Eine Schulfreundin meiner Frau (aus einem Schüler-Austausch), die wir am Strand trafen, lud uns „zu einem Aperitif“, wie sie sagte, gegen 12 Uhr zu sich in ihr Haus in der Nähe des Meeres ein. Es war herrliches Wetter; wir trafen uns in ihrem Garten. Die beiden hatten sich seit Jahren nicht gesehen. Anlass, die Wiederbegegnung zu feiern. Wie und womit? „Mit einem Glas Champagner?“, fragte die Freundin. Wir stutzten und schauten uns an: so früh ein alkoholisches Getränk? Nun gut: mit einem Glas Champagner. „Nous sommes en France“, sagte sie lachend.

Wir sind in Frankreich. Der Satz, obgleich kurz und selbstverständlich, ging mir nach; in ihm, schien mir, verdichteten sich viele Kontexte und viele Differenzen. Was hätte ich an ihrer Stelle zu Hause angeboten und gesagt? Einen Kaffee? Ein Mineralwasser? Ein Bier? Ein Glas Wein? Hätte ich gesagt: Wir sind in der Bundesrepublik? In Deutschland? Wohl kaum. Als eingekölnerter Westdeutscher (40 Jahre lebte ich dort) wäre ein Kölsch typisch gewesen. Aber zu diesem Anlass hätte es nicht gepasst. Hätte ich gesagt: Wir sind in Köln? Vielleicht. Wo geht es überhaupt in der Bundesrepublik typisch bundesdeutsch oder deutsch (was wir ja heute nach dem 3. Oktober 1990 der Einfachheit halber zu sagen pflegen) zu?

Nous sommes en France – so verstehe ich diesen Satz – kommunizierte dagegen die Gewissheit einer Zugehörigkeit zu einer alten, sehr leibnahen Kultur der Geselligkeit unabhängig von den regionalen Eigenheiten Frankreichs. Die Kultur des La France mag erodieren; es mag unsicher geworden sein, wer sie noch wie leben kann; aber sie scheint, wenn ich diese Begegnung als einen empirischen Beleg werte, noch einen gefühlshaften, unsichtbaren Ort zu bedeuteneine gewisse Sicherheit des Gefühls von Identität. Wie sehr dieses französische Gefühl von Identität gefährdet ist und ob es die Gesellschaft trägt, wie weit es von wem geteilt und gelebt wird, ist unklar; zur Zeit dominieren die Nachrichten von der wirtschaftlichen Krise Frankreichs und von der Beunruhigung über eine schwer abzuschätzende Attraktion Ressentiment-geladener Politik.

Die Identität – ein luftiges, weil schwer greifbares, aber enorm bedeutsames individuelles wie psychosoziales Konzept – ist gewissermaßen das affektiv hochbesetzte Grundmuster für die Sicherheit des Lebens in einer Gesellschaft. Sie enthält das Versprechen einer Form interaktiver Beweglichkeit und Lebendigkeit. Sie ist die über Jahrhunderte vermittelte und die eigene, individuell erfahrene interaktive, kommunikative und narrative Handlungspraxis. Sie trägt – unabhängig von den ökonomischen Berechnungen – zu dem unsichtbaren, aber erlebbaren, Reichtum einer Gesellschaft bei, der sich vielleicht in den Gesamtkosten eines Landes bemerkbar macht. So hängt möglicherweise die Wirksamkeit der sogenannten Mittelmeerdiät nicht nur von den Zutaten der Speisen ab, sondern auch von der kulturellen Form, in der sie genossen werden. Die Identität ist auch ein evolutionäres Konzept, sie entwickelt sich langsam, beharrlich über lange Zeiträume. Deshalb steht für ein Land wie Frankreich mehr auf dem Spiel als das Problem unzureichenden wirtschaftlichen Wachstums – die Formen des Lebens sind bedroht.

Die eigene Identität erfährt man mehr oder weniger deutlich in der Begegnung mit anderen Identitäten. Mein Gefühl bundesdeutscher Identität empfinde ich als labil und beschwert. In der Wahrnehmung des Satzes Nous sommes en France steckt natürlich mein Neid. Der Satz Wir sind in der Bundesrepublik Deutschland geht mir eher spöttisch über die Lippen. Das ist sicherlich das Problem meines Alters – ich bin etwas älter als die Bundesrepublik und geprägt von unserer zerrissenen Nachkriegszeit. Jüngere Leute werden, wenn ich richtig sehe, meinen Neid und meine Sehnsucht nicht teilen. Glücklicherweise lebe ich in einem mittlerweile bunten Land, in dem die Jahrzehnte währenden Begegnungen mit anderen Lebensformen und nicht vertrauten Identitäten den schwierigen und komplizierten Prozess des Austauschs über unsere kulturellen, institutionellen und psychosozialen Übereinkünfte im Kontext unserer Identitätsbildung enorm belebt haben.

2 Responses to "Nous sommes en France"

  • nora
    17. Sep 2014 - 23:34 Reply

    Sehr schön formuliert, besonders freut mich wie positiv der Autor die neue Generation und dessen Identitätsempfinden wertet. Oft, so scheint es mir, fühlen sich die Älteren überlegen, „was weißt du denn schon“, oder Ähnliches.
    Nora35

  • stephanie
    14. Dez 2014 - 2:37 Reply

    ich finde die Aussage über die jetzigen jungen Erwachsenen auch sehr treffend, gott sei Dank sind sie freier. Ich gehöre zu der Generation dazwischen, mit Jahrgang 1965 wurde ich noch so erzogen, dass das eigene zu Hause heilig und nicht für andere Augen bestimmt. Es mag an der Mentalität der Nachkriegsgeneration liegen, die sich für ihre „ärmliche“. Lebensweise geschämt haben, es kann aber auch daran liegen, dass historisch Deutschland immer von irgend Jemand besetzt war. In meinem jungen Erwachsenen Leben habe ich das anders gelebt, Nachbarn waren Freunde und es wurde zusammen gekocht oder Karten gespielt, heute ist es wieder das Gegenteil, ich möchte gar nicht, dass Jemand in meine persönlichen Räume kommt. Aber da liegen persönliche Erfahrungen zu Grunde.
    Für mich und meine Familie drückt sich Gastfreundschaft im gemeinsamen Essen aus, für mich ist typisch rheinländisch (Nähe Köln), zusammen Essen, klönen. Als motto etwa „Komm rein, iss mit uns, lass uns ein Verzällchen halten. Aber das mit Deutschland, oder der Bundesrepublik in Zusammenhang zu bringen, fällt mir auch schwer. Als Deutsche werde ich im Ausland ungeren identifiziert, in den Franz. Alpen, abseits der Touristenorte, kommt das nicht gut, da kann es passieren, dass man keinen Sprit fürs Moto bekommt, im Retüestaurant unfreundlich oder wiederwillig bedient wird. Es wird noch einige Zeit dauern (20-30)Jahre, bis die „Deutschen“ ihre Identität gefunden haben, aber dann als Europäer, hoffe ich.

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