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Nicht die Aufmerksamkeit ist gestört, sondern die Welt, in der die (Un)Aufmerksamen leben

Wenn wieder einmal Fußballweltmeisterschaft ist oder ein anderes sportliches Großereignis wie die Olympiade und ganze Nationen Höchstleistungen feiern, denken wohl nur wenige über die große Lüge nach: Ziel ist die Teilnahme, nicht der Sieg. Gerade in den Sportarten, in denen es inzwischen um Bruchteile von Sekunden geht, wird eine menschliche Leistung in höchster Anspannung benötigt: die Konzentration, die Aufmerksamkeit für eine Aufgabe, welche in kürzester Zeit optimal erledigt werden muss.

Die Konsumgesellschaft feiert sich in solchen Szenen selbst. In ihr wird Aufmerksamkeit knapp und deshalb hoch geschätzt. Der Fußballer beim Elfmeter, der Skispringer, die Schwimmerin – sie alle müssen in Sekunden entscheiden, was zu tun ist, um Erfolg zu haben oder zu scheitern.

Wenn sich sportliche Leistungen immer noch steigern lassen, scheint das den Wahn zu bekräftigen, dass auch der Durchschnittsmensch in der Bewältigung seiner Aufgaben noch zulegen kann. Das ist soziale Medizin gegen die Sorge, dass dieselbe Welt, die Höchstleistungen feiert, auch früher unbekannte Krankheiten und Störungen produziert. Eine davon ist ADHS, das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom, eine andere die Legasthenie. Die Dogmatiker von Sitzfleisch und Willenskraft fordern von den betroffenen Kindern, sich anzustrengen, sich zu konzentrieren, sich zusammenzunehmen, fleißig zu üben. Die Experten wissen, dass genau das so lange nichts bringt, wie rücksichtslos Normen eingefordert werden. Die betreffenden Kinder brauchen Rücksicht auf ihre speziellen Schwächen und gezielte Übungen; Druck macht sie noch unkonzentrierter.

Als ich selbst kleine Kinder hatte, lebte ich einige Jahre in einem verlassenen Steinhaus in Italien. Ich genoss das freilich auch etwas mühevolle Privileg, in eine Welt einzutauchen, in der es keinen Straßenanschluss, keine Elektrizität und kein fließendes Wasser gab. Hier wurde mir deutlich, wie entspannt es sich unter diesen Umständen mit Kindern lebt. Sie können nichts kaputt machen und müssen nicht dressiert werden, an jeder Straßenecke aufzupassen. Sie sind aktiv und dann sind sie müde.

Es ist natürlich keine Lösung, in Verhältnisse zurückzukehren, die vor 150 Jahren in Europa noch so selbstverständlich waren wie gegenwärtig nur noch in entlegenen Gebieten Afrikas oder Indonesiens. Aber das Wissen um die permanente und penetrante Überforderung der menschlichen Aufmerksamkeit durch die Mischung von Bewegungsmangel und Bildschirmreiz könnte doch dazu beitragen, dass uns Einfühlung und Toleranz für die Kinder und Erwachsenen wieder leichter fallen, die schlechter als andere mit den normierenden Anforderungen einer hochzivilisierten Umwelt umgehen können.

Man wird in keinem Industriestaat Führer eines Hochgeschwindigkeitszuges, ohne viele Jahre tonnenschwere Lokomotiven unbeschadet von A nach B gefahren zu haben. Daher ist es auch verständlich, dass sich vor zwei Jahren Francisco José Garzón Amo, Führer der Lok eines bei Santiago de Compostela entgleisten Zuges, nicht erklären konnte, was passiert war: „Ich sage es Ihnen ganz ehrlich, dass ich es nicht weiß, ich bin doch nicht so verrückt, nicht zu bremsen“, sagte er bei seiner Anhörung vor Gericht. Viele Tausend Mal hat er im richtigen Moment gebremst, jetzt ein einziges Mal nicht! So sehr er versucht, den Fehler in seiner Erinnerung zu fassen, er findet nur die grausamen Folgen. Amo soll gesagt haben, er würde lieber sterben, als mit seiner Schuld leben zu müssen. Die Vertreter der Großtechnik werden behaupten, die Ursache des Unglücks sei menschliches Versagen. Es missfällt mir, und ich mag mich nicht damit abfinden, dass Menschen mehr und mehr zu Schwachstellen in einem System werden, das Unaufmerksamkeit derart rabiat bestraft.

