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Neukölln reloaded

Seit ich nach Berlin gezogen bin, das ist jetzt 15 Jahre her, lebe ich in Nord-Neukölln. Als ich hierher kam, stand ein Bericht in einer der führenden politischen Zeitschriften über Neukölln mit der Überschrift: Die Bronx von Berlin. Über zwei Seiten erstreckte sich das Bild der Würstchenbude direkt an der Ecke, die es immer noch gibt und die damals wie heute ein gutes Geschäft macht. Genauso stellte es sich auch mir da.

Zwei Monate nach meiner Ankunft, es war Heiligabend und ich erwartete Besuch, hörte ich eine Polizeidurchsage über Megaphon, in türkisch und deutsch mit dem Inhalt: Zwei Häuser weiter sei ein Mann erstochen im Hausflur aufgefunden worden, wenn jemand etwas gesehen oder gehört habe, solle er runterkommen zwecks Aussage. Kurze Zeit später sah ich, wie zwei Männer in der U-Bahn mit einer großen Knarre herumhantierten. Ich schluckte und drehte mich weg, in der Hoffnung, dass mir das Abwiegen der Waffe in der Hand erspart bleibt. An die Drogendealer in der Hasenheide hatte ich mich schon gewöhnt. Wenn man keine teure Markenjacke trug, die bei der Jugend damals begehrt war und nicht in die Drogenmafia verwickelt war, dann wurde man gewöhnlich in Ruhe gelassen. Leben und leben lassen lautet die Devise, heute wie damals.

Einen Monat später wurde ein Mann überfahren, vor meinen Augen. Er war ziemlich angetrunken und wankte über die rote Ampel, als ein Auto mit türkischen Jungs, die sich in Papas Mercedes gerade ein Rennen mit einem BMW lieferten, ihn in voller Fahrt erwischten. Der Mann flog fünf Meter vertikal nach oben und landete praktisch wieder an der gleichen Stelle. Gleich darauf rappelte er sich auf und setzte seinen Weg auf die andere Straßenseite unbeirrt fort, diesmal hinkend. Das Auto, das ihn getroffen hatte, hatte einen Totalschaden. Von der Polizei wurden meine Personalien aufgenommen und später saß ich dann sogar als Zeugin in der Verhandlung. Dem Mann war nichts passiert außer ein paar Prellungen. Er war so betrunken gewesen, das er nicht gemerkt hatte, was mit ihm geschah. Aus diesem Grunde war er entspannt geblieben, was ihm das Leben gerettet hatte. Die Geschwindigkeit des Unfallwagens betrug 93km/h. Seitdem weiß ich, wenn mich jemand überfährt, werde ich versuchen, total locker zu bleiben.

Ich merkte schon, Neukölln war einfach ein anderes Pflaster als das beschauliche akademische Münster, wo ich gewohnt und studiert hatte. Dort trugen sogar die Bettler Anzüge. Ich war trotzdem glücklich und fühlte ich mich in Berlin zu Hause mit dem Multikulti-Publikum. Die Hermannstraße war eher türkisch, die Sonnenallee  in arabischer Hand und dazwischen immer wieder schwarze und schwul/lesbische Enklaven. Wir konnten uns nach Gusto anziehen, keiner mokierte sich über irgendwas. Ich gewöhnte mich auch an den Neuköllner Schick aus Jogginghose und Schlabberpulli, mit dem ich dann auch schon mal ins Bett gehen konnte. Wenn ich arbeiten ging, dann zog ich mich leger an, weil „schick“ das Einzige war, was auffällig und verdächtig schien.

