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Nie wieder!

Krieg

Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
Aufgestanden unten aus Gewölben tief.
In der Dämmrung steht er gross und unerkannt,
Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand

(Georg Heym, 1887 bis 1912)

Diese berühmte erste Strophe eines längeren Gedichts schrieb ein Dichter, der nicht einmal etwas von den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts hat wissen können. Er wurde gerade mal 25 Jahre alt. Wie kam er zu einer solch finsteren Vision in einer Zeit, die in der europäischen Geschichtsschreibung als friedliche Gartenlaube gilt?

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

Diese ebenso berühmt gewordene Strophe aus einem Gedicht von Bertolt Brecht entstand kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in seinem schwedischen Exil.

Oder: Was sind das für Zeiten, wo ein Blog über ein Thema unserer psychischen Befindlichkeiten plötzlich ein Schweigen über so viele Untaten einschließt, keine zwei Flugstunden von uns entfernt? Lebten wir in der Gartenlaube, dass wir dachten, Krieg in Europa könnte nie wieder eine Option sein? Das dachten wir doch, und das war gut so. Es können nicht genug Weltbürger Krieg in Vergessenheit geraten lassen. Krieg beginnt im Kopf, zum Beispiel in Köpfen von Politikern mit Profilneurosen, die nicht genug dafür tun können, „um in der Mauer des ultimativen Vergessens“, wie es einer nannte, einen Kratzer zu hinterlassen, koste es Menschenleben so viele es wolle. „Wer Frieden wolle, bereite den Krieg vor“, gehört auch in diese Schublade – unwichtig, von wem das Zitat stammt, es gibt sie in jedem Land, und wenn sie die Oberhand bekommen, dann haben wir, was sie vorbereiten: Krieg.

Die Intellektuelleren unter den Kriegsvorbereitern, die nicht genug „Frieden“ in Mikrophone rufen können, verfallen einem anderen Glaubenssatz: Sie haben das „Nie wieder!“ entdeckt. „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Rassismus! Nie wieder Atomkraftwerke!“ Sie können nicht genug Kränze hinstellen und Schlaufen richten, aufs Knie fallen vor Gedenkstätten, sich mit religiösen Würdenträgern zeigen, die allenfalls gerade Waffen gesegnet haben. Und sie haben eine ganze Skala von Formeln, je nach Anzahl der Opfer: von „besorgt“, „sehr besorgt“, „betroffen“, „sehr betroffen“, „erschüttert“, „tief erschüttert“ über „entsetzt“ bis zu „fassungslos“ – wobei nur noch ein Millimeter fehlt bis zu „zu allem entschlossen, dass es nie wieder …“.

Und tatsächlich, da haben wir es wieder: ganz normaler Krieg in Europa, wahlloser Artilleriebeschuss in Städte hinein, auf Marktplätze, Spitäler, Menschen ohne Wasser und Strom in feuchten Kellern. Und wo es ausgesehen hat wie bei uns, bloß zwei Flugstunden entfernt: zerschossene Quartiere, verbogenes Eisen, blutverschmierte Pizzerien, ausgebrannte Fahrzeuge, abgeschossene Flugzeuge, sogar Verkehrsflugzeuge, Kriegsgefangene in Lagern, Misshandlung – Berlin 1945. Von den unsäglichen Gräueln im Nahen Osten, bloß eine halbe Stunde Flugzeit weiter, ganz zu schweigen.

Weltkalifat! Das Mittelalter schien so weit zurück, dass es nicht einmal mehr ein „Nie wieder!“ wert war, die Antike mit ihren Steinigungen und Kreuzigungen erst recht. Denkste! Was in Köpfen überlebt und was diese Islamisten – womöglich vormals brave Studenten einer Historischen Fakultät im aufgeklärten Westen – der sensationsgeilen Weltpresse vorführen, sind gespeicherte Bilder. Ob aus der Qualitätspresse oder aus Gewaltvideos und Killergames heruntergeladen – was tut’s. Es ist Kopfkino in Realität inszeniert. Wer Geschichte nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen? Ist es nicht umgekehrt?

Wir wollten es vergessen, aber haben es wohl immer geahnt: Von „Nie wieder“ zu „Schon wieder“ fehlt bloß ein Millimeter. Ich kann mir unsere scheinbare Gelassenheit angesichts Krieg als ganz normale Option europäischer Politik nicht anders erklären. Annektieren wir doch mal einen Teil eines anderen Landes, nach 14 Tagen weltweiter Empörung wird eine neue Sau durch die Medienlandschaft getrieben, wenn nicht, lassen wir sie selber los. Nennen wir sie Ostukraine, dann vergessen sie die Krim.

Tatsache ist: Krieg ist über Nacht wieder eine ganz normale Option geworden. Wir haben bloß kurz hochgeschaut und richtig festgestellt: Da hängt es nach wie vor, das Damoklesschwert. Aber wir sind gestern zur Arbeit gegangen, wir gehen heute zur Arbeit, der Kleinste kommt im Frühling in den Kindergarten und die Ferien sind gebucht – nicht in die Ostukraine und nicht nach Syrien, auch nicht nach Afghanistan und nicht nach Nigeria, schon gar nicht nach Somalia. Und der eine oder die andere wird Psychologie Heute am Flughafen kaufen oder online im Flugmodus öffnen, damit das Flugzeug nicht etwa notlanden muss in der Ostukraine oder an einer der 40 anderen Destinationen, in denen Kriegszustände herrschen, wenn sie die Fluglotsen unserer Sehnsüchte nicht ohnehin umfliegen.

Ja, da hängt es nach wie vor, das Damoklesschwert, es hat noch andere Namen als Krieg. Und wir würden vollends verrückt werden, wenn wir täglich hochschauten, ob der Faden noch hält. Und das ist gut so! Doch es ist nicht gut, dass es nach dem letzten Krieg, der unsere Lande und nicht andere verwüstete, verständlicherweise in Mode kam, das Vergessen und Verdrängen des Teufels zu finden. Ich finde, es können nicht genug Menschen Schreckliches vergessen. Davon könnte die Dicke des Fadens abhängen, an dem unser aller Schicksal hängt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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