Es ist nicht menschenmöglich, immer hoch konzentriert zu sein. Nicht der Aufmerksamkeitsmangel ist das Problem, der heute schon Schulkindern immer öfter nachgesagt wird, sondern das penetrante, manchmal unerfüllbare Aufmerksamkeitsbedürfnis unserer Technik und der von ihr geprägten Erziehung. Wer träumt und spielt, hat keinen Platz. Nicht menschliches Versagen ist für viele Unfälle verantwortlich, sondern ein vom Geschwindigkeitsrausch besessenes System, das den Unaufmerksamen in wenigen Sekunden zum Todesengel macht.

8 Responses to "Nicht die Aufmerksamkeit ist gestört, sondern die Welt, in der die (Un)Aufmerksamen leben"

  • Markus Brandenburg
    22. Jul 2014 - 13:51 Reply

    Ich danke Ihnen für diesen Artikel. Es entspricht ganz meiner Auffassung, das nicht die mit ADHS betietelten Kinder ein Problem haben – oder gar das Problem sind, sondern eine Gesellschaftsordnung, die nur rasanten Anstieg kennt. Wenn mir der Blutdruck steigt, werde ich unruhig – und will nur noch weg. So auch die Kinder, die zum Glück noch sensibel genug sind und uns zeigen, dass etwas nicht stimmt.
    Kann ich es mir selber noch gönnen, mal einfach freies Kind zu sein, mal nicht leisten zu müssen, auch in der Partnerschaft oder Freizeit??? Das würde der Seele und dem Körper unendlich gut tun…

  • Karin Born
    22. Jul 2014 - 13:53 Reply

    Der Artikel spricht mir aus der Seele!!!
    Bei all diesen sportlichen Ereignissen betone ich immer wieder insbesondere meinem 15-jährigen Sohn gegenüber, daß es meines Erachtens nicht auf die Zehntel- oder Hundertstelsekunde oder den Nanometer ankommt, sondern auf den Sport, der Spaß machen darf und Zusammenhalt mit den Kameraden bringen soll.
    Da imponieren mir so manche Szenen aus den Parolympics, wo Kameraden anhalten, umkehren und dann gemeinsam mit dem Schwächeren ins Ziel einlaufen.

    Und ganz wichtig ist für mich auch der Alltag mit dem Geschwindigkeitswahn, dort bewußt für logische Langsamkeit zu sorgen, so daß man auch noch bremsen kann.
    Erst vor ein paar Tagen fuhr ich mit meinem Sohn hier durch den Ort, es besteht 40km/h -Begrenzung. Ich fuhr noch etwas langsamer, als wir Geschäfte und Tavernen passierten. Großes Unverständnis bei meinem Sohn: „warum schleichst Du so??“ Auf dem Rückweg sprangen genau aus einem Restaurant zwei Kinder auf die Straße, absolut ohne auf Autos geachtet zu haben. Zum Glück war ich wieder langsamer als vorgeschrieben und aufmerksam. Da verstand mein Sohn, was ich meine.

    Vielen Dank für Ihren Artikel, den hoffentlich viele Menschen lesen und umsetzen!

    Mit besten Grüßen aus Samos

    Karin Born

  • Patric Dietz
    22. Jul 2014 - 13:56 Reply

    Ich kann diesem Beitrag nur zustimmen. In meiner täglichen Arbeit als Hypnose-Coach und Mentaltrainer sehen ich fast täglich die Folgen der Anforderungen unserer heutigen Gesellschaft. Da würden uns einige Jahre in Italien sehr gut tun und die meisten meiner Klienten wieder in die Spur bringen. Leider ist dafür keine Zeit.

