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Neues aus Digitalien

Auf der Multimedia-Seite meiner lokalen Tageszeitung fand ich kürzlich einen Artikel, der mich spontan faszinierte und mir nicht mehr aus dem Kopf ging. Ich habe ihn ausgeschnitten, und er dient mir nun als Beweisstück 14c bei Diskussionen über die Digitalisierung der Gesellschaft und ihre Folgen. Besser als dicke Sachbücher illuminiert der kurze Text in wenigen verbraucherfreundlichen Zeilen die Zukunft. Der Text ist überschrieben mit der Dachzeile Social Media: Überblick über die diversen Netzwerke fällt schwer. Hauptüberschrift: Sortierte Kommunikation.

Es geht darum, wie Menschen, quatsch: wie User ihre diversen Kontakte und Kommunikationsströme bei Facebook, LinkedIn, Buzzfeed, Whatsapp, Google+, Instagram, Twitter et cetera so steuern können, dass sie sich beim medialen Multitasking nicht verheddern. Denn es wäre ja schlimm, eine Nachricht zu verpassen, ein Posting zu vermasseln oder einen Kontakt zu vernachlässigen! Damit das nicht passiert, gibt es nun digitale Hilfe: „Mehrere Tools helfen, den eigenen Social-Media-Kosmos clever zu managen.“ Die Vor- und Nachteile der einzelnen Instrumente werden erörtert.

Es handelt sich also um Apps, die Apps koordinieren. Diese MetaApps  heißen HootSuite, Talkwalker Alerts, Netvibes, Buffer, besonders niedlich: RebelMouse. Und IFTT (If this, then that), nicht zu verwechseln mit TTIP, ist „ein Tool, das beispielsweise Bilder, die auf Instagram einlaufen, in die eigene Dropbox kopiert, und zwar nach bestimmten Wenn-dann-Regeln.“

Der digitale Kontaktwahn hat eine neue Qualität erreicht. Es muss offenbar massenhaft Leute geben, die wirklich Hilfe dabei brauchen, ihre „sozialen Medien“ zu verwalten. Sie sind, in der Muttersprache dieser Technik, terminally connected. Lethal verbunden. Das hört sich in besagtem Artikel so an: „Wenn also neue Follower, nicht aber Retweets der eigenen Postings von sofortigem Interesse sind, kann die entsprechende Push-Mitteilung an- oder abgestellt werden.“ Für digital immigrants und late (oder never) adopters wie mich sind solche Sätze schwer zu glauben: Mit so etwas, mit Retweets, gesharten Fotos und neuen Followers in ihrem Medienkosmos beschäftigen sich Menschen wirklich? Dafür investieren sie nicht nur Geld, sondern wertvolle Lebenszeit? Haben die überhaupt noch einen analogen Alltag? Einer meiner Lieblingsbeweise (16 b) dafür, dass in der Medienwelt etwas aus dem Ruder läuft, ist dieser: Jeden! Tag! werden 1.300! (in Worten: eintausenddreihundert!) Apps! auf den Markt gebracht!

Was bedeutet es für die Psyche, wenn man mehrere social media nutzt und während großen Teilen der Wachzeit telefoniert, simst, liest, postet, chattet, fernsieht? Was passiert im Gehirn, wenn jemand immer tiefer in die anschwellenden digitalen Kommunikationsströme eintaucht? Wie sich ein Information overload, der nur noch mit weiteren Apps und Tools zu managen ist, auf kognitive Schlüsselfunktionen wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Gedächtnis auswirkt, beschäftigt die psychologische Forschung seit langem.

Die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky haben schon vor drei Jahrzehnten in Experimenten festgestellt, dass wir nicht wirklich in der Lage sind, irrelevante Informationen auszublenden. Wir sind so konstruiert, dass wir im Grunde alles wahrnehmen und prüfen wollen, was irgendwie von Belang sein könnte. Deshalb sind wir längst süchtig nach Neuem, nach all den Anregern und Aufregern, die uns ohnehin schon  angeboten werden – und nun digital beschleunigt und vervielfacht auf uns einstürmen.

Aber je mehr Informationen wir zu verarbeiten haben, desto schneller gerät die Sortier- und Rezeptionskapazität an ihre Grenze, der präfrontale Kortex ist chronisch überlastet. Die neuronalen Kosten der Informationssucht sind hoch: Konzentrationsmangel, Nervosität, Gereiztheit, Gedankenflucht, Vergessen, Verwechseln und andere kognitive Fehlleistungen. Eigentlich hülfe ja nur kontrolliertes Kommunizieren – oder gleich ein kalter Entzug. Tools anzubieten, um den Überfluss an Kontakten „clever zu managen“, das ist wie einem Spielsüchtigen zu empfehlen, beim Betreten des Casinos erst ein paar Runden Black Jack zu spielen, bevor er sich zum Roulette begibt.

Ich halte mich übrigens selbst für einen Kommunikations-Junkie, ständig begierig nach Neuem. Ich versuche mit bescheidenem Erfolg, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, Brauchbares zur Kenntnis zu nehmen, zu sammeln, sortieren und abzulegen („auf Wiedervorlage“ hieß der Begriff aus alten Bureau-Zeiten), Filing-Systeme zu erfinden und eine gewisse Ordnung in die vielen Favorites, Websites, Zeitungsausrisse, Notizen, Bücher und Zeitschriften zu bringen. Und diese Sammlungen von Zeit zu Zeit kräftig auszumisten. All das ist auch ohne das Multitasking in mehreren Social Media schon schwierig genug. Denn unsere Kultur hat Information in eine Art Sondermüll verwandelt. Und wie die materiellen Müllberge immer höher wachsen, Landschaften und Meere verschandeln und vergiften, so wächst auch der Infomüll, und wir drohen, darin zu versinken: Unendlich viel Sinnloses, Banales, Saudummes prasselt auf uns ein, aber eben auch Hochinteressantes, Spannendes, Wichtiges. So wie der eingangs erwähnte Artikel.

 

3 Responses to "Neues aus Digitalien"

  • Treutlein
    18. Feb 2015 - 13:03 Reply

    Schön zu sehen, dass Du weiterhin aktiv bist!!!

  • AnGu
    22. Feb 2015 - 0:26 Reply

    Ich vermisse einen link zu vorgeschwärmtem Artikel…

  • Christiane Frenster-Nakayama
    22. Feb 2015 - 19:47 Reply

    Alles halb so wild mit der Zeitverschwendung im Digitalien der Zukunft … seit ein paar Jahren gibt es doch das digitale Klonen … und in ein paar weiteren Jahren werden uns unsere ureigenen Avatare sicher den ganzen zeitraubenden Social-Network-Krempel abnehmen, während wir … ja,was … beschwingt durch grüne Auen wandern (?), uns entspannt, zufrieden und ungestresst Familie und Freunden widmen (?), kreativ an der Entfaltung unserer Talente arbeiten (?), sonstwie unseren analogen Alltag gestalten? Hmm.

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