Go to Top

Lohntütenrauchen

Neues von der Geschlechterfront: Frauen sollen schon bald erfragen dürfen, wie viel ihre männlichen Kollegen verdienen. So will es ein neues Gesetz von Familienministerin Manuela Schwesig. Ein Vorschlag aus der Reihe: Gut gemeint, schlecht gemacht. Am Ende wird es nur für noch mehr Unzufriedenheit bei den Benachteiligten sorgen.

Als er einmal in einem Hotel in Moskau wohnte, fiel dem Philosophen Walter Benjamin auf, dass erstaunlich viele Türen in den Gängen des Hotels nachts nur angelehnt standen. Zunächst hielt er es für Zufall, doch dann stellte er fest: In den Zimmern schliefen Mitglieder einer Sekte, die geschworen hatten, sich nie in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Müde Jünger, denen in offenen Räumen die Messe gelesen wird, nennt man heute Insassen von Großraumbüros.[1]

Alles muss transparent sein, von den Glasfassaden der modernen Bürokomplexe bis hin zu den Glastrennwänden in den erwähnten Großraumbüros: „Material, auf dem sich nichts festsetzt. Ein Feind des Geheimnisses“,[2] wie Walter Benjamin schrieb. Nun ist die Transparenz in den Lohntüten angekommen. Weil Frauen noch immer – je nach Datengrundlage – zwischen sieben Prozent („bereinigt“) und 49 Prozent („im Lauf einer Erwerbsbiografie“) weniger verdienen, sollen sie nun vergleichen können, wie viel sie kriegen im Unterschied zu den männlichen Kollegen.

Das ist ohne jeden Zweifel eine schöne Idee, zumal die Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern im Jahr 2017 ohnehin eine Farce und mehr als beschämend sind. Was aber Familienministerin Manuela Schwesig als große Errungenschaft verkauft, ist eher eine Nebelgranate. Spielen wir, verehrte Leserin, das Szenario einmal durch: Sie haben dieses ungute Gefühl, dass Ihre männlichen Kollegen mehr verdienen als Sie. Was tun Sie also? Wenn es nach dem Ministerium geht, müssen Sie erst einmal in einer Firma mit mehr als 200 Mitarbeitern arbeiten. Sie müssen also schon zu dem erlesenen glücklichen Drittel gehören, für die der Gesetzentwurf überhaupt geschrieben ist. Ist das der Fall, beschweren Sie sich bitte über den Betriebsrat und werden anschließend mit dem Lohn von sechs Männern in Ihrer Gehaltsgewichtsklasse verglichen. Ergibt sich ein nicht hinzunehmender Unterschied, „ergreift der Arbeitgeber die geeigneten Maßnahmen zur Beseitigung der Benachteiligung“, heißt es im Entwurfstext. Windiger kann man kaum formulieren. Wer Bock hat, ändert was, wer nicht, der lässt es eben bleiben.

Sollte nichts passieren, können Sie Ihren Arbeitgeber verklagen, was die Stimmung endgültig so vermiesen wird, dass Sie sich gleich einen neuen Job suchen können. Was bleibt von der schönen Idee, ist also im Zweifel die Erkenntnis, dass die Herren mehr verdienen und Sie nichts dagegen tun können, ohne Ihren Arbeitsplatz zu riskieren. Eine Erkenntnis, für die Sie sich nichts kaufen können, außer dass es Sie unzufriedener macht.

Vergleiche mit anderen Menschen sind eine der verlässlichsten Quellen menschlichen Leids. Psychologen unterscheiden zwischen Auf- und Abwärts-Vergleichen. Männer sind am Arbeitsplatz in einem klassischen Abwärts-Vergleich. Vom Thron des Prinzen blicken sie hinab zu ihren Müllerinnen und rufen aus: „Mir geht‘s gut hier oben, was macht Ihr so?“ Siegesgefühle bringen Sieger hervor und Siegern fällt es leicht, Siegesgefühle zu entwickeln. Willkommen im Teufelskreis des Eierschaukelns.

Frauen hingegen geraten so automatisch in die Defensive, weil sie sich nach oben messen. Vergleiche mit Menschen, denen es besser geht, sorgen für Neid, Feindseligkeit, negative Stimmungen.[3] Wer ständig das Gefühl hat, auf der Loser-Seite zu stehen, hat wenig Motivation, an der eigenen Situation etwas zu ändern – erst recht, wenn der Grund eine biologische Disposition ist, die (noch) keine eigene Wahl ist.