  • nelu
    22. Jul 2014 - 14:11 Reply

    Es stimmt ganz genau.Wie kann man eine Loesung finden?

  • Cologneknight
    22. Jul 2014 - 16:42 Reply

    Gott sei Dank, gibt es zu jeder Zeitströmung auch immer eine Gegenbewegung; soll heißen, Menschen, die erkennen, das etwas falsch läuft und dagegen steuern. Die meisten Menschen in den hochtechnisierten Ländern glauben, die Technik, insbesondere Kommunikationstechnik wie Internet und Smartphones unterstütze den Menschen nur und fungiere als ausgelagertes („outgesourctes“) Gehirn, um Informationen zu speichern, die ein armes kleines Menschengehirn alleine sich gar nicht merken könne!
    Weit gefehlt! Vielmehr reißt uns die dauernde Erreichbarkeit, sowie die Speicherkapazität der digitalen EDV in einen Höllenstrudel, mittels unserer geistigen Kapazitäten mit der Computertechnik mit- und/oder dagegenhalten zu müssen, was vollkommen illusorisch, ja sogar absurd ist.
    Die einzige Lösung ist eine Konzentration des Menschen auf ACHTSAMKEIT. Achtsamkeit mit sich, den eigenen Gedanken, Wünschen, Gefühlen als auch den körperlichen Befindlichkeiten und Einschränkungen. Wir alle müssen lernen, wieder die Natur unsers Selbst zu erkennen und zu akzeptieren. Erst daraus können wir zu unseren geistigen und physischen Einschränkungen (siehe z.B. MultitaskingUNfähigkeit des Menschen) stehen und setzen uns nicht permanent unter Zwang, letztlich das Selbe leisten zu wollen/müssen wie eine Maschine. Unsere Kinder, die bereits verstärkt diesem Zwang zur „Perfektion“ unterworfen sind, zahlen bereits die Zeche dieses Wahns. Eine erste Lösung ist: Werden wir für uns selbst und unsere Mitmenschen achtsamer, lernen wir unsere Menschlichkeit akzeptieren und nehmen wir das mörderische Tempo raus, in dem wir uns und unsere Umwelt verändern wollen. ADHS u.a. „Krankheiten“ gehören genauso schnell der Vergangenheit an, wie sie entstanden sind!

  • Tom
    22. Jul 2014 - 17:06 Reply

    …herzlichen Dank für die Darstellung eines kleinen Teils der Umstände wie uns tatsächlich stets und ständig, alltäglich umgeben…mehr mehr mehr und das ganze bitte, schneller schneller schneller, ein absoluter Wahnsinn!

    Eine Besinnung darauf was wirklich wichtig im Leben ist, nämlich der Mensch mit all seiner Individualität und völlig einzigartigen Fähigkeiten, sie findet leider immer seltener statt…

  • marita
    22. Jul 2014 - 17:14 Reply

    Ich bin seit 47 Jahren Lehrerin.Diesen Beitrag finde ich sehr wervoll.Er spricht mir aus dem Herzen.Eine der wichtigsten Fragen hirzu möchte ich hier anfügen.Können wir alledem noch Herr werden? ADHS erlebe ich so oft und in so kompakter Form, dass ich diesen Kindern kaum noch gerecht werden kann.Fast jedes dieser Kinder bräuchte eine Einzelbeschulung.Mitunter ist man so allein gelassen und man möchte diesen Kindern so gern helfen.

  • Friederike Gerling
    9. Aug 2014 - 2:34 Reply

    Hypnose oder hypnotische Phantasiereisen sind in der Arbeit mit Kindern eine Alternative. Keine Alternative zu italienischen Steinhäusern ohne Strom zwar, aber immerhin. Sie ist nebenwirkungsfrei, im Gegensatz zu den Medikamenten. Oft aber kommen nicht die Eltern, sondern die Großeltern mit ihren Enkeln. Vielleicht, weil die noch die Erfahrung haben, dass es nicht normal ist, mehr vor Bildschirmen als draußen zu sein.

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