Die Veränderung kam erst schleichend und wurde dann immer schneller. Erst kamen ein paar kleine improvisierte Cafés und Clubs unten an der Weserstraße, die wir natürlich auch nutzten. Nach der Vorstellung brauchten wir nicht extra nach Kreuzberg oder Mitte zu fahren, das war praktisch und schonte den Geldbeutel. Das erste Mal hatte ich einen Aha-Effekt, als ich im Neuköllner Style zum Bäcker wollte. Plötzlich hielt ein Reisebus neben mir und bevor ich mich versah, stand ich zwischen einer großen Gruppe von Asiaten, die gerade ihre Rollenkoffer aus dem Gepäck fischten. Dann knipsten sie ein paar Bilder und schon waren sie im Mercure Hotel verschwunden. Mir stand der Mund immer noch offen, so wurde ich zum Fotomotiv, als Neuköllner Einheimische. Die asiatische Busgruppe war nur der Vorbote einer großen umfassenden Veränderung, die Neukölln erfassen sollte. Fast wöchentlich schossen neue Clubs und Cafés aus dem Boden.

Dann kam der Prenzlauer Berg-Schick über unseren Stadtteil. Junge modebewusste Eltern, die teure Boutiquen und Bioläden mit sich brachten. Als eine Mutter in reinem Schwäbisch ihrem Sohn hinterherrief: „Noah-Johannes, net in die Hundekaka setza, des isch fei a Prada Jeans“ – da fand ich es nicht mehr lustig. Vorbei war die Zeit der bequemen und lockeren Kleidung fern von allen Eitelkeiten. Plötzlich merkte ich, wie ich zum Schrippen kaufen vor dem Spiegel stand. Die Läden hießen nicht mehr Rudis Resterampe, Bierbaum und Trödel Dödel 1-4 sondern Silverfuture, Fräulein Frost und Katies Blue Cat. Entsprechend teuer wurden die Mieten. Ich hörte immer „Neukölln ist das neue Kreuzberg“.

Als nächstes kamen die Studenten und der Partytourismus aus aller Welt. In der Nacht ist es laut geworden und wenn ich mit der U-Bahn fahre, leert sich der Wagon jetzt hier. Es wird nur noch Englisch gesprochen und plötzlich fühle ich mich wie eine Touristin vor der eigenen Haustür. Vor allem auch, weil der türkische Gemüsehändler sein Gemüse jetzt in englischem Singsang feilbietet: „ Pooootaaaatööös, Aaaaappppples, Fruiiiiits und Veeeegetaaabbles.“ Seit wann hatte der Englisch gelernt, der konnte doch nicht mal richtig deutsch? Ganz orientalischer Verkaufsexperte, hatte er das deutsche einfach übersprungen und sich seiner neuen kaufkräftigen Kundschaft zugewendet. Spätestens da wusste ich, die Landessprache hatte jetzt von türkisch zu englisch gewechselt. Wir waren ihm abtrünnig geworden mit Bioladen und Gemüsekooperative direkt vom Bauern.

Der Tempelhofer Flughafen trug auch seinen Teil dazu bei. Der stand uns jetzt als Freizeitpark offen. Fahrradfahren, Inlineskaten, Drachenfliegen und Kitesurfen auf Rollen. Nachdem wir das Feld, mit Unterstützung aller Berliner, vor der Bauwut des Senats gerettet hatten, war keiner Sportart Grenzen gesetzt. Auf dem Plakat der „pro Feld“-Bewegung war Wowereit abgebildet, etwas dick und aufgedunsen mit dem Spruch darunter: „Würden Sie diesem Mann noch einen Flughafen anvertrauen?“ Als ich im Winter den ersten Wintersportler in voller Skiausrüstung um die Ecke biegen sah, fand ich das erst surreal, dann gewöhnte ich mich daran. Jeder Jeck ist halt anders, wie der Kölner zu sagen pflegt.

Ich lasse mich von der vielbesprochenen Gentrifikation nicht vertreiben. Ich bleibe hier wohnen, und habe mich schon für Englisch bei der VHS angemeldet und ein Skilanglanglaufkurs kommt auch noch dran. Wenn es noch ordentlich schneit dieses Jahr,  dann wird vielleicht aus Neukölln das neue Ischgl.

 

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