Experimente haben gezeigt, dass sich Menschen, die sowieso zur Unzufriedenheit neigen, auch stärker vergleichen. Bekommt ein unzufriedener Mensch ein positives Feedback, ein Kollege aber ein noch besseres, verschlechtert sich die Stimmung des Unglücklichen. Hört er ein negatives Feedback, der Kollege aber ein noch schlechteres, verbessert sich seine Stimmung: „Ich bin scheiße, aber der neben mir ist noch scheißerer und das wiederum ist super!“ Das erklärt auch den alljährlichen Erfolg des Dschungelcamps.

So stellt sich die Lohntransparenz als Scheintransparenz heraus. So, wie man sich in den gläsernen Bürokomplexen immer nur selbst spiegelt und nie wirklich hineinsieht, guckt man am Ende nur in den Spiegel des Wissens um die eigene Benachteiligung. Wichtiger wären bessere Kinderbetreuungsangebote und natürlich einfach gleiche Bezahlung. Transparenz schafft allzu oft nicht Vertrauen, sondern Misstrauen, Zweifel und Neid.

Im Jahr 1993 zwang die amerikanische Börsenaufsicht zum ersten Mal Unternehmen dazu, Einzelheiten über die Gehälter ihrer Topmanager öffentlich zu machen. Das Ziel war es, den Anstieg der Managergehälter zu stoppen. Die anschließenden Medienberichte über die Höhe der Saläre sorgten für Neid. Es bildete sich eine ganze Armada von Beratern, die Manager in Gehaltsfragen zur Seite standen und sie aufforderten, exorbitante Forderungen zu stellen. Das Ergebnis: Heute verdienen Topmanager in den USA das Dreifache von dem, was sie vor der Veröffentlichung ihrer Gehälter bekamen – und damit fast 400-mal mehr als der durchschnittliche Arbeiter.

[1] W.B., Der Surrealismus, in: Gesammelte Schriften, Bd. II,1, Frankfurt am Main, 1980, S.298

[2] W.B., Erfahrung und Armut, a.a.O., S.217

2 Responses to "Lohntütenrauchen"

  • Miriam
    18. Jan 2017 - 1:16 Reply

    Lieber Florian,

    sorry, aber diesen Text kann auch nur jemand schreiben, der sich nicht mehr als 5 Minuten Gedanken zu dem Thema gemacht hat. Es geht hier um institutionalisierte Diskriminierung – ich erwarte von einem Kabarettisten hierzu keine Expertise, aber drei Schlagworte mit einer Prise Pointen und durchaus intelligenten, aber genauso auch austauschbaren Zitaten zu schreiben, machen den Text nicht mehr als einer nicht besonders fundierten Meinung. Das an sich finde ich noch nicht einmal tragisch, aber dass du dafür durchaus auch Applaus aus der falschen Ecke bekommst, stört dich das gar nicht? Bundeskanzler Gerhard Schröder hat ja genau das mal gesagt: Dass es ihm egal ist, wenn er für die richtige Sache Applaus aus der falschen Ecke bekommt. Aber da ging es immerhin noch um eine Haltung. Hier geht es hingegen nur um Bla bla – das kannst du doch besser. Zum Beispiel zu schreiben „wichtiger wären bessere Kinderbetreuungsangebote“ – das ist ja fast schon wieder süß. Als wären von Gehaltsscheren und gläsernen Decken ausschließlich Muttis betroffen. Das ist schon reichlich einfältig, womit ich noch nicht einmal auf das Für und Wider von Ministerin Schwesigs Vorschlag eingegangen sein will, geschweige denn darauf, dass in Schweden zum Beispiel die maximale Transparenz herrscht. Hier würde ich tatsächlich selber auch aus 1000 Gründen Bauchschmerzen haben – aber sicher nicht, weil es an den Grundfesten daran kratzt, auf denen der Old Boys Club gebaut ist. Fazit: Keine erhellende Lektüre. Schade.

    Miriam

  • Dr. Peter Seiler
    22. Jan 2017 - 19:47 Reply

    Lieber Herr Schröder,

    Sie dürfen eines dabei nicht vergessen: es gibt diese Unterschiede auch zwischen Männern und auch zwischen Frauen. Was hier wichtig wäre, sind andere Firmenkulturen und da sind wir bei einem ganz anderen Thema: wieso entscheiden Chefs relativ willkürlich: dieser Mann verdient nur halb so viel wie ein anderer (oder Frau oder Mann / Frau) obwohl er in der gleichen Abteilung die gleiche Arbeit macht. Da wird mit Erfahrung (man spricht ja von Senior Manager und Junior Manager) argumentiert, aber wenn es darum geht eine bestimmte Arbeit zu erledigen, machen sie es beide.
    Ich würde nicht die Unterschiede vorangig anprangern, sonder die Kultur in den Firmen, die sehr oft reine Willkür ist

    Peter Seiler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.